Flensburg und das Kraftfahrtbundesamt : Eine Stadt hadert mit ihren Punkten

Bald ein Bild der Vergangenheit: Doch 20 bis 30 Prozent der neun Millionen Verkehrssünder verbergen sich noch in Papierakten. Foto: Staudt
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Bald ein Bild der Vergangenheit: Doch 20 bis 30 Prozent der neun Millionen Verkehrssünder verbergen sich noch in Papierakten. Foto: Staudt

"Wir sind so bekannt wie Hamburg, aber so beliebt wie Gorleben", klagt Flensburgs Tourismus-Chef. Auch nach mehr als 50 Jahren ist die Stadt mit ihrer Superbehörde KBA nie richtig glücklich geworden.

shz.de von
10. Februar 2012, 07:22 Uhr

Flensburg | Im Grunde geht es Flensburg ähnlich wie den rund neun Millionen im Stadtteil Mürwik registrierten Verkehrssündern aus der ganzen Republik. Die mit fast 90.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Schleswig-Holsteins hat ein zwiespältiges Verhältnis zum Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Wobei das erstaunlich ist für die Beziehung zu einer Behörde, die mit 930 Beschäftigten, darunter 50 Azubis, einer der größten und sichersten Arbeitgeber und Ausbilder der deutsch-dänischen Grenzregion ist - und deren Spezialisten Tätigkeiten nachgehen, mit denen sie sich seit Jahr und Tag um Verkehrssicherheit und Umweltschutz verdient machen: Typgenehmigungen, Fahranfängerstudien, die Überwachung von Schadstoffemissionen oder schnell organisierte Rückrufaktionen. Denn alle aktuellen Halter einer Baureihe kennt außer dem KBA niemand. In der Mürwiker Behörde gibt es sogar ein sechsköpfiges Fahnderteam, das für Polizei oder Staatsanwälte in der Strafverfolgung Daten liefert - etwa, wenn nur Teilkennzeichen vorhanden sind und der Täterkreis schnell eingegrenzt werden muss. Unter den 160 Millionen Auskünften, die die Behörde jedes Jahr gibt, sind sogar sachdienliche Hinweise gegen Väter, die keine Alimente zahlen wollen, oder säumige Bafög-Rückzahler.
Es ist auch nur ein einziges Problem, das die Stadt Flensburg mit Schleswig-Holsteins größter Bundesbehörde hat. Sie ist für Flensburgs schlechtes Image in der Republik verantwortlich: Denn "Punkte in Flensburg", sagt Finn Jensen, Tourismus-Chef der Stadt, sind die allererste Assoziation, die der Bundesbürger mit Flensburg hat, weit vor Beate Uhse, Marineschule, Spitzenhandball oder dem Pils mit dem Plopp: "Es gibt 9,2 Millionen Punkte-Besitzer, die alle den Eindruck haben, dass sie aus Flensburg gegängelt werden", klagt Jensen. Der Tourismusfachmann kann es noch drastischer ausdrücken: "Wir sind so bekannt wie Hamburg, aber so beliebt wie Gorleben." Überregional habe es Flensburg nicht geschafft, sich auf der Landkarte zu positionieren. Da sei Flensburg eben nicht die schöne Stadt an der Ostsee, dessen Hafenspitze direkt in die City reicht - sondern liege irgendwo in der grauen Masse hinter Hamburg. In Dänemark sei dies ganz anders: Dort wisse jeder genau, wo Flensburg liegt. Dänen haben eben keine Punkte in Flensburg.
"Wir müssen uns zu den Punkten bekennen und ihnen ein Lächeln geben"
Vor allem Deutschlands Männer dürften demnach besonders ungern Urlaub an der Flensburger Förde machen - sie sind mit sieben Millionen Sündern im Verkehrszentralregister deutlich überrepräsentiert. Flottes Fahren, Telefonieren im Auto ohne Freisprechanlage - alles, was der mobilen Jugend Spaß macht, wird in Flensburg gespeichert. Jedem Fahranfänger in Deutschland werde doch die Aversion gegen Flensburg antrainiert, findet Jensen. Seine Lösung: "Wir müssen uns zu den Punkten bekennen und ihnen ein Lächeln geben." Doch ob die Punktebesitzer da mitlachen können? Punkte in Flensburg gab es schon auf Flens-Flaschen zum Sammeln - oder als Schokolinsen mit Smiley aus der örtlichen Drageefabrik. Ob die Verkehrssündern schmecken?
Im Kraftfahrt-Bundesamt selbst hat man indes mit den Punkten gar keine Probleme. Im Gegenteil: "Wir stehen dazu, weil sie einen wertvollen Beitrag zur Verkehrssicherheit liefern", sagt KBA-Sprecher Stephan Immen. Und die Stadt müsse aus der Bekanntheit ihrer Punkte mehr machen. Das könne schon mit Aussichtspunkten anfangen.
Negativ seien Punkte ja nur für diejenigen, die sich im Straßenverkehr schlecht verhalten. Für die Allgemeinheit stellten die Punkte sogar einen Schutz dar: "Ich wüsste nicht, wie sich die Menschen auf der Straße verhalten, wenn es das Sanktionssystem nicht gebe."

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