Kleine Pilgerwege in Sylter Landschaft : Eine Pilgerreise für Herz und Sinne

Pastorin Anja Lochner (vorne) und die „Pilgerschar“  Fotos: Lorkowski
Pastorin Anja Lochner (vorne) und die „Pilgerschar“ Fotos: Lorkowski

12 Teilnehmer machten sich gemeinsam mit Pastorin Anja Lochner auf den Weg durch die Braderuper Heide.

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24. August 2018, 15:18 Uhr

Mal fanden sich sieben, dann wieder über dreißig Teilnehmer ein, um sich zum „Kleinen Pilgerweg“ in der Sylter Landschaft mit Westerlands Pastorin Anja Lochner aufzumachen. Am späten Nachmittag des vergangenen Donnerstags kamen, trotz der unsicher erscheinenden Witterung, zwölf Insulaner und Sylt-Besucher (aus Westerland, Tinnum, der Schweiz, Hessen und Bayern) zusammen. Um in der Dünen- und Heideeinsamkeit Braderups gemeinsam zu wandern, zu schweigen, zu hören, zu singen und zu beten.

Mit verschiedenen Autos ging es los. An Bord auch ein voll beladener Bollerwagen voller Käseauswahl, leckerem Brot, Weinflaschen und Mineralwasser. Am Eingang zur Braderuper Heide machten sich die Teilnehmer kurz bekannt und bedachten gemeinsam das Motto ihrer kleinen, zweistündigen Pilgerreise. „Meer“, ein Gedicht Erich Frieds, diente als Leitspruch. „Wenn man ans Meer kommt,“ so Fried, „soll man zu schweigen beginnen.“ Und so standen denn die Sylt-Pilger am Ufersaum des Meeres – wie aus einem Bild des romantischen Malers C.D. Friedrich entlehnt. Sie schauten in die Weite, ließen ihren Gedanken freien Lauf – und schwiegen. Hin und wieder unterbrochen durch Impulse von Anja Lochner. Vielleicht als „Regulierung“ gedacht, um gedankliche Orientierung zu bieten. „Man soll aufhören zu wollen. Soll aus- und einatmen“, hieß es da. Gar der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher kam mit seinem Postulat, dass der Blicks aufs Meer „Grund aller Religion“ sei, zu Wort. Die Pfarrerin erinnerte, bereits barfuß im Wasser stehend, die Teilnehmer an ihre Taufe, schöpfte sodann Meerwasser und sprach jedem Einzelnen unter dem Zeichen des Kreuzes „Du bist ein gesegnetes Gotteskind“ zu.

Zum Abschluss der Veranstaltung gab es ein Picknick am Wattenmeer in Braderup.
Lorkowski
Zum Abschluss der Veranstaltung gab es ein Picknick am Wattenmeer in Braderup.
Tauferinnerung für die Teilnehmer am Meer.
Lorkowski
Tauferinnerung für die Teilnehmer am Meer.

Ein längerer, von Dünen und Meer umgebener Weg, schweigend zurück gelegt, schloss sich an. Von jeher bedeutete Pilgern eine Art von Weltüberwindung. Heute ist für so manchen Zeitgenossen die moderne Art der Überwindung vielleicht noch viel schwerer als damals. Eine Zumutung: endlich einmal den Mund zu halten, das Handy auszuschalten und die Werbe-,Medien- und Bilderwelt hinter sich zu lassen. Mittelalterlichen Pilgern legte man damals nahe, vor ihrem Aufbruch ein Testament zu machen. Das war hier für Braderup gewiss nicht erforderlich. Aber das alte Motto des Mittelalters für den Aufbruch aus dem Gewohnten: „Wirf dich weg!“ das galt wohl auch am Donnerstagabend. Gesammelte Steine nämlich legte die Pilgerschar auf einen Haufen. Und warf so persönliche Sorgen, Ängste und Beschwernisse symbolisch von sich. Beim Weiterpilgern durfte geredet werden. In Zweiergruppen wurde Austausch darüber gehalten, wonach jeden Einzelnen dürstet. Was er sich erhofft und ersehnt. Da war ein eifriges und offenherziges Miteinander-Reden zu beobachten. Es mündete in Ufernähe an einer reich gedeckten Tafel, an der sogar noch ein Kanon zum Erklingen kam, bevor man es sich, sitzend oder stehend, an Käse, Brot, Wein und Wasser gut sein ließ.

Mit dem Abendsegen endete diese bewegende, Herz und Sinne gleichermaßen ansprechende und wohltuende Veranstaltung.


Noch einmal lädt Pastorin Lochner in diesem Jahr zum Kleinen Pilgerweg ein. Termin: Mittwoch, 5. September. Treffpunkt: 17 Uhr am Gemeindezentrum, Kirchenweg 37 in Westerland. Um eine kurze Anmeldung unter lochner@kirche-westerland.de oder 04651/7884 wird freundlich gebeten.

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