Eine Mütze mit bewegter Vergangenheit

Familienbild: Albert P. Lornsen mit seiner Frau Marie und dem Sohn Boy. Alle Fotos: SF/Lornsen
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Familienbild: Albert P. Lornsen mit seiner Frau Marie und dem Sohn Boy. Alle Fotos: SF/Lornsen

Jeden Monat präsentiert Alexander Römer, Museumsleiter der Söl’ring Foriining, ausgewählte Exponate. Heute geht es um die Tellermütze eines Keitumer Seemanns

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22. November 2018, 12:54 Uhr

In einer Serie der Sylter Rundschau stellt Alexander Römer, Leiter der Museen der Söl’ring Foriining, jeden Monat einen Schatz aus dem Sylter Heimatmuseum oder aus dem Altfriesischen Haus vor. Die Objekte, die sich in der Sammlung befinden, sind sehr vielfältig, die damit verbundenen Geschichten und Informationen leider oftmals in Vergessenheit geraten. Museumsobjekt des Monats November ist eine Tellermütze der Marine.

Seit einhundert Jahren ist der Erste Weltkrieg beendet. Zahlreiche Berichte über den Beginn, den Verlauf und das Ende informierten in den letzten Monaten über dieses Ereignis. Dabei wurde verstärkt ein Fokus auf das Ende gelegt, insbesondere auf die Meutereien einiger Schiffsbesatzungen und dem damit verbundenen Kieler Matrosenaufstand. Auf diesen Aufstand folgte die Novemberrevolution, die zum Sturz der Monarchie führte und zur Ausrufung der Republik in Deutschland. Gewiss, auch die Sylter Matrosen waren von diesem Ereignis betroffen.

Ob der Keitumer Seemann Albert Paul Lornsen in Kiel bei der Revolte dabei war ist unklar. Jedoch war Lornsen als Soldat Besatzungsmitglied auf einem der zahlreichen Unterseeboote des Ersten Weltkrieges. Auf einer historischen Fotografie posiert Lornsen mit Uniform und Tellermütze neben dem in ziviler Kleidung stehenden Albert Petersen und Dietrich Hansen. Hansen trägt dieselbe Mütze, jedoch mit einem anderen unleserlichen Schriftzug. Das Museumsobjekt des Monats November ist solch eine dunkelblaue Tellermütze, wie sie Lornsen und Hansen tragen, und sie stammt aus dem Nachlass von Albert Lornsen. Es bleibt offen, zu welcher Zeit und auf welchem Unterseeboot Lornsen im Marinekorps Flandern fuhr.

Das schwarze Mützenband zeigt die in Gold gewebte Inschrift „Unterseeboots-Flotille Flandern“. Das Mützenband der Matrosen auf deutschen Schiffen wurde am 27. April 1849 auf königlichen Befehl für die Mannschaften und Maaten eingeführt. Dieses seidene Band visualisierte den Namen des Kriegsschiffes bzw. der königlichen Marine. Ein silberner Schriftzug war gewöhnlich dem technischen Personal wie Heizern vorbehalten.

Über dem Schriftzug ist die Reichs-Kokarde angebracht. Ein kleines und kreisrundes Abzeichen, das die schwarz-weiß-roten Farben des Deutschen Reiches wiedergibt. Und im Innern der Mütze befindet sich ein Schweißband sowie Seidenfutter.


Aus Keitum hinaus in die Welt

Albert Lornsen, geboren in Keitum am 17. Februar 1893, war zu dieser Zeit noch verhältnismäßig jung und hatte mit der Seefahrt erst begonnen. 1913 erhielt er in Altona von der „Staatlichen Prüfungskommission für Seeschiffer“ sein Zeugnis über die Gesundheitspflege ausgehändigt. Damit war er nachweislich im Besitz der Kenntnisse, wie sich der Matrose auf hoher See vor Krankheiten und ähnlichem durch Hygienemaßnahmen schützen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb Lornsen weitere wichtige Kenntnisse der Seefahrt. 1924 folgten die erfolgreiche Prüfung der Schiffsmaschinenkunde und 1932 das „Kapitänspatent A6“, das ihm zunächst die Türen der Weltmeere öffnete. Bevor er in den Krieg musste, segelte er auf dem 1892 erbauten zivilen Viermastsegler „Herbert“ und umrundete damit mehrmals das Kap Horn.

Dieser Seekrieg vor der Küste Flanderns war durch den Unterseehandelskrieg geprägt. In den rückblickenden Aufzeichnungen des Korvettenkapitäns Erich Edgar Schulze von 1922 wird dies eindrücklich geschildert – wenn auch aus der Sicht eines leidenschaftlichen Kapitäns a. D. Die Kräfteverhältnisse zwischen dem Deutschen Reich und den Gegnern waren keineswegs ausgeglichen. Daher versuchte das Marinekorps in günstigen Nächten und Situationen die taktisch bessere Stellung im Kanal zu nutzen und somit die eigene Unterlegenheit wettzumachen.

Am 9. November 1914 lief als erstes Unterseeboot, das der Hochseeflotte unterstellte „U12“ im belgischen Zeebrugge ein. Weitere Boote folgten langsam. Zunächst noch zahlreiche kleinere Boote, die in Antwerpen speziell auf die Bedürfnisse der flachen Gewässer der Nordsee konstruiert wurden. Später größere Boote deutscher Werften.


Störung der Handelsrouten

Ziel der U-Bootskriegführung des Marinekorps war es, möglichst viel des auf gegnerischer Seite fahrenden Schiffshandelsverkehrs in kurzer Zeit mit geringen eigenen Verlusten zu vernichten. Vorzugsweise setzte der Flotillenchef Bartenbach dafür auch Minenboote ein, die sich an den Hauptrouten positionierten. Das waren die Stellen, die jeder Seefahrer queren musste, wenn er die britischen Häfen erreichen wollte. Ab Februar 1917 traten die Deutschen in den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Das bedeutete, dass die Handelsschiffe ohne vorherige Warnung versenkt werden sollten. Die Deutschen erhofften sich mit dieser Taktik eine entscheidende Wendung im Krieg, die zum Sieg führen sollte. Die Briten reagierten darauf mit Konvois ihrer Handelsschiffe inklusive Begleitung von Kriegsschiffen und Wasserflugzeugen. Der erhoffte Sieg der Deutschen blieb aus.

Im Oktober 1917, als die Anzahl und Größe der Boote immer stärker wuchs, wurde eine Teilung in zwei Flotillen vorgenommen. Folgt man der Statistik, so hat das Marinekorps Flandern in der gesamten Kriegszeit 2554 Fahrzeuge versenkt und damit auch eine entsprechend hohe Anzahl an Tonnage. Der Anteil an der gesamten Warenvernichtung liegt in diesem Gebiet bei 33 Prozent. Auch die deutsche Seite hatte Verluste zu beziffern. Das Reich verlor 80 Boote und nebst 145 Offizieren weit über 1000 Mann. Zur besten Zeit befanden sich rund 65 U-Boote gleichzeitig im Einsatz. Am 4.Oktober erhielten die U-Boote der Flotille Flandern den Befehl, nach Deutschland zurück zu kehren.

Albert Lornsen kehrte spätestens 1918 aus Flandern zurück und begab sich wieder auf große Fahrt, bevor er am 29. Juni 1921 die Keitumerin Marie Volquartz heiratete. Ihr Sohn Boy Lornsen, der spätere Bildhauer und Schriftsteller, erblickte am 7. August 1922 das Licht der Welt. Albert Lornsen zog es später nach Brunsbüttel, wo er als Lotse weiterhin seine Freude hatte, auf den großen Schiffen tätig sein zu dürfen. Wenn auch nur auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal, dem heutigen Nord-Ostsee-Kanal, jedoch mit dem Vorteil verbunden, regelmäßiger bei seiner Familie an Land zu weilen.


Sylter Heimatmuseum

Am Kliff 19 in Keitum, Öffnungszeiten ab November: Donnerstag bis Sonntag 11 bis 15 Uhr.


Altfriesisches Haus

Am Kliff 13 in Keitum, Öffnungszeiten ab November: Donnerstag bis Sonntag 11 bis 15 Uhr.
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