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Inselschreiber 2014 : Eine Insel, nicht von dieser Welt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Jan Brandt spricht im Interview über seine Eindrücke von Sylt und besondere Begegnungen / Am Sonnabend liest er im A-Rosa

Der diesjährige Inselschreiber Jan Brandt verbrachte einige Zeit auf Sylt. Für eine Lesung kehrt der Ostfriese nun wieder zurück nach Sylt. Im Interview mit der Sylter Rundschau erinnert er sich an besondere Begegnungen und Erlebnisse, die er auf der Insel hatte und was Sylt für ihn zu einem ganz besonderen Ort macht.

Herr Brandt, als Inselschreiber hatten Sie Gelegenheit, Sylt und die Menschen, die hier leben, sowie die Gäste der Insel kennen zu lernen. Zu wem hatten Sie mehr Kontakt: zu den Insulanern oder zu den Gästen?
Jan Brandt: Zu den Insulanern.

Woran lag das?
Das lag daran, dass im März noch relativ wenig Urlauber auf der Insel waren und mich meine Gastgeber von der Sylt-Quelle mit interessanten Leuten bekannt gemacht haben.

Welche Leute waren das?
Die Inselführerin Silke von Bremen zum Beispiel. Hildegard Steiner-Schwarz von der Büchertruhe in Keitum. Karl und Barbara Dall. Und die Lektorin Ingrid Grimm, die mir geraten hat, die Strandsauna in List zu besuchen, weil man dort tolle Frauen kennenlerne.

Und? Haben Sie dort tolle Frauen kennengelernt?
Ich bin dort einem tollen älteren Ehepaar aus München begegnet. Die beiden haben mir von ihren Reisen nach Indien und Tibet erzählt, vom Bad in den eiskalten Quellflüssen des Ganges, von Tempeln und Palmblattbibliotheken. Anschließend sind wir nackt über den Strand gerannt und haben uns ins Meer gestürzt. Ein Hippie-Erlebnis.

Stipendien sind für (junge) Schriftsteller sehr wichtig.Haben Sie das Sylter angenommen, weil Sie die Insel gereizt hat oder wegen der Rahmenbedingungen des Stipendiums?
Mein nächster Roman spielt am Meer, an der Nordsee, am Atlantik und am Pazifik. Deshalb war es wichtig, ein Strandgefühl zu entwickeln, außerhalb der Saison. Aber während ich auf Sylt am Buch gearbeitet habe, merkte ich, dass die Insel selbst wahnsinnig interessant ist. Da habe ich angefangen, über Sylt zu schreiben, über meine Erfahrungen, meine Eindrücke – und den Roman zurückgestellt.

Sie sind nach Ihrem Sylt-Aufenthalt für drei Monate nach Los Angeles gegangen. Wo haben Sie sich fremder gefühlt?
L.A. und Sylt sind jeweils ein ganz eigener Kosmos. In L.A. scheint jeden Tag die Sonne. Das klingt jetzt nach einem Luxusproblem: Aber daran musste ich mich erst gewöhnen. Sylt dagegen war insofern seltsam, als dass alle dort Deutsch sprechen, die Insel selbst aber so vollkommen undeutsch ist.

Was meinen Sie damit?
Die Insel wirkt wie nicht von dieser Welt. Sylt ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Allein diese Sonnenuntergänge. Ich hätte fast Gefühle bekommen. Es gibt deutlich weniger Khakirentner und wesentlich mehr gut gekleidete Menschen als im Rest der Republik. Allerdings auch weniger Subkultur, weniger Künstler, weniger Spielraum. Wohl nirgendwo sonst zeigt sich die ins Extrem gesteigerte Gentrifizierung so krass wie hier. Sylt ist schon sehr elitär. Wenn’s nur noch Reiche gibt, wird’s langweilig. Soziologisch und literarisch kann das zwar immer noch interessant sein. Aber das zu beobachten, muss man sich dann leisten können. Ohne das Stipendium der Sylt-Quelle hätte ich diese Erfahrungen sicher nicht gemacht.

Jetzt kommen Sie für eine Lesung zurück nach Sylt. Mit welchen Gefühlen?
Ich freue mich sehr. Auf die Insel. Den weiten Strand. Die Luft. Aber auch und vor allem auf das Wiedersehen mit den Leuten. Dem Schriftsteller Thomas Pletzinger, der die Lesereihe im A-Rosa moderiert, bin ich zufällig auf Sylt begegnet. Während er mich anrief und fragte, ob ich schon in der Sylt-Quelle in Rantum sei, fuhr er gerade mit dem Wagen an mir vorbei. Noch so ein magischer Moment. Pletzinger ist ein toller Gesprächspartner. Man muss bei ihm aber immer auf der Hut sein. Manchmal stellt er hinterhältige Fragen. Und ich bin gespannt auf das Publikum, frage mich, ob es anders ist als auf dem Festland, kritischer, anspruchsvoller oder unterhaltungshungriger. Ich muss da noch mal an meinem Programm feilen.

Welche Geschichten über die Insel werden Sie vorlesen?
Ich werde sicherlich von meinen etwas schrägen Abenden in Kampen erzählen. Und von den Busfahrern. Und von Jette Joops Modenschau im Jensen. Wie ich beim Osterfeuer an der Buhne 16 einem Berliner Popjournalisten und seiner Familie begegnete. Und gleich so eine unglaubliche Vertrautheit da war. Ganz ähnlich ging mir das übrigens auch so mit Karl und Barbara Dall. Sylt ist eben doch ein großes Dorf. Wen man dort trifft, den meint man gleich ein Leben lang zu kennen.

Würden Sie wieder kommen? Wenn ja, warum und für wie lange?
Ich komme immer wieder gerne zurück, nicht für immer, aber für ein paar Wochen. Über Ostern muss ich unbedingt da sein. Da passiert so viel, und alles verändert sich so schnell, die Natur und die Leute. Ich suche noch jemanden, der mir dann ein Haus zur Verfügung stellt. Zwischen List und Hörnum, Morsum und Westerland gibt es noch viel zu entdecken, viele Menschen und ihre Geschichten.


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erstellt am 08.Okt.2014 | 06:07 Uhr

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