Folge 14 der Serie "Sylter Zeitgeschichte" : Eine gigantische Bausünde, die Sylt erspart blieb

Dieses Motiv einer Werbeanzeige verdeutlicht die Ausmaße des Wolkenkratzers - rechts im Bild das Kurzentrum.  Fotos: Archiv Deppe
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Dieses Motiv einer Werbeanzeige verdeutlicht die Ausmaße des Wolkenkratzers - rechts im Bild das Kurzentrum. Fotos: Archiv Deppe

1971 spaltete das Projekt "Atlantis" die Bürger Westerlands. Wo heute das Freizeitbad Sylter Welle steht, soll laut Werbeanzeige "das Appartementhaus der Zukunft" entstehen.

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11. März 2013, 06:59 Uhr

Sylt | Dies ist die Geschichte von der größten Bausünde, die der Inselmetropole bislang drohte. Dies ist aber zugleich auch ein Lehrstück für die Nachwelt. Die Hauptdarsteller: Ein Bauherr mit großen Ambitionen, eine Bürgerinitiative mit großer Wut im Bauch und ein Innenminister, dem der Geduldsfaden reißt.

Wir blicken zurück: Im Jahre 1971 spaltet ein Bauprojekt ungekannten Ausmaßes die Bürger der Stadt. Der Riss ist tief, und die Emotionen schlagen hoch. Es bleibt nicht allein bei Beschimpfungen, sondern die Lage eskaliert - bis hin zu Strafanzeigen, Bestechungsvorwürfen und anonymen Morddrohungen. Im Fokus: Das Projekt "Atlantis". Nach dem Bau des Westerländer Kurzentrums will die Stuttgarter Firma Bense Bau diesem die Krone aufsetzen: Wo heute das Freizeitbad Sylter Welle steht, soll laut Werbeanzeige "das Appartementhaus der Zukunft" entstehen. Seine Ausmaße: 25 Stockwerke, 750 Appartements, 1 400 Kfz-Abstellplätze. Geschätzte Baukosten: 100 Millionen D-Mark. Das Monument ist das Ergebnis eines internationalen Architektenwettbewerbs. Den Namen "Atlantis" steuerten Sylter Kurgäste bei; der Bauherr hatte für die Namensfindung eigens einen Preis ausgelobt.

Was den vollmundigen Ankündigungen folgt, ist ein Glaubenskrieg, der die Sylter zwei Jahre lang in Atem halten wird. Eine Bürgerinitiative formiert sich, sammelt 18 373 Unterschriften gegen das hochfliegende Projekt. In Flugblättern befinden die Kritiker: "Inselfremde Finanzgruppen schaffen es mehr und mehr, den Syltern die Haupterwerbsquelle der Vermietung aus den Händen zu nehmen - sie bauen und bauen. Doch die Westerländer Bevölkerung schweigt nicht länger. Keine weiteren Appartement-Hochhäuser!" Am 25. November 1971 ziehen mehr als tausend Demonstranten durch die Stadt. Ein paar junge Männer haben einen Sarg geschultert. Sie tragen das Heilbad Westerland zu Grabe.

Am nächsten Abend beginnt im Westerländer Rathaus die entscheidende Stadtvertretersitzung. Neun Stunden später, die Uhr steht auf kurz nach drei Uhr nachts, scheinen die Würfel gefallen. 13 Stadtvertreter stimmen für "Atlantis", sieben dagegen. Doch fünf Monate später folgt das böse Erwachen: Das schleswig-holsteinische Innenministerium versagt dem Bebauungsplan seine Zustimmung.

Die Interessen des Umweltschutzes, des Landschaftsschutzes und die der benachbarten Gemeinden seien nicht ausreichend berücksichtigt worden, lautet das ernüchternde Fazit. Damit nicht genug: Im September 1973 entzieht das Innenministerium der Stadt Westerland "die Befugnis zur Erteilung von Baugenehmigungen". Denn: "Schon seit einer Reihe von Jahren wird die Baugenehmigungspraxis der Stadt Westerland mit Befremden und großer Besorgnis betrachtet."

Für ihre Gelüste auf Gigantismus erhielten die Stadtväter letztlich somit eine schallende Ohrfeige. Und die hätte sogar noch schmerzlicher ausfallen können: Denn Bauunternehmer Bense machte seinerseits gegen die Stadt Westerland mobil. Er verklagte die Kommune auf 3,25 Millionen Mark Schadenersatz, denn 250 Appartements will er bereits vor Baubeginn verkauft haben. Doch 1977 weist das Gericht das Begehren ab und schließt damit das letzte Kapitel der Geschichte.

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