Musik auf Sylt : Eine Autofahrt mit Reinhard Mey

Reinhard Mey in der Braderuper Heide. Unsere Autorin stellt sich den Liedermacher auf seiner liebsten Joggingstrecke vor.
Reinhard Mey in der Braderuper Heide. Unsere Autorin stellt sich den Liedermacher auf seiner liebsten Joggingstrecke vor.

Am Applaus das Lied erkennen: Sibylle Scheewe fährt nach List und zurück mit Reinhard Meys neuer Live-CD „Dann mach’s gut".

shz.de von
20. Mai 2015, 05:22 Uhr

Es ist ein Jahr her, dass eine kleine Notiz in der Sylter Rundschau kundtat: Nach fünf Jahren im Wachkoma sei Reinhard Meys Sohn gestorben. Der Totenstille und dem Innehalten folgte ab September 2014 die Antwort voller musikalischer Lebendigkeit darauf, an 60 Abenden auf den Bühnen der Republik. Im Mai darauf – als wäre nichts geschehen – kommt die Live-Doppel-CD über die „Dann mach’s gut“-Tournee ins Haus geflattert. Und doch: Es ist etwas Besonderes in all diesem Schmerz geschehen, was sich hören lässt, zum Beispiel auf einer Fahrt nach List und zurück.

Dank der Baustellen zwischen Westerland und List fährt man langsam und lauscht Meys Liedern mit besonderer Aufmerksamkeit, und dem Applaus, der die Nähe seiner Zuhörer zum Geschehenen wie auf keiner seiner anderen Live-CD bisher spürbar macht. Ich biege auf die Landstraße ein und Mey begrüßt mit einem Lied, was das Wohlsein des Künstlers nach anfänglich dorniger Laufbahn beschreibt. Es ist ein Einstiegsdankeschön an seine Fans, die an ihn glaubten, von Anfang an, und recht behielten.

In Kampen, seinem Ort des Rückzugs und der Inspiration, läuft gerade „lass nun ruhig los das Ruder, dein Schiff kennt den Kurs allein ...“. Hier, mit Blick auf beide Meere, hat der Liedermacher seine Bilder-und Lebensstudien in Nah-am-Wasser-Worte und –Noten gefasst. Nach dem Lied ein Klatschen, das langsam anschwillt, ohne Begeisterungsrufe, aber wie ein liebevoll wärmender Händedruck des Publikums.


Lachtränen und Erinnerungen


Ich wechsele die CD am Kaamp-Hüs, kurzer Blick in seine Straße, das lustige Taschentuchlied lockert die Stimmung – auch die Queen trägt in ihrem Henkeltäschchen und Frau Merkel im Jackett so ein Trostding bereit. Ich ziehe mein Taschentuch heraus und wische mir diesmal meine gelachten Tränen aus dem Augenwinkel bei der Liedzeile, wo die Großmutter mit bespucktem weißen Taschentüchlein dem kleinen Reinhard den Mund abwischt, Kindheit wiedererkannt, Lied oder Situation, Reinhard lässt sich anstecken vom Lachen und dem fröhlichen Zwischen-Applaus des Publikums, wiederholt die Akkordsequenz.

Rote Ampel. Weiter geht’s. Live – drei Stunden fast – mit Zugaben, und wieder erkennt man am Applaus den Inhalt des Liedes, frenetisch beim „Narrenschiff“, ein Lied aus 1997, wozu er moderiert: „Ich hätte es heute nicht anders geschrieben, es scheint nicht nur – wie 1997– eine Art Bericht zur Lage der Nation zu sein, sondern irgendwie scheint die ganze Welt verrückt zu spielen“. Kritisch, lebendig, spitz-spritzig und selbstreflektiv sind an diesem besonderen Abend mit Reinhard Mey seine Geschichten und Bemerkungen über das Leben, die Politik, das Zusammenleben... das Hoffnunggebende.


Biblische Bilder, Optimismus


Die Bucht hinter Kampen – auf dieser Höhe läuft das Lied „Fahr dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen“, biblische Bilder, das Unglaubliche, immer wiederkehrende Wunder der Geburt, der Optimismus des Menschen, so leitet er das Lied ein: Das Leben ist schön, will er sagen, auch das, was über seinen Lebenshorizont hinausgehen wird. Die Sonne bricht durch die Wolken überm Wattenmeer, eine seiner Joggingstrecken auf Sylt... ob er hier seinen „Sternenstaub“ der Fantasie eingesammelt hat? Das Publikum im Berliner Mitschnitt dankt ihm für die „Alles wird gut“-Stimmung mit einem langen Applaus.

Ich passiere die Wanderdüne und lausche meinem Lieblingslied, Mey verzögert und verkürzt die Verse in gekonntem Spannungsbogen seiner Worte, passt seine Gitarrenmelodien dem Tempo an, typisch, ein bisschen francophiles Chancon schimmert durch. Fréderic, merci, drückt sein Publikum aus und rhythmisches Klatschen „erklingt“.


Dialog mit dem Publikum


Er hat bei einem seiner letzten der 60 Auftritte, die traditionsgemäß in seiner Berliner Heimat stattfinden, seine Zuhörerschaft beim nächsten Lied den Takt angeben lassen. Es ist wie ein Live-Dialog, als bei ein „Stück Musik von Hand gemacht“ das Publikum in ein sonst bei seinen Konzerten nicht übliches Mitklatschen verfällt. Der Liedermacher bleibt dem Rhythmus treu.


Gefühlvolle Worte zum Verlust


Ich halte vor der Lister Kirche, verweile, die Glocken läuten zum Gottesdienst, RM singt vom Glück, was man manchmal erst dann begreift, wenn man es verloren hat. Da singt er vom Vater, der seinen Sohn vermisst, abstrakt für die einen, so traurig und real für die anderen. Anerkennendes, verhaltenes Klatschen für gefühlvolle Worte und für den Mut, dies hier zu singen, und er hat es jeden Abend getan, vor 3000 Leuten oder noch mehr. Der letzte Lister Glockenschlag ist verklungen, Mey bedankt sich für das Vertrauen, den warmen Empfang, die Treue seiner Zuhörer, insgesamt 200  000 werden es auf der Tour gewesen sein, ich denke an Hamburg, als ich eine von ihnen sein durfte, neben dem Mischpult, andere Mentalität, anderer Applaus und doch die gleichen emotionalen Momente.

Rückkehr an diesem Sonntag mit jenem Lied, das „es gut mit mir gemeint hat“, und „deshalb hüte ich es und singe es nur alle zehn Jahren“, so seine Geschichte. Es hat den Himmel zum Thema, wo die Freiheit grenzenlos sei, und „alle Sorgen nichtig erscheinen“ : „Über den Wolken“, die sich gerade über Wenningstedt zusammenziehen, Regentropfen auf der Windschutzscheibe, Wetterlagen des Lebens.


Gute Nacht, Freunde


Dieser Applaus ist beim ersten Akkord freudig, am Schluss tosend, als wollte das Publikum eine liebe Freundin begrüßen und nicht wieder gehen lassen. Ich fahre noch ein bisschen weiter, will nicht in die Kälte raus, und Reinhard Mey schaut singend zum Fenster hinein, auf das warme Kerzenlicht, dichtend „was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehen“. Und ehe er endgültig „Gute Nacht, Freunde“ sagt, lausche ich neben den Regentropfen aus dem Sylter Himmel dem sich vorsichtig bahnbrechenden Gesang der Zuhörer, die in sein Lied einstimmen und fühlen: Wieder einmal ist dieser Abend mit Geschichten, Liedern und dem kleinen Mann auf der riesigen Bühne mit seiner handgemachten Gitarrenmusik zu einem gut gemachten Gesamtkunstwerk geworden und sie hatten einen wichtigen Anteil daran. Es wird Zeit für mich, auszusteigen, „es wird Zeit für mich zu gehen“.


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