„Eine Art Mord. Vatermord“

„Was ist das für ein Bild von einem Mann, einem Menschen, einem Vater?“  Gisela Stelly Augstein vor der Keitumer Kirche
1 von 5
„Was ist das für ein Bild von einem Mann, einem Menschen, einem Vater?“ Gisela Stelly Augstein vor der Keitumer Kirche

„Keitumer Gespräche“ ein Empörungsroman / Begegnung mit der Schriftstellerin Gisela Stelly Augstein auf dem Keitumer Friedhof

shz.de von
08. August 2018, 06:00 Uhr

Wieder scheint die Sonne, präsentiert sich der Himmel über Sylt wolkenlos. Dieser Sommer scheint endlos. Die Insel ist in Hochstimmung. „Als ich das erste Mal mit meinem ersten Mann auf der Insel war, er besaß hier ein schönes Anwesen, ein Biotop, hatten wir auch so einen Sommer“, erinnert sich Gisela Stelly Augstein. Ihr erster Mann war Rudolf Augstein, mit dem sie von 1972 bis 1992 verheiratet war. Aus der Beziehung, die mit weitem Abstand längste seiner fünf Ehen, ging als viertes Kind des Verlegers der Sohn Julian hervor. So viel vorweg.

Rudolf Augstein ist der Grund unseres Treffens auf dem Keitumer Friedhof. Hier, wo er seine letzte Ruhe fand, beginnt der Text von Gisela Stelly Augstein: „Keitumer Gespräche“. Der Titel scheint unspektakulär. Aber die knapp 100 Seiten des schmalen Bandes haben es in sich. Sollen sie doch ein veritables Erbendrama aufdecken. Es geht der Autorin – wie sie sagt – um ein „Komplott des Schweigens“ und all die Konsequenzen, die sich ihrer Meinung nach daraus ergeben haben, wie etwa der Umgang mit dem Vermächtnis des großen Verlegers, um das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Die Protagonisten des Romans heißen der Leibliche, der Gesetzliche, die Mutter, Fritzchen und der Älteste. Dahinter verbergen sich – so die Autorin – Prominente wie Martin Walser, Fritz J.Raddatz, Jakob Augstein und natürlich Rudolf Augstein.

Wenn die zarte 75-Jährige von Rudolf erzählt, schwingt ein Grundton von Respekt, ja ungetrübter Verehrung für ihn mit. Ihre über 20 Ehejahre haben sie vielleicht zur wichtigsten Gefährtin an der Seite „des großartigen, großzügigen, humorvollen und sehr charmanten Mannes und bedeutenden Journalisten“ werden lassen. Für die Schriftstellerin wird durch ein „Komplott des Schweigens“ dieser Rudolf Augstein nach seinem Tod um die Vaterschaft zu seinem ältesten Sohn Jakob gebracht.

„Doch dann stand es plötzlich fast auf den Tag genau sieben Jahre nach seinem Ableben im November 2009 in der Zeitung. In einem Nebensatz. Wie eine Nebensache. Wie nebenbei gesagt von seinem Ältesten. Ein nebenbei gesagter, nebensächlicher Nebensatz. Durch den (er) sich (…) ganz nebenbei entleibt sah. Es war eine Art Mord. Vatermord. (…) Sein leiblicher Vater ist Martin Walser, sein gesetzlicher Vater ist Rudolf Augstein, erklärte sein Ältester in der Frankfurter Rundschau“. Schon diese wenigen Zeilen aus den „Keitumer Gesprächen“ spiegeln das ungläubige Staunen der ehemaligen Journalistin, die einige Jahre für „Die Zeit“ geschrieben hat, später dann als Schriftstellerin und Filmemacherin arbeitet. Auf unserem Spaziergang erzählt sie, dass es Jahre brauchte, bis sie über „die Nebensache“ schreiben konnte. „Ich habe mich innerlich geweigert, ich habe es verdrängt, es war zu verwirrend und schmerzvoll. Doch dann stand ich auf einem S- Bahnhof in Berlin plötzlich unvermutet Rudolf Augstein gegenüber. Er sah mir direkt in die Augen und sagte: Hab keine Angst vor den Wahrheit! Einen Schockmoment lang war das eine echte Begegnung, auch wenn es nur die mit einem Foto von ihm auf einem Werbeplakat des „Spiegel“ war mit dem Slogan Keine Angst vor der Wahrheit. Ich dachte okay, und setzte mich an meinen Schreibtisch.“

Den Part, den Martin Walser in diesem „Familiendrama“ spielt, empfindet Stelly Augstein als äußerst widersprüchlich. Er könne sich – erzählt Stelly Augstein weiter – plötzlich an nichts erinnern, oder er erinnere mal dieses und dann wieder etwas ganz anderes und vieles widerspreche sich. „Ich hatte ihm geschrieben und um eine Begründung seiner Vaterschaft gebeten, schließlich war Jakob Augstein 42 Jahre lang der Sohn von Rudolf Augstein. Wieso ist er nun plötzlich Ihr Sohn, habe ich gefragt. Ich würde ihm etwas unterstellen, was er nie behauptet hat, antwortete Walser. Also ist er doch nicht der Vater, wollte ich dann natürlich wissen, aber darauf erhielt ich keine Antwort. Nun hat Vater Walser mit seinem Sohn Jakob ein Sachbuch mit Vater-Sohn-Gesprächen veröffentlicht, dort sagt auf der letzten Seite der eine zum anderen über das letzte Kapitel: Du hast es dir beinahe ganz ausgedacht... Man fühlt sich ziemlich an der Nase herum geführt!“

Verantwortungslos habe sich Martin Walser Rudolf Augstein und seiner Familie gegenüber verhalten, empört sich Stelly Augstein, habe er doch seine Vaterschaft zu Lebzeiten des Spiegel-Gründers geheim gehalten und auch keinen Einspruch erhoben, als dieser seinem vermeintlichen Sohn Jakob, seinem Ältesten, zum Sprecher der Erben der Spiegel- Anteile bestimmte. Mit unübersehbaren Folgen, urteilt die Empörte.

Sie ist eine sprachmächtige Autorin. Ihre „Keitumer Gespräche“ haben ein großes mediales Interesse entfacht. Sie erzählt das, was in ihren Augen eine „Vatermord-Geschichte“ ist, nicht durch die pure Nennung von Geschehnissen, die sie für Fakten hält. Sie lässt die Geschichte wie eine antike Tragödie klingen, versieht sie mit der Wucht von Shakespeare Dramen mit einer Neigung zum Komödiantischen, verdichtet sie zu einem Epos, das vorgibt, sich glühend für die Wahrheit einzusetzen. Ein hoch emotionales Buch. Eines, das sie schreiben musste.

„Die Väter teilten ihr Wissen“, stand in der Frankfurter Rundschau. Stelly Augstein trifft das: „Was ist das für ein Bild von einem Mann, einem Menschen, einem Vater, das da behauptet worden ist? Auch meiner Familie gegenüber darf ich es nicht zulassen. Man weiß ja, dass Familiengeheimnisse, die immer unter den Teppich gekehrt werden, über Generationen hinweg sehr zerstörerisch wirken.“

Nein, zur Grabstelle von Rudolf Augstein will sie nicht gehen. Ein schlichter Findling, in dem sein Name eingemeißelt ist, findet sich dort. Augstein wollte unbedingt auf Sylt, auf dem Friedhof von St.Severin in Keitumer Erde bestattet werden. Eine Grabstelle zur Wattseite. „Hier oben mit Aussicht auf die Unendlichkeit“, schreibt Gisela Stelly Augstein, wünschte er „mit der Unendlichkeit zu verschmelzen“. Später, im Jahr 2015, wird schräg gegenüber der Feuilletonist und Schriftsteller Fritz J.Raddatz, beigesetzt. Keine enge, eher eine ambivalente Freundschaft, so Stelly Augstein und fährt fort: „Er wusste früh, dass Walser und nicht Augstein der Vater von Jakob ist, schwieg jedoch zu Lebzeiten von Augstein“. Erst nach seinem Tod erzählte er der Schriftstellerin darüber, sie wollte „es aber nicht glauben, weil der Raddatz ja gern viel erzählte“. In den „Keitumer Gesprächen“ lässt sie beider Seelen einen bohrenden Dialog beginnen, die Ouvertüre zu einem „Drama nach dem Leben“ in Szenen, die auf einer Theaterbühne oder im Film spielen könnten.

Gisela Stelly Augstein stellt ihr Buch „Keitumer Gespräche am Freitag, 10.August um 20:00 Uhr im Gemeindesaal des Pastorats Keitum vor. Moderation Annemarie Stoltenberg. Karten (10 €) in der Badebuchhandlung (0461/22609) oder an der Abendkasse






zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen