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Sandverluste auf Sylt : Ein Sturm im Wasserglas

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Schrumpft Sylt? Wächst Sylt? Oder bleibt die Insel gleich groß? Viele Medien beschäftigen sich derzeit mit der Größe und der Küstenlinie der größten nordfriesischen Insel.

Die Insel bröckelt, die Insel bricht auseinander und noch dazu wächst sie plötzlich gleichzeitig. Über Sylts Größe und die Küstenlinie wurde gerade in den vergangenen Tagen wieder viel in den deutschen Medien berichtet. Das Interesse an Naturgewalten, die auf die größte nordfriesische Insel einwirken, scheint Deutschland zu bewegen. Vor zwei Tagen veröffentlichte Die Welt einen Onlinetext mit dem Titel „Die Sylter Küste wächst und schwindet zugleich“ und Spiegel Online (SPON) schrieb in der vergangenen Woche über die „Wachsende Insel: Das Sandwunder von Sylt“. Doch sind diese scheinbaren Neuigkeiten über Sylt wirkliche neu, oder nur ein Sandsturm im Wasserglas? Wir haben mit Natur- und Küstenschützern gesprochen.

„Einen aktuellen Anlass für diese Berichte gibt es nicht“, sagt Arfst Hinrichsen vom Landesbetrieb für Küstenschutz (LKN). Dass Sylt aufgrund der Sandvorspülungen auf der Westseite wächst und die Odde, der südlichste Zipfel, schrumpft, sei schon lange bekannt. Auch anderswo verändern sich Inseln, das würde nur weniger wahrgenommen. Das liege an Sylts deutschlandweiter Bekanntheit. „Besonders ist allerdings, dass es im vergangenen Sommer und Winter relativ windig war“, sagt der Experte. Bei seiner jährlichen Messung – die im Herbst wieder ansteht – werde das LKN dann feststellen, wie viel Sandmasse die Insel verloren hat.

Rund eine Million Kubikmeter Sand saugen Schiffe seit rund 40 Jahren jedes Frühjahr vor Sylt auf und spülen ihn an die Westküste der Insel. Dadurch soll der Verkleinerung der Insel entgegengewirkt werden und ihre Substanz erhalten bleiben. Mehr als drei Millionen Kubikmeter des aufgespülten Sands konnten seit 1990 in bis zu 30 Meter breiten, vorgelagerten Dünen gebunden werden - auch dank Gräsern und Zäunen, die ihn festhalten.

Die Maßnahme ist eine plus minus null Rechnung: „Es ist immer ein Geben und Nehmen von Sand, am Ende muss man schauen was Netto übrig bleibt“, sagt Hinrichsen. Meist holt sich das Meer etwa die Menge zurück, die vorgespült wird. So habe sich rund 300 Meter vor der Küste Insel-Sand abgelagert. Dieser könne aber durch Sturmfluten oder Strömungen wieder an das Eiland zurückgetragen werden. Der Sand geht demnach nicht verloren, sondern bleibt immer im System.

„Es ist eigentlich seit 2007 bekannt, dass das südliche Ende einem normalen Ablandungsprozess ausgesetzt sein wird“, sagt auch der Vorsitzende der Stiftung Küstenschutz Sylt, Helge Jansen. „Der Sand bewegt sich in einem Wechselspiel: Täglich wird welcher abgetrieben und kommt wieder.“ Dazu sei keine Sturmflut nötig. Auch die intensiven Strömungen im Meer rund um Sylt würden dazu beitragen, dass Sand rund um Sylt verteilt sowie ins Meer und zu den Nachbarinseln getragen wird – aber auch teilweise zurück zur Insel kommt. Die Insel sei schon immer Veränderungen unterworfen gewesen. „1776 war das Ende der Insel dort, wo heute das Hapimag Resort in Hörnum steht“, beschreibt er den Wandel.

Auch dass die Sandvorspülungen zu einem Wachstum führen sei „in keinster Weise etwas Neues“, sagt Jansen. Mit den Sandvorspülungen ist es seit 1990 gelungen, die Insel zu stabilisieren. Die Berichterstattung bei SPON sei „überdramatisierend“. Gegen die Abbrüche im Süden habe der Mensch allerdings keine probaten Mittel: „Die Odde ist Naturschutzgebiet da kann man nichts machen“, sagt der Küstenschützer. Sandvorspülungen als sogenannte „weiche Maßnahmen“ seien bisher die einzige Methode, um die Insel zu schützen. Harter Küstenschutz mit riesigen Betonmauern würde irgendwann immer wegbrechen. „Die kann man nur halten, wenn – ähnlich wie in Westerland – gleichzeitig Sand vorgespült wird“, sagt er. Gerade wird eine holländische Idee diskutiert: Dabei wird „viel, viel mehr Sand“ vorgespült als bisher – ein immenser Aufwand. „Man muss testen und sehen, wie die Natur darauf reagiert“, sagt Jansen. Letztendlich müssten die Menschen aber akzeptieren, dass sie „nur mit der Natur und nicht gegen die Natur leben können“.

Sand und noch mehr Sand schütten Sylts Küstenschützer jedes Jahr gegen die Wellen der Nordsee auf. Offenbar so erfolgreich, dass die Insel vielerorts wächst. Doch der Sylter Süden bröckelt weiter - aus Gründen des Küstenschutz. Diesen Winter haben bislang vor allem die Stürme „Heini“ und „Iwan“ an Sylt genagt: Allein im November verschwanden dort Düne und Strand auf 850 Metern Länge und bis zu 60 Metern Breite. Rund 2,2 Hektar Land fielen den Wellen zum Opfer, dreimal so viel Fläche wie der Kölner Dom einnimmt. Bis Mitte Februar riss das Meer an der Odde noch fast einen weiteren Hektar weg. „Gegen die Strömungen des Meeres sind wir Menschen hier einfach mittellos“, sagt Helge Jansen.

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erstellt am 24.Feb.2016 | 06:04 Uhr

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