zur Navigation springen

Sylter Inselschreiber : Ein Planet in der Nordsee

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Jan Brandt ist der 15. Sylter Inselschreiber. Es ist seine erste Begegnung mit der Insel - und die hat reichlich Eindrücke hinterlassen.

von
erstellt am 02.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Klingt wie ein Witz, ist aber keiner: Was macht ein Ostfriese im Nebel auf Sylt? Er schreibt.

Jan Brandt ist gebürtiger Ostfriese und er ist  der aktuelle Inselschreiber. Vor ein paar Tagen ist er in die Sylt-Quelle zurückgekehrt, nachdem er bereits Anfang März für 14 Tage da war. Acht Wochen wird Brandt insgesamt auf Sylt verbringen, allein. Er wird an seinem neuen Roman arbeiten, spazieren gehen, die Insel erkunden und aus dem Fenster seiner Stipendiaten-Wohnung schauen – was an diesem Tag kaum möglich ist. Dichter Nebel liegt über der Landschaft.

Trübes Wetter, das passt ganz gut zu Jan Brandt und seinem ersten Roman, der 2011 erschienen ist.  In „Gegen die Welt“ bringt er seine Leser – kein Witz – nach Ostfriesland, in den Ort Jericho. Der ist klein und, obwohl es sogar ein Literaten- und Komponistenviertel gibt, ziemlich trostlos. Ein Mikrokosmos, der von Brandt so detailliert beschrieben wird, dass man sich nur zu Anfang über den Umfang wundert; 900 Seiten, das ist für einen Debütroman eine ganze Menge.

Bemerkenswert ist vor allem der Ton: Der ist nicht übertrieben lustig wie in vielen anderen sogenannten Provinzromanen, obwohl Brandt einige skurrile Begebenheiten schildert und mit großer Freude stilistische Experimente  einwebt. Nein,  er erzählt eher nüchtern und manchmal seltsam distanziert, was ganz bestimmt mit des Autors eigener Vergangenheit in den ostfriesischen Weiten zusammenhängt. „Über die Länge des Romans mache ich auch die Langsamkeit der Provinz deutlich“, sagt Brandt, der schon seit vielen Jahren in Berlin lebt und zumindest literarisch nicht von seiner Heimat loskommt. Jericho ist zwar ein fiktiver Ort, soll aber an sein Heimatdorf Ihrhove erinnern.

Und Brandt war offensichtlich selber überrascht, was alles zum Vorschein kommt, wenn er etwas genauer hineinschaut in die gesellschaftlichen Zusammenhänge der  ländlichen Gemeinschaft. 100 Seiten  sollte „Gegen die Welt“ ursprünglich umfassen, „aber dann habe ich gemerkt, dass das soziale Geflecht, das ich beschreibe, viel komplexer ist“. So sind es eben 900 Seiten geworden. 900 Seiten, die sich nicht nur sehr gut verkauft haben, sondern auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis standen.

Jetzt also sitzt Jan Brandt auf Sylt und schreibt. Die Insel kannte der 39-Jährige vorher nur aus Erzählungen und die erste wirkliche Begegnung hat offensichtlich Eindruck auf ihn gemacht: „Diese Landschaft ist völlig irreal, fast zu schön, um wahr zu sein. Und dann diese verlassenen Dörfer, die vielen Reetdachhäuser, die gerade leer stehen – das ganze hat etwas von einer Reise auf einen anderen Planeten“, sagt Brandt. Tatsächlich ist das Dorf nahezu menschenleer, die Umrisse der Häuser werden vom Nebel verschluckt. Das entfernte Rauschen der Brandung ist nur gedämpft zu hören.

Mit einem Auszug aus seinem zweiten, noch unfertigen Roman hat er sich beworben und auch wenn dieser Ausschnitt die Jury Stiftung davon überzeugt hat, Brandt zum nächsten Inselschreiber zu machen, hat er darum gebeten, seinen Text noch nicht zu veröffentlichen. „Ich hatte das Gefühl, dass die Handlung noch zu sehr am Anfang war. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich werde das später alles wieder gutmachen.“ Es ist das erste Mal in 15 Jahren, dass der Gewinnertext nicht der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Bis Ende April bleibt Brandt auf Sylt. Er wird an seinem neuen Roman weiterschreiben, dessen Geschichte  wieder in Jericho ihren  Anfang hat und von dem er wieder nicht weiß, wie lang er wird. Er wird über die Insel streifen und sich dabei Notizen machen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Sylt am Ende eine Rolle in dem Buch spielt.

Anschließend zieht es Brandt an das nächste Meer, er geht für drei Monate in die Villa Aurora nach Los Angeles. Und auch dort, am Pazifik, wird der Inselschreiber weiter an seinem Roman arbeiten. Die Sylter werden sein Fortkommen mit Interesse verfolgen – schließlich ist er ihnen noch einen Text schuldig. Egal, wie lang der am Ende wird. Martin SchulteJan Brandt: Gegen die Welt, Dumont Literaturverlag,  928 Seiten, 22,90 Euro.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen