Sylter Geschichte : Ein Leben auf zwei Inseln

„Wiedermanns Wiener Kaffeegarten“ in der Westerländer Elisabethstraße, mit Blick in Richtung Strandstraße, um 1930
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„Wiedermanns Wiener Kaffeegarten“ in der Westerländer Elisabethstraße, mit Blick in Richtung Strandstraße, um 1930

Die ungewöhnliche Biografie „Mit Bedenken versetzt“ von Claretta Cerio, geb. Wiedermann / Eine Lesung mit Silke von Bremen im „Café Wien“

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03. Februar 2018, 05:04 Uhr

Im Jahr 1927 ist nicht nur der Hindenburgdamm eingeweiht worden. Es ist auch das Geburtsjahr von Claretta Cerio, geb. Wiedermann und – wie man ihrem Buch „Mit Bedenken versetzt“ gleich im ersten Satz lesen kann – “... auch das der Coca-Cola, wie ich kürzlich erfuhr. Jeder hat so seine Zeitgenossen.“ Claretta Cerio ist benannt nach ihrer Westerländer Großmutter Klara Wünschmann. Da ihre Mutter jedoch von Capri stammte, entschied man sich verständlicherweise für die klangvollere italienische Vornamen-Variante.

Clarettas Leben spielt sich von Anbeginn wechselweise auf zwei Inseln ab, was nicht unerheblich dazu beiträgt, dass sie früh einen kritischen Blick auf die Welt erhalten wird: „Unser Zuhause hatte zwei weit voneinander entfernte und unvereinbare Pole – Sylt und Capri – , und das waren nicht nur verschiedene geographische Orte und Nationalitäten, sondern verschiedene Lebensweisen, Weltanschauungen, Mentalitäten, manchmal entgegengesetzt und sehr verwirrend. Auf Capri fand man uns ‚furchtbar deutsch‘ und in Westerland ‚schrecklich italienisch‘. Wir wurden stets aufgefordert, unsere ‚deutsche Mentalität‘ oder unsere ‚italienischen Manieren‘ abzulegen, je nachdem.“

Ab 1945 wird Claretta dauerhaft auf Capri leben, auf Sylt hat die Familie alles verloren. 1962, nach dem Tod ihres Mannes Edwin Cerio, verlässt sie auch diese Insel. Ihre ersten Bücher erscheinen in den 70er Jahren, 1981 erscheint die Biografie „Mit Bedenken versetzt“. Hierin schildert sie mit sehr viel Humor ihre Mädchenjahre bis Kriegsende – Beobachtungen, die aber immer auch mit wacher Tiefgründigkeit gepaart sind. Und sie erzählt von ihrer Kindheit in Westerland, den Friesenkeksen, dem geliebten Großvater, alles aus der Sicht eines Kindes, das bereits denken kann, als Hitler an die Macht kommt.


„Ein kleiner SA-Mann ist geboren worden!“

„Unser jüngster Bruder erblickte 1933, kurz nach der ‚Machtergreifung‘, in Westerland das Licht der Welt. Damals war unser Vater schon so tief in die Politik verstrickt, dass er ihn Hans Eberhard taufen ließ, nach einem im Kampf für den Nationalsozialismus gefallenen Freund von ihm – und noch jetzt sehe ich Papa, wie er sich aus dem Fenster unserer Westerländer Wohnung in der Strandstraße hinausbeugt und einem vorbeigehenden Bekannten freudig zuruft: ‚Ein kleiner SA-Mann ist geboren worden!‘“ Dieser Vater wird mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, seinen Posten bei der SA verlieren und kurz darauf sterben.

„Er hatte ein schönes Begräbnis; alle ‚Kameraden‘ waren zugegen. Opa stellte bei dieser Gelegenheit einen, den Hauptverantwortlichen, und sagte schlicht: ‚Sie sind ein Schweinehund!‘ Das beeinträchtigte die Feierlichkeit ein bisschen. Trotzdem, ein schönes Begräbnis.“ Diese leichte und zugleich ehrlich-ernsthafte Art und Weise mit der Geschichte des Dritten Reiches umzugehen, war einer der Gründe, die mich sofort für das Buch einnahmen.

Und als ich vor ein paar Jahren erfuhr, die Autorin erfreue sich trotz ihres hohen Alters bester Gesundheit, habe ich mit Claretta Cerio Kontakt aufgenommen. Das war eindeutig eine meiner guten Ideen der letzten Jahre, denn ich durfte eine bemerkenswerte Frau mit einer eindrucksvollen Biografie kennenlernen. Die Idee, für das Buch „Mit Bedenken versetzt“ eine Neuauflage zu initiieren, war auch gut. Doch der Weg dorthin war unerwartet schwer, weil es in kein Programm der von mir angeschriebenen Verlage zu passen schien. Im Sommer 2017 kam endlich von dtv die Zusage und in diesen Tagen werden die ersten frischgedruckten Exemplare der Neuauflage die Insel erreichen.


Kindheit in „Wiedermanns Wiener Kaffeegarten“

Weil Claretta in der Strandstraße, in „Wiedermanns Wiener Kaffeegarten“, ihre Sylter Kindheit verbrachte, fragte ich Tania Langmaack, ob die Premierenlesung in den Räumlichkeiten vom „Café Wien“ stattfinden könne. Am kommenden Freitag, dem 9. Februar, um 18.30 Uhr wird es soweit sein. Leider ohne Claretta, die ich nie persönlich kennengelernt habe. Derartige Ansinnen wurden von ihr höflich aber bestimmt mit Zitaten wie „Ich liebe Gänseleberpastete, aber soll ich deshalb die Gans kennenlernen?“ rundheraus abgelehnt. Dafür wird Gina kommen, Sylter Weggefährtin in Kindertagen, und groß wäre die Freude, viele Sylter begrüßen zu können, die noch Erinnerungen an jene vergangenen Tage haben.

Termin: 9. Februar – Ort: „Café Wien“, Strandstr. 13 in Westerland – Uhrzeit: 18.30 Uhr – Lesung mit Silke von Bremen, inkl. Präsentation von Lichtbildern der Autorin Claretta Cerio – Tickets für 12 Euro bei allen VVK-Stellen



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