Interview und Lesung : Ein Jahr im Zug nach Nirgendwo

„Ich liebe die Bahnhöfe mit all ihren Facetten“, sagt Leonie Müller.
„Ich liebe die Bahnhöfe mit all ihren Facetten“, sagt Leonie Müller.

Leonie Müller tauschte ihre Wohnung gegen die Bahncard 100 und begab sich auf eine lange Reise. Ihr dabei entstandenes Buch stellt sie am Donnerstag im Kaamp Hüs vor.

shz.de von
13. Juni 2018, 06:48 Uhr

Susanne Fröhlich, Dominique Horwitz, Ildikó von Kürthy, Gregor Gysi – große Persönlichkeiten in unorthodoxer Mischung: Das macht im Sommer 2018 zum 21. Mal den besonderen Charme des Kampener Literatursommers aus. Leonie Müller ist in dem Reigen ein „Frischling“. Hinter dem 08-15-Namen steckt eine junge Frau, die sich radikal frei gemacht hat von Konvention, um ein echtes Abenteuer zu leben. Im Mai 2015 kündigte die Studentin ihre Wohnung, pendelte fortan mit ihrer Bahncard 100 zwischen Menschen und Aufgaben. Sie reduzierte ihr Leben auf wenig Materie und erlebte, was es bedeutet, wirklich mobil zu sein. Erst schrieb sie einen viel beachteten Blog und jetzt ihr erstes Buch. Daraus liest sie am Donnerstag, 14. Juni, um 20 Uhr im Kaamp-Hüs vor. Kurz vor Erscheinen ihres Erstlingswerks erreichten wir sie in Bielefeld, wo sie aufwuchs und bei ihrer 97-jährigen Großmutter immer mal wieder Erdung und Heimat findet.


Leonie, zwischen welchen Koordinaten bewegt sich dein Leben heute – 1,5 Jahre nach deinem Selbstversuch auf der Schiene?

Nach dem Bachelor in Tübingen mache ich jetzt meinen Master in Leipzig. Ich pendele zwischen meiner Mama in Berlin, meiner Oma in Bielefeld, meiner WG in Köln und Orten, wo ich sonst noch Freunde treffen möchte oder eine Aufgabe zu erfüllen habe.

Oh nein, WG-Zimmer in Köln, das klingt nach drohender Sesshaftigkeit …
(lacht) Ich versuche ja keinen Lebensentwurf besonders dogmatisch zu leben. Ich hatte einfach große Lust, mit meiner Freundin in Köln eine Wohnung zu teilen. Einen Rückzugsort zu haben. Ich bin zwar nicht viel dort, aber wenn, dann fühlt es sich gut an. Vielleicht auch deswegen, weil es nur für einen überschaubaren Zeitraum so sein wird. Keine Angst, die Bahncard 100, die „Schwarze Mamba“, nutze ich auch weiterhin und wenn ich ein paar Tage nicht unterwegs war, überkommt mich die Sehnsucht.

Könntest du dir vorstellen, dass du irgendwann in einem festen Haus, mit einem festen Mann und festen Kindern wohnst?

Ich kann mir alles Mögliche wunderbar vorstellen. Das Wichtige ist, glaube ich, egal für welche Lebensform man sich entscheidet, das sehr ehrlich und bewusst zu tun. Es muss das Richtige sein. Diese Entscheidungen in aller Freiheit überhaupt treffen zu können, ist in meinen Augen der große Luxus des Lebens im Allgemeinen und meines ganz speziell.

Du sprichst von einer immer wieder auftauchenden Sehnsucht, wieder in den Zug zu steigen. Die ist ungebrochen – auch nach deiner ganz intensiven Zeit, die vor drei Jahren begann und 18 Monate später endete. Was magst du besonders am Bahnreisen?

Ich liebe die Bahnhöfe mit all ihren Facetten, besonders den in Leipzig übrigens, das ist der schönste von allen, er ist symmetrisch und riesig, für die Stadt völlig überdimensioniert, weil er früher in einen sächsischen und in einen preußischen Teil untergliedert war. Das ist geschichtlich total spannend. Ich mag es grundsätzlich sehr in den Sonnenuntergang hineinzufahren, die Abende sind meine Lieblingsreisezeit und ich mag den weiten Blick in die Natur. An den neuen ICEs gefällt mir übrigens vor allem das LED-Lichtkonzept – die Farbe des Lichts passt sich an die Tageszeit an. Das ist sehr gelungen und komfortabel.

Westerland hat übrigens einen Sackbahnhof. Was verbindet dich bislang mit Sylt?

Um den sogenannten Zipfelpass zu bekommen, muss man einmal in den vier deutschen Gemeinden gewesen sein, die ganz im Süden, ganz im Westen, im Osten und im Norden der Republik liegen. In dem Zuge habe ich eine Nacht in List verbracht und war begeistert, es hat mich irgendwie an Australien erinnert. Da ich jetzt Sylt im Juni erlebe, freue ich mich ganz besonders, einen Badeanzug habe ich in meinem Rucksack auch immer dabei. Ich bin sehr neugierig auf neue Orte. Mit meiner Oma habe ich viele Urlaube gemeinsam erlebt, in Cuxhaven waren wir auch gerne, seitdem liebe ich die Nordsee.

Du hast für deine Sylt-Erkundungen sogar zwei Monate im Voraus einen Elektro-Roller gemietet. Ist dieses Maß an Planung nicht spießig?
Gute Planung verschafft mir Freiraum in meinem Leben. Es ist eine Gratwanderung – ausreichend Struktur, ohne verplant zu sein. Das Maß muss stimmen, dann ist es ideal.

Dein Blog über deinen Selbstversuch sorgte über die Landesgrenzen hinaus für eine Riesenresonanz. Einen richtigen Hype. Damit hattest du wahrscheinlich selbst nicht gerechnet. Ende Mai erscheint jetzt dein Buch im Fischer-Verlag. Gibt es eine hohe Erwartung deinerseits?
Ich habe mich übrigens mit der Resonanz auf mein Experiment auch in meiner Bachelor-Arbeit beschäftigt. Das passte natürlich gut. Ich habe ja Medienwissenschaften studiert. Jetzt zum Buch: Ich glaube, zu konkrete Erwartungen machen im Leben viel kaputt. Gespannt bin ich, natürlich, wie verrückt auf die Resonanz. Bisher gibt es vier Termine für eine Lesung. Ich würde mich über einen Erfolg natürlich sehr freuen.

Sylt hat ja von Natur aus ein sehr spezielles Verhältnis zur Bahn. Die Insel ist wirtschaftlich nämlich komplett abhängig. 6.000 Menschen pendeln jeden Tag vom nahen Festland auf die Insel, um hier zu arbeiten. Von den Gästen in den Personen- und auf den Autozügen ganz zu schweigen. Es gibt eine, sagen wir, »sehr lebendige« Auseinandersetzung über das Zugmaterial, über Verspätungen etc. Du hast jetzt bahntechnisch in Deutschland wirklich den »Durchblick«. Wie würdest du die Qualität der Bahn in Deutschland zusammenfassend beurteilen?

Wir sind ganz klar privilegiert. Mit 34.000 Schienenkilometern und einem Zustand des Zugmaterials, der sehr respektabel ist. Klar geht immer mal etwas schief und einiges gehört verbessert. Aber so ein Experiment wie meines, in den Zügen zu leben, das würde in kaum einem anderen Land möglich sein, aus dem einen oder anderen Grund.

Eine beinahe unerwartete Quintessenz. Fein. Jetzt nur noch die Frage: Wir leben auf dem Höhepunkt des mobilen Zeitalters. Das ist großartig, aber irgendwie auch wahnsinnig. Würdest du manchmal wünschen, dass das Leben wieder langsamer wird?

Wenn man überlegt, dass in Deutschland im Individualverkehr täglich alleine 200 Millionen leere Autositze in der Gegend herumfahren, dann ist das natürlich der totale Wahnsinn und es muss sich dringend etwas verändern. Ich finde es total spannend, die Entwicklung weiter hautnah zu verfolgen und in Zukunft vielleicht durch mein Dazutun aktiv mitzugestalten. Weitere Projekte und Selbstversuche sind nämlich nicht ausgeschlossen, ich schaue mal, was da kommt.

Die Lesung beginnt Am Donnerstag um 20 Uhr im Kaamp Hüs, Einlass ist um 19.30 Uhr. Karten gibt es an allen Vorverkaufsstellen und im Internet unter www.kampen.de für 21 Euro und an der Abendkasse für 25 Euro.

Das Buch von Leonie Müller ist für 14,99 Euro im Handel erhältlich.
Foto: Fischer
Das Buch von Leonie Müller ist für 14,99 Euro im Handel erhältlich.




 
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