Kolumne "Probiert!" : Eiland Sylt vs. Isla Mallorca

Sommelier Nils Lackner.
Sommelier Nils Lackner.

In seiner Kolumne fragt sich Sommelier Nils Lackner, warum es auf Sylt so wenig Mut zur Veränderung gibt.

shz.de von
24. August 2018, 13:48 Uhr

Warnung: Die folgenden Worte werden nicht jedem gefallen! Müssen sie auch gar nicht. Aber manchmal tut es not, sich auch einmal auf der anderen Seite des Tellerrandes umzusehen. Und zu schauen, was die dort so alles veranstalten. Wenn unsere treuen Badegäste gerade nicht auf Sylt verweilen, trifft man viele von ihnen auf des Deutschen anderer Lieblingsinsel, Mallorca.

Vor ein paar Wochen hatte ich das Glück, dass man mich dorthin einlud, um mir ein paar Konzepte anzuschauen. Eines, welches mich komplett faszinierte und auch Wochen später noch begeistert, sind die Beach Clubs von Palma. Allen voran der neue Purobeach Illetas Club. Und ja, ich höre die Zweifler aufschreien, dass dies hier nicht möglich wäre. Dass Sylt nun mal eine kalte, windige Sandbank ist. Dass die Saisons zu kurz sind. Und ich denke mir: nix verstanden! Es geht hier nicht darum, auf kuscheligen balinesischen Sonnenbetten sein Bräunungsöl zu verteilen, es geht auch nicht um den Privatstrand. Das wäre tatsächlich nicht Sylt. Aber es geht darum, dass ein DJ auch mal bis spät in die Nacht am Strand gute Mucke spielen darf, dass eine Speisekarte international sexy sein kann und nicht immer aus den gleichen fünf Speisen und zehn identischen Weinen bestehen muss. Und darum, dass wir auch für ein Klientel attraktiv sein müssen, dass andere Ziele hat, als im Trekkingjacken-Partnerlook ihre Nordic Walking Stöcke durch die Pampa zu schleifen. Gunter Sachs würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er wüsste, was hier gerade passiert. Wir hatten früher doch auch Sommer voller Parties. Wo Jet-Set und Kurgänger friedlich nebeneinander koexistierten und alle mit einem Lächeln von der Insel gefahren sind. Lasst die einen doch feiern während andere entspannen. Ruinenhafte Reste kann man von dieser Kultur noch erkennen, leider meist nur erfunden und in der Klatschpresse. Warum können wir nicht lokale Küche mit cooler Ausrichtung anbieten? M3 nennt Purobeach das. Steht für Miami-Marrakesh-Melbourne, und beschreibt moderne Küche, welche lokale Zutaten in internationalen Zubereitungen anbietet. Sind wir wirklich verdammt dazu, immer nur Pannfisch zu fressen? Versteht mich nicht falsch, ich liebe Fisch in Senfsauce, aber eben nicht immer und überall. Lasst uns doch nicht zum langweiligen Sandhaufen verkümmern, sondern in der Liga mitspielen, in die wir gehören. Wir waren immerhin mal eines der frivolsten Strandbäder Europas. Wird Zeit, an diese Traditionen anzuknüpfen und wieder Gas zu geben mit frischen Ideen und weniger Steine in den Weg legen. Und wer immer noch denkt, das passe nicht zu Sylt, muss nur mal schauen, was auf Norderney und an niederländischen und belgischen Stränden gerade so passiert. Da hilft dann einfach mal mal die Gosche halten. Wir brauchen Macher, keine Zweifler.

Nils Lackner ist Sommelier und Wein-Dozent. Auf seiner Heimatinsel Sylt organisieren er und sein Team Führungen durch die Weinberge sowie Proben der Sylter Weine. Info: booking@nilslackner. com oder 0163-2090710.

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