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Medien : „Echten Kripo-Alltag will keiner sehen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Völliger Unfug oder dicht an der Wahrheit? Sylter Kriminaloberkommissar a.D. über den Sylt Krimi „Nord Nord Mord“.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Mit dem Sylt–Krimi „Nord Nord Mord - Der tote Koch“ hatte das ZDF am vergangenen Montag um 20.15 Uhr bei den Zuschauern mal wieder die Nase weit vorn: Die Kommissare rund um Theo Clüver alias Robert Atzorn holten mit dem 90-Minüter 6,05 Millionen Leute vor die Flimmerkisten. 18,8 Prozent Marktanteil wurden insgesamt generiert, 8,8 Prozent bei den jungen Zuschauern. Das bedeutete in der Primetime die höchste Einschaltquoten des Abends. Auch auf Sylt sahen wieder viele dabei zu, wie die Kommissare verdächtigten, ermittelten und verhafteten. Aber was in dem Krimi könnte aus der Realität des Kripo-Alltags stammen und was ist von den Drehbuchautoren frei erfunden und sogar falsch dargestellt?

Die Sylter Rundschau fragte bei Michael „Mike“ Wessel nach, der 31 Jahre bei der Sylter Polizei als Kriminaloberkommissar arbeitete. Wessel guckt eher selten Fernsehkrimis. „Manchmal ist es regelrecht lustig, was dem Zuschauer da gezeigt wird“, sagt er lachend und klärt auf: „Der normale Kripoalltag kann absolut nicht verglichen werden mit dem, was im Fernsehen gezeigt wird. Aber diesen Alltag möchte natürlich auch kein Fernsehzuschauer sehen.“

Die meiste Zeit seiner Arbeit sei es wesentlich ruhiger zugegangen als im Film. „Es ist viel Schreibarbeit zu erledigen, natürlich muss man auch mal raus, um Ermittlungen vor Ort durchzuführen, aber generell haben wir sehr wenig Action.“


Der Fakten-Check


Wir haben dem 70-jährigen Pensionär einzelne Szenen aus „Der tote Koch“ gezeigt und gefragt, was wirklich dahinter steckt:

Die Szene: Das Mordopfer ist der Koch im Restaurant eines guten Freundes von Kommissar Clüver, das spätere Entführungsopfer ist eine Freundin von ihm.

Das sagt Mike Wessel: „Wenn man als Kripobeamter Opfer oder Tatverdächtigen kennt, empfehle ich den Fall wegen Befangenheit einem anderen Kollegen zu geben. Sonst macht man sich angreifbar. Allerdings ist Sylt eine Insel und hier kennt man sich, davon sind auch Polizisten nicht ausgeschlossen. Daher: Nur weil man viele kennt, darf man die Fälle nicht gleich pauschal ablehnen. Mir selbst ist es allerdings einmal passiert, dass ich nach einer Brandserie einen Bekannten, dessen Eltern ich gut kannte, in Tatortnähe getroffen habe. Wie sich später herausstellte, war er der Täter. In der Hauptverhandlung gegen ihn sollte ich als Zeuge aussagen, wollte mich dazu jedoch nicht weiter äußern, da ich mich befangen fühlte. Das wurde akzeptiert.“

Die Szene: Hinnerk Feldmann geht in eine Bar, um Informationen zu erhalten. Er bestellt sich am Tresen ein Bier, rührt das Getränk jedoch nicht an.

Das sagt Mike Wessel: „Im Dienst muss man unbedingt Herr seiner Sinne bleiben. Dass man mal einen mittrinkt, ist im Ausnahmefall in Ordnung, sich aber zu betrinken ist absolut verboten.“

Die Szene: In einigen Situationen kommen die Ermittler zum Tatort und haben - wie zufällig - Gummihandschuhe in ihren Hosen- und Jackentaschen.

Das sagt Mike Wessel: „Handschuhe sollte man wirklich immer dabei haben, wenn man an einen Tatort kommt. Bei der Kripo hatten wir kleine Tatort-Taschen mit bestimmtem Werkzeug. Handschuhe sind dabei natürlich obligatorisch, um nicht irgendwelche Spuren zu hinterlassen oder Fingerabdrücke zu überlagern.“

Die Szene: Die Kommissare tragen durchgehend ihre Zivilkleidung und fahren in Zivilfahrzeugen über die Insel. Hinnerk Feldmann fährt einen sehr alten Lada Niva.

Das sagt Mike Wessel: „Kripobeamten nutzen Zivilfahrzeuge in neutralen Farben und mit Tarnkennzeichen, also Nummernschildern, die nicht deutlich erkennbar machen, dass es sich um ein offizielles Polizeifahrzeug handelt. Dass sie Zivilkleidung tragen ist realistisch, auch alte Autos werden für Observierungen gerne genutzt.“

Die Szene: Ina Behrendsen wird von ihrem Chef alleine losgeschickt, eine Observierungen durchzuführen.

Das sagt Mike Wessel: „Observierungen werden mindestens mit zwei oder drei Leuten durchgeführt. Außerdem gibt es dafür extra Polizeieinheiten, das sogenannte mobile Einsatzkommando. Die Kripo macht das zwar manchmal auch intern, aber grundsätzlich kommen dafür Kollegen in Zivil vom Festland, die mit dem eigenen Fahrzeug anreisen und sich verdeckt irgendwo hinstellen.“

Die Szene: Polizist Sven Lund fährt abends mit dem Rennrad seine Trainingsrunde. Auf einem Parkplatz steht ein für ihn „verdächtiges Fahrzeug“. Er zieht aus seiner Rennrad-Hose eine Waffe und nähert sich dem Kleinbus.

Das sagt Mike Wessel: „Diese Szene ist völlig realitätsfremd. Gerade der Umgang mit Waffen wird im Fernsehkrimi falsch gezeigt, denn im normalen Kripoalltag zieht der Beamte sehr selten seine Waffe. Wir tragen diese zwar im Dienst, aber im Privatleben hat man sie tunlichst im Waffenschrank in der Dienststelle einzuschließen.“

Die Szene: Die entführte Frau kann sich selbst befreien und kommt ins Haus von Kommissar Clüver. Er holt keine Unterstützung bei seinen Kollegen, sondern will ihr erstmal ein „Zimmer herrichten“.

Das sagt Mike Wessel: „Also sowas habe ich noch nie gehört, das ist absoluter Unfug. Natürlich müssen zunächst die Kollegen alarmiert werden! So eine Geschichte ist mir noch nie untergekommen.“

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