Begabtenförderung : Echte Chance für Sylter Superhirne

Die St. Nicolai-Schule in Westerland wurde mit 300 anderen Schulen für ein Programm zur Begabtenförderung ausgesucht.
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Die St. Nicolai-Schule in Westerland wurde mit 300 anderen Schulen für ein Programm zur Begabtenförderung ausgesucht.

St. Nicolai-Schule in Westerland nimmt an einem Programm zur Begabtenförderung des Bundes und der Länder teil.

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09. Februar 2018, 06:00 Uhr

Ein Anruf vom Schulrat aus Husum brachte die freudige Botschaft auf die Insel: Die St. Nicolai-Schule in Westerland wurde ausgesucht für das Programm „Leistung macht Schule“ – eine Initiative des Bundes und der Länder zur Förderung von begabten Mädchen und Jungen an den Schulen. Bundesweit profitieren 300 Schulen von dem Programm, jede Schule rechnerisch mit 400 000 Euro.

Mit dieser Initiative sollen in den kommenden zehn Jahren die talentierten Kinder und Jugendlichen im normalen Unterricht gefördert werden – unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status. Das Bundesbildungsministerium und die Länder teilen sich die Kosten von 125 Millionen Euro. Der Bund sorgt für die wissenschaftliche Begleitung, unter anderem durch die Universitäten, und die Länder bezahlen zusätzliche Lehrer. In der ersten Phase, die über fünf Jahre geht, nehmen 300 Schulen teil, von der Grundschule bis zur Berufsschule. Im Kreis Nordfriesland steht nur eine einzige Schule auf der Teilnehmerliste – die St. Nicolai-Schule in Westerland.

Bei der Auswahl dürfte die Erfahrung der Sylter eine entscheidende Rolle gespielt haben: 2016 wurde die Grundschule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Auch das Thema Begabtenförderung ist für das Kollegium um Schulleiter Horst-Peter Feldt nichts Neues. Schon vor vier Jahren wurde die Schule als „Zentrum für Begabungen“ zertifiziert. Damit ist sie auch Teil eines „Netzwerks Begabtenförderung“ von Schulen im Grenzraum. Zudem hätten die Sylter Schüler bei einem Vergleichstest (VERA-3) für die dritten Jahrgangsstufen in Deutsch und in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) besser abgeschnitten als der Landesdurchschnitt.

Doch warum ist Hochbegabung bei Kindern plötzlich so ein Thema? Die Politik habe erkannt, dass der Anteil hochbegabter Kinder und Jugendlicher mit rund zehn Prozent in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig liege, glaubt Horst-Peter Feldt. In Nachbarländern erreiche die Quote 20 Prozent. Dabei sei die Begabtenförderung gerade für ein ressourcenarmes Land wie die Bundesrepublik sehr wichtig. „Wir leben von unserem Denken“, sagt Feldt, „sonst hätten wir es mit nur einem Prozent der Weltbevölkerung nicht zur viertstärksten Wirtschaftsmacht der Welt gebracht.“

Wie genau das Programm zur Begabtenförderung ablaufen wird, ist noch nicht klar. Bis zu den Sommerferien würden zunächst organisatorische Fragen geklärt, im Februar zum Beispiel bei einer Konferenz in Kiel. Richtig los geht es mit dem Beginn des neuen Schuljahres. Erste Ergebnisse erwartet Feldt dann für 2019.

Gemeinsam sollen Unterrichtsmodelle erarbeitet werden, durch die talentierte Mädchen und Jungen im normalen Schulalltag besser erkannt und gefördert werden können. Diese Erkenntnisse sollen dann nach fünf Jahren an alle Schulen bundesweit gestreut werden.

In Westerland haben sich vier Lehrer für die Begabtenförderung qualifiziert: Britta Frank und Horst-Peter Feldt übernehmen die Diagnostik, zu der auch IQ-Tests gehören können. Martina Paulsen und Dirk Hohhäusel sind für die Beratung und Umsetzung zuständig.

Dabei bieten sich eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wenn Kinder über besondere Talente verfügen. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Kindergärten können kleine „Schnelllerner“ zum Beispiel vier Tage im Kindergarten und einen Tag in der Grundschule verbringen. Fünfjährige könnten schon vorzeitig eingeschult werden, doch das werde sehr genau geprüft. Allein besondere kognitiven Fähigkeiten sagten wenig aus über die emotionale, soziale Reife des Kindes, stellt Feldt klar.

Wer in der dritten Klasse in Mathematik oder Deutsch glänzt, könne stunden-, tage- oder wochenweise im Unterricht der vierten Klassen teilnehmen – diese Fächer werden gleichzeitig unterrichtet. Dabei werden für begabte Kinder individuelle Wochenpläne ausgearbeitet. Aber auch im eigenen Klassenverband gebe es Möglichkeiten, besonders leistungsstarke Kinder zu fördern.

Alle Lehrer des Kollegiums zögen an einem Strang, um der Vielfalt der Kinder gerecht zu werden – egal, ob geistig behindert oder hochbegabt, ob aus Flüchtlingsfamilie oder Millionärshaushalt. Jeder Mensch ist anders – diese Erkenntnis sei für die Kinder der St. Nicolai-Schule täglich gelebte Erfahrung.

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