Außenstelle in Dersau : Dorfschulen ohne Zukunft

Traumschule im Schnee: Die letzten Schüler der Dorfschule in Dersau. Foto: Müller
Traumschule im Schnee: Die letzten Schüler der Dorfschule in Dersau. Foto: Müller

16 Kinder gehen in die Dorfschule Dersau. Laut Ministerium haben jedoch nur Schulen mit mindestens 44 Schülern eine Zukunft.

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24. März 2013, 10:46 Uhr

Dersau | Sie bauen sich ihre Traumschule aus Schnee. Mitten auf dem Schulhof der kleinsten Außenstelle einer Grundschule in Schleswig-Holstein in Dersau (Kreis Plön) schaffen sich die Kinder ihre eigene Wirklichkeit. Denn in der wahren Welt hat ihre Schule keine Zukunft. Zum Schuljahresende wird sie geschlossen - mangels Schülermasse. "Ich finde das doof, denn hier habe ich viele Freunde", sagt der achtjährige Hannes Fleischmann, der sein letztes Grundschuljahr nun in der Mutterschule im fünf Kilometer entfernten Ascheberg absolvieren muss.

Zuletzt gab es nur noch drei Anmeldungen für die Zwergschule. "Für Dersau ist nicht genug geworben worden", klagt Hannes Mutter Michaela Fleischmann.
Die Schließung der Dorfschule Dersau wird nicht die letzte im Kreis sein. Eine weitere wird zum Schuljahresende dicht gemacht, und bis auf eine Außenstelle haben alle zu wenig Schüler, um nach offiziellen Standards überleben zu können. "Es trifft den Kreis Plön hart und verlässlich - leider", so Schulrat Jürgen Hübner.

Bei 44 Schülern liegt die Schmerzgrenze

Laut Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) liegt bei 44 die Schmerzgrenze. 16 Außenstellen haben zu wenig Schüler, acht weitere kommen dem Wert bedrohlich nahe. Die Bildungsministerin hält Schulschließungen für nötig, die allerdings nur am Ende eines langen Prozesses unter Beteiligung aller stehen dürfe. Aber sie erklärt auch, dass der Erhalt der Dorfschulen nicht zu Lasten der Schüler in den Mutterschulen gehen dürfe - und er soll kein Extra-Geld kosten. Wenn eine Schule zu klein werde, sei es schwer, qualifizierten Unterricht zu machen.

Das sehen Eltern und Lehrer in Dersau anders. Klassenlehrer Gunnar Voß ist Fan der Dorfschule. "Hier sind alle Kinder miteinander befreundet, wir sind Teil des Dorfes, eine lebendige Schule." In der Stadt sei es schwerer, mit Kindern zu imkern, ihnen die Natur nahe zu bringen, Ausflüge müssten aufwendiger organisiert werden. In Dersau lernen die Schüler jahrgangsübergreifend, haben genügend Räume, um kreativ zu sein. Unterstützt wird Gunnar Voß von den Eltern und der Gemeinde. Und auch das Hin- und Herfahren nach Ascheberg nimmt er in Kauf, genauso wie das Weniger an Pausen, weil er mehr Aufsicht führen muss.

"Wir verlieren etwas, das wir nicht mehr zurückbekommen"

"Eine erste und zweite Klasse gemeinsam und eine dritte und vierte Klasse zusammen mit insgesamt 40 Schülern - das wäre ein Traum", meint Elternvertreterin Fleischmann, deren Tochter Pietje schon die erste Klasse in Ascheberg besuchen muss, weil in Dersau seit zwei Jahren nicht mehr eingeschult wird. Die Fleischmanns haben vor ein paar Jahren gebaut, die Grundschule war ein Argument in dem nicht einmal 900 Einwohner zählenden Dorf sesshaft zu werden. "Mit der Schule verlieren wir etwas, das wir nicht mehr zurückbekommen", sagt die 40-Jährige. Ein Kinder-Theaterstück im benachbarten Seniorenheim sei nur noch schwer zu organisieren, auch der örtliche Sportverein könnte den schulischen Exodus der Kinder zu spüren bekommen. Die Verantwortlichen im Dorf haben das gesehen und für die über 300 Jahre alte Schule gekämpft, zeitweilig bezahlte die Gemeinde sogar einen Lehrer, um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten.

"Es macht mir keinen Spaß Schulen zu schließen, aber irgendwann geht es nicht mehr - da kann das pädagogische Konzept noch so gut sein", sagt Schulrat Hübner. Die Lehrerstunden seien ungerecht verteilt, weil ein Lehrer in Dersau eben nur 16 Schüler, einer in Ascheberg aber über 20 betreut. Auch organisatorisch berge die Zusammenlegung Vorteile.

Die Dersauer haben sich damit abgefunden, auch wenn sie alle ihre Schule gern behalten hätten. Jetzt blüht den Kindern eine Busfahrt zur Schule, den Eltern die Beförderungskosten. Im Mai wollen sie alle ein großes Abschiedsfest feiern. "Danach werde ich weniger in Dersau sein", sagt Hannes Fleischmann, der Respekt vor der neuen Schule und ihren über 200 Kindern hat. Seine Traumschule hat Hannes schon gefunden, sie liegt in Dersau. Aber der Traum schmilzt dahin, spätestens wenn der Sommer kommt.

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