Interview : Dieter Thomas Kuhn: Ein Schlagersänger auf Sylt

Mit Dieter Thomas Kuhn beginnt das erste von drei Sylter Open-Air-Konzerten, die das Schleswig-Holstein Musik Festival in Kooperation mit dem Meerkabarett veranstaltet.

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22. Juli 2014, 06:00 Uhr

Die singende Fönwelle hat sich verändert. Nein, nicht dass Dieter Thomas Kuhn seiner sorgsam ondulierten Frisur untreu geworden wäre oder gar sein Brusthaar-Toupet abgelegt hätte – der Schlagerbarde tritt beim Schleswig-Holstein Musik Festival im Umfeld von Klassikkünstlern auf. Geblieben ist seine Vorliebe für schmalzige Schmachtfetzen vergangener Jahrzehnte – Uralt-Hits wie „Ich komm zurück nach Amarillo“ oder „Hallo, Herr Nachbar“ auf seinem aktuellen Album „Hier ist das Leben“ zeugen einmal mehr von seinem ganz besonderen Sinn für die Geschmacksverirrungen der 70er Jahre. Am 24. Juli kommt der 49-jährige Tübinger nun mit seiner siebenköpfigen Band zum Open Air nach Rantum – vor seinem Konzert hat der sh:z mit Dieter Thomas Kuhn gesprochen.

Herr Kuhn, was verschlägt Sie auf ein Klassik-Festival wie das SHMF?
Das haben sich einige schon gefragt, was denn ausgerechnet ich da mache. Tja, ich wurde ganz einfach gefragt, ob ich das Festival ein wenig aufmischen und etwas Farbe hineinbringen könnte (lacht). Allerdings habe ich auch schon gehört, den Syltern sei das eigentlich zu laut…

Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – schließlich spielen Sie ja nicht zum ersten Mal auf Sylt auf. Was ist Ihnen denn von Deutschlands schönster Insel besonders in Erinnerung geblieben?
Wir waren seinerzeit leider nur einige Stunden auf Sylt. Aber vielleicht klappt es ja diesmal – und ansonsten haben wir uns schon vorgenommen, möglichst schnell wiederzukommen!

Vielleicht ja für einen Sommerurlaub…
…gern – sobald ich hier eine bezahlbare Ferienwohnung gefunden habe (lacht).

Das Sylter Publikum gilt als eigen – braucht es da besondere Hits oder auch ein besonders großes Brusttoupet, um für Stimmung zu sorgen?
Vielleicht sollte ich einfach „Ich will zurück nach Westerland“ anstimmen … Übrigens ein toller Song, in den ich jederzeit einstimmen würde.

Nun, Ihre Fans erwarten zweifellos anderes Liedgut von Ihnen – wobei Ihr Erfolg ja selbst vielen Schlager-Experten ein Rätsel ist. Haben Sie eine Erklärung dafür?
An diesen Erklärungsversuchen scheitern wir jedes Mal wieder (lacht). Es ist vielleicht einfach diese farbenfrohe, gutgelaunte Band: Eine gute Laune, die nicht aufgesetzt ist, sondern wirklich seit vielen Jahren echt – und ich glaube, dass wir eben dies auch in unseren Konzerten transportieren.

Aber kann es einem Künstler wirklich auf Dauer Spaß machen, immer nur die Titel anderer Musiker nachzuspielen?
Diese Frage ist für mich längst überholt, weil ich ja nichts anderes mache – und fände ich darin keine Befriedigung, dann würde ich es wahrscheinlich schon lange nicht mehr tun. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mit dem eigenen Songschreiben einfach nicht funktioniert, ich gleichzeitig aber großen Spaß daran habe, diese Songs zu überarbeiten und neu zu interpretieren. Nun könnte ich unglücklich sein, dass ich es nicht fertig bringe, eigene Songs zu schreiben, aber das bin ich nicht – ganz im Gegenteil haben wir nach wie vor einen Riesen-Spaß an der Sache.

Offenbar ja auch an den Kostümierungen, denn im Konzert wie auch auf Ihren CD-Covern kommen Sie stets wie ein Traum in Plüsch und Samt daher, kombiniert mit einem Hauch von Rotlichtclub-Milieu – mögen Sie diese gewisse Zwielichtigkeit, die daraus resultiert?
Ich nehme zumindest in Kauf, dass es so wirkt (lacht). Und, zugegeben, ich bin selbst begeistert von meinem Mut und finde es auch gut, dass das Ganze ein wenig zwielichtig scheint.

Sommerzeit ist Badezeit – legt Dieter Thomas Kuhn da bei Ausflügen ins Freibad oder ans Wasser auch sein Brusthaar-Toupet an?
Nein, das tue ich nicht – ich errege so schon genug Aufsehen, wenn ich mich halb entblößt im Schwimmbad bewege. Ich fühle mich da ohnehin nicht wirklich wohl in meiner Haut, denn der Alterungsprozess hat auch bei mir eingesetzt – und ich wundere mich immer wieder, wie mutig sich da manche Menschen in Badehose präsentieren.

Im Schwimmbad müssen Sie also nicht um Ihr Brusthaar-Toupet fürchten – in den Konzerten hingegen wird Ihnen die mächtige Behaarung ja von den Fans immer wieder gern als Andenken von der Haut gerissen. Woher beziehen Sie eigentlich den Nachschub?
Letztendlich handelt es sich um einen Theaterbedarfsartikel – doch eigentlich soll es mein Geheimnis bleiben, wie dieses Brusthaartoupet gemacht wird. Denn viele haben es schon zu kopieren probiert, aber bislang hat es noch keiner so hinbekommen wie ich.

Ohne nun in die allerletzten Geheimnisse dieser Sonderanfertigung eindringen zu wollen: Sie fertigen diese Toupets tatsächlich eigenhändig an?
Ja, das wird täglich neu gemacht. Im Prinzip ist es ein Echthaar, das es am Stück zu kaufen gibt, am Zopf, und dies wird dann zerpflückt und aufgeklebt. Ich fertige es also mit handelsüblichen Materialen an – doch seine Besonderheit liegt dann in der Zubereitung.

Da das Ganze ja aufgeklebt wird, dürfte Ihre Originalbrust darunter vermutlich rasiert sein – alles andere wäre sonst doch zu schmerzhaft, oder?
Das Rasieren ist gar nicht nötig, weil da eh nichts wächst (lacht) – andernfalls müsste ich mir ja auch nichts aufkleben.

Das klingt ja fast nach einem kleinen Männlichkeits-Trauma, das Sie da mit dem Brusthaar-Toupet kompensieren…
… ach nein, eigentlich hatte ich nie damit ein Problem, dass ich keine Brustbehaarung habe. Aufgeklebt habe ich das Brusthaar nur, weil ich damals dachte, das sei nötig, um Schlager zu singen – und so muss ich das nun auch weitertreiben.

Sie sind der Jüngste unter sechs Geschwistern – sind die eigentlich manchmal peinlich berührt ob solch seltsamen Treibens ihres kleinen Bruders?
Sie kommen immer wieder gern auf meine Konzerte und sind wohl auch eher ein bisschen stolz auf diese ganze Geschichte. Auch wenn mich meine jüngste Schwester angesichts manch peinlicher Fotos schon mal gefragt hat: Musst du dich wirklich jetzt so präsentieren?

Peinlich könnte ja auch Ihrer neunjährigen Tochter Fanny eines Tages der eigene Papa werden – muss sie mit Ihnen „Schön ist es auf der Welt zu sein“ singen oder darf sie Mozarts kleine Nachtmusik auf dem Klavier lernen?
„Schön ist es auf der Welt zu sein“ singt sie automatisch und freiwillig – und das stimmt ja auch irgendwie... Die Nachtmusik indes muss noch etwas warten: Wir sind erst bei der Blockflöte.

Reichlich Peinlichkeiten ganz anderer Art hat es in den letzten Jahren aus deutscher Sicht beim Eurovision Song Contest gegeben – wäre das keine Herausforderung für Dieter Thomas Kuhn, dort die deutsche Schlagerehre zu retten?
Das war schon in den 90er Jahren eine Idee von unserer Plattenfirma, doch ich habe mich immer erfolgreich geweigert. Ich finde das alles ganz schrecklich und möchte in diesem peinlichen Rummel auch gar nicht mitmischen. Für mich ist der Grand Prix seit Abba und „Waterloo“ erledigt – alles, was danach gekommen ist, war einfach noch nur Mist.

Sie könnten sich also auch keinen Auftritt a la Guildo Horn oder Stefan Raab vorstellen?
Ich glaube, das muss ich nicht machen – wir haben auch so viel Spaß. Und manchmal ist das ja auch das sofortige Ende einer Karriere (lacht) – und das möchte ich nicht herausfordern.

Ohne jetzt ein solches Ende heraufbeschwören zu wollen – können Sie sich vorstellen, auch noch mit 60 Schlagerpartys zu zelebrieren?
Wünschenswert wäre das natürlich schon, aber ich weiß nicht, wie ich das mit 60 sehen werde: Will ich dann wirklich noch immer da oben auf der Bühne stehen? Kann ich es überhaupt noch – oder muss ich es vielleicht sogar noch? Bei so etwas spielen immer sehr viele Faktoren eine Rolle. Ich hoffe nur, dass ich rechtzeitig erkenne, wann es peinlich wird.

Wann würde es für Sie peinlich werden?
Wenn ich merke, dass die Konzerte in eine andere Richtung gehen, plötzlich alles bestuhlt ist und die Dinge langsamer werden. Ich habe vor einigen Jahren Mick Jagger und die Stones erlebt und war mir nicht mehr sicher, ob das Ganze nicht schon über den Zenit hinaus gewesen ist. Ich bin gespannt, wie das eines Tages bei mir enden wird...

> Rantum: 24.7., Sylt-Quelle, 19 Uhr, Karten (35 Euro): 0431/237070

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