Nationalsozialisten in SH : Die zwei Karrieren des Heinz Reinefarth

Nach Kriegsende war Heinz Reinefarth  (Mitte) geachteter Bestandteil der Westerländer Gesellschaft.
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Nach Kriegsende war Heinz Reinefarth (Mitte) geachteter Bestandteil der Westerländer Gesellschaft.

Heinz Reinefarth schaffte es trotz seiner Zeit als SS-Gruppenführer im Zweiten Weltkrieg eine Existenz als Bürgermeister von Westerland und Landtagsabgeordneter aufzubauen

shz.de von
05. Mai 2012, 08:00 Uhr

WESTERLAND | Die Vergangenheit lässt uns nicht los. Dies trifft in besonderem Maße auf die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte zu - vor allem dann, wenn man sich einer offensiven Beschäftigung damit bisher verweigert hat. Ein solcher Fall ist die Affäre um Heinz Reinefahrth, der als SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei maßgeblich an der brutalen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 gegen das deutsche Besatzungsregime beteiligt war und dem nach dem Kriege als Bürgermeister von Westerland und Landtagsabgeordnetem in Kiel erneut ein gesellschaftlicher und beruflicher Aufstieg gelang.

"Die zwei Karrieren des Heinz Reinefarth" lautet denn auch der Titel eines faktenreichen Aufsatzes, den der in Bern lebende Gymnasiallehrer und Doktorand Philipp Marti in dem kürzlich erschienenen Band 22 des Jahrbuchs "Demokratische Geschichte" veröffentlicht hat. Der Untertitel lässt es an Deutlichkeit nicht mangeln: "Vom ,Henker von Warschau zum Bürgermeister von Westerland."

Die "Causa Reinefarth" war in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder kritisch thematisiert worden, zum Beispiel im "Spiegel" ("Mehr Polen als Pulver", 1961, "Nacht über Wola",1962), im Hamburger Abendblatt ("Täter, etabliert in Amt und Würden", 1990), im "Stern" ("Vom Henker zum Bürgermeister", 2008), oder in der "Zeit" ("Brauner Sand in Westerland", 2011). Jetzt endlich wird die Affäre von einem jungen Historiker zeitgeschichtlich und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit aufgearbeitet. Die Studie über die Laufbahn von Heinz Reinefarth entsteht in Form einer Dissertation an der Abteilung Neueste Allgemeine Geschichte und Zeitgeschichte des Historischen Instituts der Universität Bern.

2009 hatte der heute 33 Jahre alte Philipp Marti mit seinen Recherchen begonnen, die ihn in Archive nach Berlin, Freiburg/Breisgau, Schleswig und Westerland führten. Besondere Unterstützung erfuhr er durch Mitarbeiter des Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG). Auch das Sylt-Archiv habe sich ihm gegenüber sehr kooperativ verhalten, blickt Marti auf seinen immerhin dreiwöchigen Aufenthalt in Westerland zurück.

Während seiner Recherchen auf der Insel führte er auch Gespräche mit Zeitzeugen, unter anderem mit dem früheren SPD-Stadtvertreter und Landtagsabgeordneten Ernst-Wilhelm Stojan, der Reinefarths Aufstieg im Nachkriegsdeutschland zum Bürgermeister und Landespolitiker direkt erlebt und stets kritisch beobachtet habe. Stojan empfand es als Skandal, dass ein derart belasteter NS-Protagonist die Schatten seiner braunen Vergangenheit unbeschadet abstreifen und sich in der Politik des demokratischen Deutschland eine neue Karriere aufbauen konnte.

Auf Sylt leben heute keine Reinefarths mehr. Philipp Marti kontaktierte einen auf dem nordfriesischen Festland wohnenden Nachfahren von Heinz Reinerfarth und bat um ein persönliches Gespräch. Der Enkelsohn habe zögerlich zugesagt. Zu einem geplanten Zusammentreffen sei es dann doch nicht mehr gekommen, bedauert Marti.

Die Doktorarbeit mit dem Titel "Der Fall Reinefarth - Nationalsozialismus und Vernichtungskrieg im Diskurs von Justiz und Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland" soll im Laufe des kommenden Jahres vorliegen. Philipp Marti hofft, für die Veröffentlichung seiner Studie einen Verlag gewinnen zu können. Dabei baut er auch auf einschlägige Kontakte seines Doktorvaters Prof. Stig Förster und des IZRG.

Einen Einblick in die noch nicht abgeschlossene Arbeit gibt Marti in seinem 26 Seiten umfassenden, illustrierten und mit einem wissenschaftlichen Anmerkungsapparat versehenen Aufsatz, der im neuesten Jahrbuch "Demokratische Geschichte" erschienen ist. Damit und mit seinem zu erwartenden Buch wird er die Debatte darüber neu beleben, wie und warum es so viele NS-Belastete nach 1945 schafften, eine neue bürgerliche Existenz aufzubauen und dabei zu Ansehen, Wohlstand und Ämtern gelangten.

Heinz Reinefarth, 1903 in Gnesen in der damals preußischen Provinz Posen als Sohn eines Landgerichtsrats geboren, war - wie Marti schreibt - wie viele spätere Funktionsträger des SS-Apparates im studentischen Milieu der 1920er Jahre durch die völkische Bewegung politisiert. 1932 wurde er Mitglied der NSDAP und der SA und schloss sich ein Jahr später der aufstrebenden SS an. Er avancierte 1942 zum SS-Brigadeführer und trat in das Hauptamt der Ordnungspolizei ein. 1944 wurde er zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei befördert und mit der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes gegen die deutschen Besatzer beauftragt. Philipp Marti: "In den ersten Tagen des Einsatzes verübten Angehörige der ihm unterstellten ,Kampfgruppe Reinefarth in den Stadtteilen Wola und Ochota schlimmste Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Obwohl das Massaker mehrere zehntausend Zivilisten das Leben kostete, war Reinefarth nicht ganz zufrieden. Telefonisch meldete er dem Oberkommando der vor Warschau stationierten 9. Armee, dass seine Truppen nur langsam vorankämen und er zu wenig Munition habe, um alle Gefangenen zu liquidieren." Die Vorgesetzten waren mit ihm zufrieden und ehrten ihn, den "Exzesstäter" (Marti), mit Eichenlaub zum Ritterkreuz. Überreicht wurde ihm die militärische Auszeichnung von Generalgouverneur Hans Frank, der als "Kronjurist Hitlers" und "Schlächter von Polen" in die Geschichte eingegangen ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den Reinefarth unversehrt überlebte, verbrachte er drei Jahre in amerikanischer Gefangenschaft. Er ließ sich vom Nachrichtendienst der US-Army anwerben, was ihn davor bewahrte, nach Polen ausgeliefert zu werden. Dort hätte ihm die Todesstrafe gedroht. Das Spruchgericht Hamburg-Bergedorf dagegen sprach ihn 1949 von jeglicher Schuld frei. Derart entlastet, startete Reinefarth seine zweite Karriere: Er wurde Mitglied der Stadtvertretung und des Magistrats von Westerland und wurde 1951 zum Bürgermeister der Stadt gewählt und 1957 für weitere zwölf Jahre in diesem Amt bestätigt.

Angriffen auf seine Person, die sich auf seine NS-Vergangenheit bezogen, konterte er stets mit dem Hinweis auf seinen Freispruch von 1949. Als neues Material auftauchte und von der überregionalen Presse verbreitet wurde, nahm die Staatsanwaltschaft Flensburg Ermittlungen gegen Reinefarth auf, die jedoch noch vor der Landtagswahl 1958 eingestellt wurden. Als Abgeordneter des Gesamtdeutsches Blocks/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) zog Reinefarth in den Kieler Landtag ein. In Polen reagierte man darauf mit Empörung.

Doch als 1961 Recherchen eines Osthistorikers zum Warschauer Aufstand bekannt wurden, holte ihn seine Vergangenheit erneut ein. Die Staatsanwaltschaft bemühte sich, belastbares Material zusammenzutragen. Der schleswig-holsteinische Landtag hob Reinefarths Immunität als Abgeordneter auf und 1963 trat er als Bürgermeister von Westerland zurück.

Für Verbrechen in Warschau musste er sich nie verantworten. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre jahrelangen, halbherzig betriebenen Ermittlungen endgültig ein. Nach dem erzwungenen Rückzug aus der Politik war Reinefarth als Rechtsanwalt tätig. Die Ausübung des öffentlichen Amts eines Notars war ihm von den Behörden nicht zugestanden worden. Heinz Reinefarth starb 1979 in Westerland. Die Stadt widmete ihm einen Nachruf, in dem sie hervorhob: "Sein erfolgreiches Wirken für die Stadt Westerland wird unvergessen bleiben."

Dass keines der Ermittlungsverfahren je zu einer Anklageerhebung, geschweige denn zu einer Verurteilung führte, hält der Historiker aus heutiger Sicht für skandalös. Reinefarths Nachkriegskarriere sei in der Bundesrepublik ohne Beispiel: Er war der einzige ehemalige SS-Führer im Generalsrang, der nach dem Kriegs in ein Länderparlament einzog. Bis zu seinem Tode war er unfähig zu einer selbstkritischen Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit.

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