Tönnies-Symposium Husum : Die Zukunft hat schon begonnen

Nanotechnologie könnte schon bald dafür sorgen, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine überschritten wird.  Foto: Montage: EG
Nanotechnologie könnte schon bald dafür sorgen, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine überschritten wird. Foto: Montage: EG

Wie Gen-, Nano- und Computertechnologie unser Leben verändern, wird beim Ferdinand-Tönnies-Symposium in Husum erörtert. Am 7. und 8. Mai diskutieren Fachleute und Laien aus ganz Deutschland im Nordsee-Congress-Centrum.

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14. April 2011, 10:05 Uhr

Husum | Wir schreiben das Jahr 1816. Mary Shelley ist mit Freunden und ihrem späteren Mann bei Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori zu Gast - in der Villa Diodati, unweit des Genfer Sees. 14 Monate zuvor ist der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen, dessen Asche sich noch immer wie Mehltau über Land und Leute legt. Historiker sprechen von einem "Jahr ohne Sommer". Wegen des extrem schlechten Wetters kommen auch Byron und seine Gäste kaum aus dem Haus, vertreiben sich die Zeit mit Schauergeschichten. Eine dieser Erzählungen wird in die Weltliteratur eingehen: Mary Shelleys düstere Vision von "Dr. Frankenstein", einem jungen Schweizer, der an der Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Der Roman beschreibt, was geschehen kann, wenn Menschen sich anmaßen, Gott zu spielen.

Was in "Frankenstein" als Werk eines größenwahnsinnigen "Einzeltäters" beschrieben wird, nimmt später - in Aldous Huxleys Roman "Schöne neue Welt" oder George Orwells "1984" - gesellschaftspolitische Dimensionen an. Allerdings ringen die computertechnologischen Überwachungssysteme des "Großen Bruders" den Menschen heute nur noch ein müdes Lächeln ab. Die Realität hat sie längst überholt. Und auch, was Mary Shelleys Zuhörern im Sommer 1816 kalte Schauer über den Rücken laufen ließ, ist mittlerweile medizinischer Standard. Kaum ein Tag, da in unseren Krankenhäusern keine künstlichen Hüftgelenke, Nieren und manchmal sogar Herzen "eingepflanzt" werden.

Nano-Technik erobert Blutbahn

Und das ist erst der Anfang, denn schon träumen Nano- und Biotechnologen - unterstützt von Computer-Experten der Generation "Star Wars" und "Raumschiff Enterprise" - von einem neuen "neuen Menschen". Davon jedenfalls spricht der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, als er das Thema 2001 erstmals in die Öffentlichkeit trägt. Sein Buch, "Die Darwin AG", fasst zusammen, was in den Vereinigten Staaten längst über den Zustand theoretischer Überlegungen hinausgewachsen ist.

Tatsächlich steuert die Menschheit - von der Öffentlichkeit noch immer weitgehend unbemerkt - auf eine zweite technologische Revolution zu (wenn sie nicht schon mittendrin steckt). Eine Revolution, die alles Bekannte in den Schatten stellt, völlig neue Dimensionen eröffnet: Machen sich bald winzige Nanoroboter auf eine "Phantastische Reise" durch den menschlichen Körper, wie es der gleichnamige Science-Fiction-Film von Richard Fleischer aus dem Jahr 1966 vorwegnimmt? Und werden sie dort, wo unserer sterblichen Hülle Ungemach droht, ihre nanotechnologischen Muskeln spielen lassen, um auszugleichen, was wir selbst oder Mutter Natur uns eingebrockt haben?

Wie viel Technik kann der Mensch vertragen? Diese Frage stellt sich nicht nur vor dem Hintergrund der Ereignisse von Fukushima neu, sondern auch angesichts der Tatsache, dass die Grenzen zwischen Mensch und Maschine schon bald zu fließen beginnen könnten.

Themen, die nicht nur Wissenschaftler beschäftigen sollten, sondern alle Bereiche einer globalisierten Gesellschaft erfassen und dabei immer auch religiöse Fragestellungen berühren. Zum Beispiel, wenn das US-amerikanische Saatgut-Unternehmen Monsanto darauf setzt, dass Mutter Natur ihr genmanipuliertes Saatgut über die ganze Welt verteilt und gleichzeitig versucht, sich ganze Nahrungsketten patentieren zu lassen, oder wenn es um die Frage geht, wie tot ein Mensch sein muss, damit Teile seines Gehirns zur Transplantation beziehungsweise für Forschungszwecke freigeben werden können.

Bedeutende Nordfriesen

Viele dieser Fragen, besonders die anthropologische Kontroverse, ob der Mensch das Produkt seiner Gene oder das seiner Umwelt ist (oder am Ende eine Mischung aus beidem), haben ihren Ursprung in Nordfriesland. Denn hier wurden zwei Männer geboren, die - wie Mary Shelley und doch ganz anders - Geschichte schreiben sollten: der eine als Begründer der Soziologie, der andere als Begründer der Hirnforschung: Ferdinand Tönnies (1855 -1936 ) und Oskar Vogt (1870 - 1959).

Und diese beiden sind es auch, denen Husum am 7. und 8. Mai einen Kongress zu verdanken hat, der sich mit vielen der oben aufgeworfenen Fragen beschäftigen wird. Organisiert wurde das internationale Tönnies-Symposium, zu dem namhafte Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und Frankreich erwartet werden, von der Alpen-Adria-Unversität Klagenfurt, der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft in Kiel und dem Nordfriisk Instituut in Bredstedt. Der Titel ist Programm und Provokation zugleich: "Life Sciences (Wissenschaft vom [menschlichen ] Leben)". Untertitel: "Die Neukonstruktion des Menschen?"

Das Programm des internationalen Ferdinand-Tönnies-Symposiums steht im Internet - die Adresse: www.messehusum.de. Hier können zum Vorverkaufstarif auch Tickets gebucht werden.

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