Die Zerstörung des Fahrplans

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07. Juni 2019, 08:18 Uhr

Den Wahnsinn des so genannten „Sylt Shuttle plus“ hat shz mal wieder deutlich gemacht. Der Grünen-Abgeordneten Nestle wurden erst nach erheblichen Druck die Horrorzahlen der Deutschen Bahn mitgeteilt. 1,5 Fahrgäste pro Fahrt. Dafür werden über 10 Jahre 10 000 Tonnen Diesel verbrannt, hunderttausendmal Schranken geschlossen, ungezählten Menschen davor Lebenszeit gestohlen. Lokführer, die dann anderswo fehlen, werden für diese taktischen Spiele eingesetzt.


Warum greift da die Landesregierung nicht ein? Wo bleibt der Rechnungshof? Oder die Verkehrsgesellschaft Nah SH? Oder DB Netz und stellt den Wahnsinn ab? Warum demonstriert „Friday for Future“ nicht in Bredstedt, Niebüll oder Westerland gegen diese Entgleisung politischer Vernunft? Warum berichtet der Youtuber Rezo nicht darüber? „Die Zerstörung des Fahrplans“. Was sagt die Bahn-Expertin Greta Thunberg dazu?

DB Autozug argumentiert, dass die Bredstedt-Fahrten Vertragsbestandteil sind und nicht einfach eingestellt werden können. Warum aber durfte Autozug Sylt gleich zu Beginn des Vertrages monatelang nicht fahren, obwohl sie die Trassen hatten? Wo bleiben eigentlich die versprochenen Doppelstockwagen von Autozug Sylt? War dieses Versprechen auch nur warme Luft?

Zu Beginn hat Autozug Sylt mehrere Spätverbindungen angeboten, um die „Braut schön zu machen“. Kaum hatte man die Beute im Sack, wurden die Spätverbindungen gecancelt. Zu unrentabel.
Ich habe in den vergangenen 50 Jahren kein vergleichbaren Fall erlebt, wo auf Kosten der Bürger, der Fahrgäste, der Streckenanrainer eine solch schamlose Trickserei stattgefunden hat.

„Die Auslastung ist aus unserer Sicht okay“, sagt dazu der Bahnsprecher. Das sind Fake-News. Eine solche Verdrehung der Wahrheit würde sich ja nicht einmal ein Trump-Sprecher trauen. Und einen Vergleich mit Nordkorea verkneife ich mir jetzt lieber.

Nachtrag: Aus Berlin hört man, dass die interne Revision der Bahn einen Zusammenhang zwischen dem Gewinneinbruch beim Autozug und dem Sylt-Shuttle plus erkannt hat. Das macht Mut.


Am Dienstag erschütterte uns nun die Meldung in der Sylter Rundschau, dass wegen eines vom fahrenden Autozug urinierenden Mannes ein größerer Polizeieinsatz erforderlich war, der auch eine Streckensperrung nach sich zog. Da hatte der junge Kerl noch mit Müh’ den Autozug erreicht – und dann war kein Klo an Bord!

Normalerweise lesen wir von Streckensperrungen, wenn Autozugreisende brennende Gegenstände (vulgo Zigarettenkippen) vom Autozug werfen und dadurch mächtige Böschungsbrände auslösen. Ich sollte vielleicht eine App entwickeln, die es möglich macht, diese hier aufgeführten Fehlverhalten unserer Autozugkunden zu synchronisieren – dass also der Strahl des einen den Brand des anderen löscht.

Toll wäre es, wenn es gelänge, das dann mit der entsprechenden Musik von Georg Friedrich Händel zu unterlegen. Mein ehemaliger Arbeitgeber würde es mir sicher danken.

Nachtrag: Würde man jedesmal, wenn ein Lokführer während der Fahrt aus seinem Führerstand strunzt, die Polizei rufen, wären alle Bahntrassen Deutschlands von funkelnden Blaulichtern gesäumt.

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