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Sylter Geschichte : Die wechselvolle Geschichte der „Mörderkuhle“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Als Kiesgrube, militärisches Übungsgelände, Abenteuerspielplatz und Müllkippe diente das Areal auf halbem Weg zwischen Tinnum und Keitum – ein Mord passierte hier allerdings nie.

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Wer mit dem Auto über die Landstraße zwischen Tinnum und Keitum fährt, hat auf halbem Wege meist nur einen flüchtigen Blick für das kleine Wäldchen übrig, dessen Rand das Sylter Tierheim flankiert. Dabei verbergen sich hinter den hohen Bäumen viele spannende Begebenheiten. Einer, der von der wechselvollen Geschichte dieses Areals mit dem noch heute gebräuchlichen, gespenstischen Namen „Mörderkuhle“ genau zu berichten weiß, ist der gebürtige Keitumer Peter Hammer.

„Als mit dem Bau des Hindenburgdamms begonnen wurde, entnahm man diesem Bereich großflächig Kies. 1936 forstete die Jägerschaft das Areal dann mit Fichten und Kiefern auf“, weiß Hammer. Im selben Jahr wurde Baumaterial für den Rantum-Damm ausgehoben und für den Abtransport eigens ein Schienenstrang zum Rantum-Becken verlegt. „Die nahe gelegenen Baracken des heute noch existenten ’Pionierlagers’ dienten als Unterkünfte für die Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes“, berichtet der heimatgeschichtlich bewanderte Keitumer.

Und er weiß auch, warum das Gelände den schauerlichen Namen „Mörderkuhle“ bekam: Nicht etwa, weil hier eine Tat geschah, sondern weil die Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes das Ausheben der Erdkuhlen mit Schaufeln bei sommerlicher Hitze als mörderische Arbeit empfanden.

Als die Wehrmacht die Insel mit Flakstellungen, Bunkern und weiteren Militäranlagen überzog, blieb auch das Areal zwischen Tinnum und Keitum nicht unberührt. „Eine zum Schutz des Westerländer Fliegerhorstes eingesetzte Flakbatterie wurde hier stationiert. Über diese liegen jedoch so gut wie keine Unterlagen vor“, notierte der verstorbene Sylter Heimatforscher und Militärkenner Harald Voigt.

Peter Hammer erinnert sich indes an Bunker nördlich des heutigen Tierheims, die nach Kriegsende gesprengt wurden. Einziges, noch heute gut sichtbares Relikt ist ein Hügel neben dem Tierheim, in dem ein Fernmeldebunker untergebracht war.

Dass im Bereich der „Mörderkuhle“ gelegentlich auch scharf geschossen wurde, ist dem heute 79-Jährigen noch gut in Erinnerung: „Die Soldaten feuerten mit Panzerfäusten auf Panzerattrappen. Diese waren auf den Untergestellen von Loren installiert und beweglich, da man eigens ein Gleisstück verlegt hatte. Wir Jungs guckten bei den Schießübungen oft heimlich zu.“

Überhaupt sei das Gebiet gerade auch in der Nachkriegszeit ein großer Abenteuerspielplatz gewesen: „Wir badeten in den ausgehobenen Kieskuhlen, fingen in den Gräben Frösche und trugen mit den Tinnumer Jungs richtig gehende Revierkämpfe aus.“

In den Jahren 1953 und 1954 ebneten englische Pioniere dann weite Teile des Areals ein, um die Startbahn des Flughafens um 300 Meter zu verlängern. Bereits wenige Jahre zuvor hatte die Stadt Westerland im Bereich der „Mörderkuhle“ eine Müllkippe angelegt. Auch Peter Hammer fuhr später Schrott einer Schlosserei dorthin und sah, wie andere Firmen Fässer abkippten – „man will gar nicht wissen, was da so alles rein kam“.

Und noch heute sind die Reste der Müllkippe, die 1972 geschlossen und mit Erde abgedeckt wurde, sichtbar: Versteckt hinter Büschen ragen aus einem hügeligen Bereich neben dem Reitweg verrostete Autoteile und andere stark verwitterte Überbleibsel – stumme Zeitzeugen der wechselvollen Geschichte eines kleinen Stücks Sylt.

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