Strandburgen : Die vergessenen Burgen von Sylt

Der Sylter Strand im Jahr 1919; Der Korb ist geschützt, der Nachwuchs fürs Foto herausgeputzt.
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Der Sylter Strand im Jahr 1919; Der Korb ist geschützt, der Nachwuchs fürs Foto herausgeputzt.

Versandetes Phänomen: Einst zierten den Sylter Strand tausende von Strandburgen - heute ist der Bau verboten.

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11. Juli 2015, 05:28 Uhr

Der Kolumnist Harald Martenstein ist ein großer Fan von Sandburgen. In einer seiner jüngsten Kolumnen im Zeit-Magazin beichtet er: „Kein normales Kind kann so verrückt nach Sandburgen sein wie ich.“ Selbst als sein Sohn schon gefrustet die Schaufel ins Meer warf, mochte Martenstein mit dem Buddeln nicht aufhören: „Ich habe ihm zugeflüstert: Lass mich noch eine Sandburg bauen, komm, bitte, eine noch. Bleib im Sand sitzen, tu so, als ob Du mitbaust.“

Auf Sylt – hier verbringt Martenstein gern seinen Urlaub – hätte sein Sohn schlagkräftige Argumente, um dem langwierigen Burgenbau ein Ende zu bereiten: Sandburgen bauen ist auf der Insel verboten und stellt laut der Satzung „über die Einschränkung des Gemeingebrauchs am Meeresstrand“ gar eine Ordnungswidrigkeit dar. (Diese Regelung ist im Netz auch unter dem Suchbegriff „die verrücktesten Verbote Deutschlands“ zu finden).

Warum sich die Insulaner zum Bebauungsverbot für den Strand entschlossen haben, deutet sich in einem Artikel der Wochenzeitung Die Zeit aus dem Juli 1979 an: „In Westerland auf Sylt ist man besorgt um den 900 Meter langen Strandabschnitt, wo im vergangenen Jahr mit einem Kostenaufwand von 5,5 Millionen Mark wieder einmal Sand aufgespült werden mußte“, heißt es dort. „Und das teure Strandgut soll nun nicht wieder von Sandburgkonstrukteuren aufgelockert und somit wohlfeile Beute der See werden. Aber auch an den übrigen Westerländer Stränden kann nicht nach Herzenslust gegraben werden: Die Kurdirektion hat an allen Strandkörben Schildchen anbringen lassen mit einer Bauanleitung und genauer Angabe über die Breite des Bauwerks.“ Später dann verschwanden die Schildchen – das Burgenbauen wurde komplett verboten. Wobei – hier muss man sprachlich unterscheiden: Der Kampf der Sylter richtete sich vornehmlich gegen die Strandburg – also gegen die um die Strandkörbe geschaufelten Wälle – und weniger gegen die von Kindern am Flutsaum errichteten Sandburgen.

In Sachen Strandburgen – also: Wälle – muss Sylt einst eine Vorreiterrolle innegehabt haben: Bereits 1885 soll es auf Sylt Postkarten gegeben haben, die den Westerländer Strand mit zahlreichen Burgenbauten zeigten. Der Brauch selbst soll auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück gehen, als die breite Masse begann, zur Sommerfrische an Nord- oder Ostsee zu reisen.

Berühmt wurde 1904 eine sandige Festung am Westerländer Strand, die als „Internationales Heiratsbüro“ firmierte. Ein Schild am Eingang der Burg stellte sofort klar: „Diskretion Nebensache“. Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Strandburg war der Bierlaune einiger Gäste entsprungen – und soll tatsächlich mehrere Verlobungen und Hochzeiten gestiftet haben, schreibt der Sylter Autor Frank Deppe.

Aber auch in der jüngeren Insel-Geschichte spielen die Strandburgen eine wichtige Rolle: Der Sylter Dirk Jacobsen erinnert sich, wie er einst durch einen „Irrgarten“ aus Burgen versuchte, in Westerland das Meer zu erreichen. Und er kennt auch heute noch die unumstößlichen Regeln des Burg-Baus: „Je höher die Außenwände, desto besser. Den Sand für den Wall haben wir natürlich von außen aufgeschüttet, ansonsten hätte man bei entsprechender Tiefe der Burg schnell einen nassen Hintern gehabt. Das Grundwasser fing schon ziemlich früh an hochzusteigen und dann wäre die ganze Arbeit umsonst gewesen.“ Die selber gebauten Burgen der Kurgäste galten bis zum Urlaubsende als deren Privateigentum, so Jacobsen über knallharte Strandregeln, die nicht selten zu Konflikten geführt haben sollen, „da konnte sich kein anderer niederlassen. Die wurden über Nacht auch schon mal mit Handtüchern oder Schaufeln als reserviert gekennzeichnet, wie ja heute auch im Süden die Pool-Liegen in den Hotels.“

Dass das Bauen der Strandburg ein extrem deutsches Phänomen ist, hat den Alltagsforscher Harald Kimpel, Autor des Buches „Die Strandburg: Ein versandetes Freizeitvergnügen“ beschäftigt. Im Interview mit der Zeit erläutert er, wie sich diese deutsche Eigenart im Laufe der Jahre verändert hat. Zeitweise, folgt man Kimpel, verkörperte das Burgenbauen das Unwohlsein der Wirtschaftswunder-Generation mit dem stets verdächtigen Müßiggang. „Man demonstriert vor aller Augen, dass man das Ungehörige des Nichtstuns durch Arbeit überwindet. Arbeit ist so die bessere Form von Freizeit“, sagt der Wissenschaftler in der Zeit. Während des Nationalsozialismus habe sich dann anders, aber mindestens ebenso deutlich gezeigt, wie sehr die Strandburg die sozio-kulturelle Stimmung widerspiegelt: „Das nette Rund gewann Geradlinigkeit als Ausweis der Linientreue. Und was das Dekor anging, wurde auch der Führer nett an die Abhänge der Burgen gemuschelt“.

Heute dagegen wird nichts mehr irgendwo hin „gemuschelt“ – das Strandburg-Verbot wirkt, der Sand um die Strandkörbe bleibt glatt und das Ende der Burgenzeit wird zumindest auf der Insel nicht wirklich beklagt. Dass die Deutschen vom Bauwahn am Strand ziemlich weg sind, begründet Kimpel mit einem geänderten Urlaubsverhalten: Die Deutschen haben gelernt, am Strand die Hände in den Schoß zu legen. Im Zweifelsfalle lassen sie sich lieber von anderen bespaßen, als zum Spaten zu greifen.

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