zur Navigation springen

Flüchtlings-Debatte : Die Sylter Angst nach Köln

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Eine Konzentration von Flüchtlingen im Hörnumer JAW löst nach den Übergriffen in Köln Befürchtungen auf der Insel aus.

shz.de von
erstellt am 22.Jan.2016 | 05:15 Uhr

„Wer für Flüchtlinge ist, muss sich auch den Problemen stellen, die sie mitbringen“. So steht es im Vorspann eines großen Artikels mit der Überschrift „Wer ist der arabische Mann?“ Die Frage stellte Deutschlands große, renommierte Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 14. Januar. Die Kölner Vorfälle sind Anlass für die Auseinandersetzung der Zeitung mit der Frage und der damit verbundenen Problematik. Diese Problematik heißt schlicht: Müssen wir Angst vor dem arabischen Mann, seinem Frauenbild haben? Nach Köln hat sich nicht nur die Debatte um die Flüchtlinge verändert, auch der Blick auf uns. Auf uns als Medien, auf uns als Menschen, die wir Menschen in Not helfen wollen und auf uns als Gesellschaft, die um ihre Werte bangt, die sich fragt, welcher Art muss unsere Toleranz sein.

Damit sind wir auf der Insel. Auf Sylt, wo bisher sehr gute Erfahrungen mit Asylbewerbern gemacht wurden – und mit der Willkommenskultur, die sie hier erleben. Doch nach Köln fragen sich zunehmen Sylter und Gäste der Insel, wie es im Sommer sein wird, wenn wie geplant rund 400 weitere Flüchtlinge hier untergebracht werden müssen. Vor allem mit Blick auf die vielen jungen Mädchen, die dann die Strände bevölkern. Das „Outfit der junger Menschen, die FKK - und Oben-ohne-Kultur vieler Urlauber – wie wird sie auf junge Männer aus dem arabischen Raum wirken?“ Solche und ähnliche Fragen erreichen unsere Redaktion. Doch namentlich genannt werden möchte kein Anrufer.

Besonders fraglich erscheint es den Besorgten, ob es richtig ist, nach den Ereignissen von Köln auf Sylt konzentriert männliche junge Flüchtlinge zum Beispiel im JAW Hörnum unter zu bringen. Der Hinweis auf die anderen, ganz in der Nähe des JAWs gelegenen, Erholungsstätten für Jugendliche (Fünf-Städte-Heim, die Jugendherberge, das Pidder-Lüng-Haus der Gesellschaft für Jugendeinrichtungen oder das Jugendgästehaus Möwennest) wird dabei als sehr bedenklich eingeschätzt.

„Wenn es tatsächlich dazu kommt, dass im Hörnumer JAW-Heim mehr als 80 Asylbewerber untergebracht werden sollten, wird es selbstverständlich Informationsgespräche mit der Nachbarschaft geben“, versucht die für die Flüchtlinge auf Sylt zuständige Leiterin des Ordnungsamtes, Gabriele Gotthardt, zu beruhigen. „Das haben wir ja in der Westerländer Wohnsiedlung-Süd mit den KLM-Wohnungen genauso gehandhabt“. In Hörnum wären dies zum Beispiel die Anwohner und die Leiter der verschiedenen Jugendheime, aber auch die Vertreter der Bürgerinitiative, die sich im Inselsüden gegründet hat.

„Ein spezielles Sicherheitskonzept in Sachen Flüchtlinge gibt es bei uns nicht“, so Gotthardt, „auch nicht nach den Ereignissen in Köln. Dazu fehlt hier auf Sylt zum Glück noch der Anlass. Wichtig jedoch sind die Konzepte zur Betreuung der Asylbewerber – und da sind sowohl unsere hauptamtlichen, als auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter sehr gut aufgestellt. Vor allem die vertrauensvollen und persönlichen Kontakte sind für beide Seiten von großem Vorteil“. Aber genauso wichtig sei es auch, „dass bei der Nutzung weiterer Unterkünfte der Umfang überschaubar bleibt. Das gilt auch, wenn wir mobile Einheiten aufstellen sollten. Da liegt die Obergrenze bei etwa 100 Personen. Es darf nirgendwo zu enge Belegungen geben. Das ist ein entscheidendes Instrument zur Vermeidung potenzieller Konflikte. Darauf haben wir auch in der Vergangenheit immer geachtet – und darauf werden wir auch in Zukunft achten“.

Davon unabhängig gilt jedoch: „Wachsamkeit muss immer da sein. Es herrscht bei uns eine hohe Sensibilität in alle Richtungen. Wenn irgendwo Lampen aufleuchten, dann prüfen wir das.“ Auf Nachfrage bei der Polizei, ob sie für Sylt im Sommer eine besondere Problematik zukommen sieht, will man dazu keine Stellung beziehen.

„Aktuell liegen uns dazu keine Erkenntnisse vor“, sagt Gabriele Gotthardt. Die Chefin des Ordnungsamtes der Gemeinde Sylt möchte aber nicht ausschließen, dass es ein Thema sein könnte. „Dann würde sich unser Stab für außergewöhnliche Ereignisse damit beschäftigen“. Dieses breit aufstellte Gremium mit Vertretern des Ordnungsamtes, der Polizei und des DRK, aber auch mit Ärzten, Pastoren und Touristikern sowie vielen anderen trifft sich monatlich, um in Sachen Flüchtlingsunterbringung und -betreuung strategisch zwei bis drei Schritte nach vorne zu schauen, so weit dies angesichts der aktuellen Situation möglich ist. „Dabei ist natürlich auch die Sicherheit der Bevölkerung, aber ebenso der Flüchtlinge selbst ein Thema“.

Drei junge Syrer (die weder namentlich genannt noch fotografiert werden wollen), die schon seit einigen Monaten auf Sylt leben, sind über die aktuellen Diskussionen informiert und interessieren sich für Nachrichten aus aller Welt. „Als wir über die Situation an Silvester in Köln gehört haben, war die Stimmung allgemein sehr bedrückt“, erzählen sie. Die Angst, dass solche scheußlichen Taten verallgemeinert werden und alle Menschen mit ausländischem Hintergrund dafür verantwortlich gemacht werden, bestehe. Dann berichten sie von anderen jungen Männern, beispielsweise aus dem Osten Afrikas, die sie nach der Ankunft in Europa kennen gelernt haben und denen in der Heimat eine Menge versprochen wurde. Sie zahlen den Schleusern viel Geld und denken, dass sie in Deutschland schnell gute Arbeit finden, um ihre Schulden begleichen zu können. Sie haben die Verantwortung für ihre daheimgebliebenen Familien und aus Angst und Hilflosigkeit beginnen sie auf anderen Wegen, Geld aufzutreiben. Eine Entschuldigung sei das aber gewiss nicht.

Aufgebracht berichten sie über ihre Sorgen, dass die Stimmung auch auf Sylt kippe und erwähnen immer wieder, dass sie dankbar für das Engagement und die Freundlichkeit sind, die ihnen auf der Insel entgegengebracht werde. Auf die Frage, ob sie ähnliche Vorfälle wie in Köln auch schon einmal auf Sylt erlebt hätten, antworten sie alle mit einem klaren „Nein“. Besonders auf Sylt sei alles sehr friedlich und vertraut, nicht vergleichbar mit den großen Erstaufnahmelagern auf dem Festland. „Man kann hier sehr gut ankommen und zur Ruhe kommen“. Die schrecklichen Bilder von Krieg, Zerstörung und Flucht würden langsam verblassen. „Die Kultur in meiner Heimat unterscheidet sich sehr von dem Leben, was in Deutschland geführt wird“, erzählt einer der jungen Syrer. Sein Nachbar ergänzt:„ Die Frauen auf Sylt sind sehr selbstbewusst, fröhlich und aufgeschlossen.“ In seiner Heimat hätten die Mädchen und Frauen beispielsweise nicht Fußball in einem Verein spielen können. Sie kennen Frauen, die genau diesen strengen und beengten Situationen in ihrer Familie und ihrem Land entflohen sind. Dennoch müsse man differenzieren. Die drei Männer sind schon mindestens zwei Jahre in Europa und haben auch schon vor ihrer Flucht vom westlichen Lebensstil gewusst. Sie haben studiert oder zumindest einen Schulabschluss. „Es kommt auf den Hintergrund und den Menschen selber an. Für junge Menschen ohne Schulbildung oder ältere Menschen, deren Traditionen sehr stark sind, ist es schwieriger“ , so einer der Dreien, der in Syrien studiert hat und bereits vor mehr als vier Jahren nach Europa gekommen ist. Seine Heimat liegt in Trümmern und sein Studium konnte er nicht beenden. Er ist in die große, wie er sagt:„Flüchtlingswelle“ hineingeraten und wartet schon seit Jahren auf einen Pass. Er hat Angst, dass er in den ganzen Zahlen untergegangen und vergessen worden ist. „Ich möchte endlich wieder wirklich etwas tun. Mein Traum wäre es, zu studieren. Mir eine Existenz aufbauen. Ich werde nur älter und ich warte und warte.“ Die Ungewissheit sei schlimm und auch wenn er weiterhin dankbar ist, dass er in Deutschland leben darf, möchte er sich nach mehr als vier Jahren langsam eine Existenz aufbauen. Die Ereignisse in Köln beunruhigt sie alle. 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert