Die Suche nach dem perfekten Klang

Handarbeit: Rund 150 Stunden dauert der Bau einer Geige.  Foto: Donata Wenders
Handarbeit: Rund 150 Stunden dauert der Bau einer Geige. Foto: Donata Wenders

Geigenbauer Martin Schleske erzählt auf Sylt über sein Handwerk und die Schlüsse, die er dadurch für das reale Leben zieht

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11. Juni 2011, 08:54 Uhr

Sylt/München | Etwa 150 Stunden dauert es, bis Martin Schleske italienisches Bergfichtenholz in ein Instrument verwandelt hat. Und das ist nur der handwerkliche Teil. "Eine Geige ist dann fertig, wenn sie gut klingt, nicht andersherum", sagt der Geigenbauer. Und um den zu erreichen, kommt es nicht nur auf die Qualität des Holzes an.

"Man muss beim Herausarbeiten auf das Holz eingehen", erklärt der 45-Jährige. "Der Faserverlauf und die akustische Idee müssen zusammenkommen." Das funktioniere nur dann, wenn die Idee nicht schablonenhaft über das Holz gestülpt, sondern an die Holzfaser angepasst werde. Dafür sind zwei Säulen notwendig: "Barmherzigkeit mit dem Gegebenen und Ehrfurcht vor dem Gebotenen" - wie auch im richtigen Leben.

Dieses Gleichnis von Geigenbau und Realität entdeckte Schleske bereits in den Anfängen seiner Zeit als Geigenbauer. "Das weiß ich noch ziemlich genau", erinnert er sich. Er war damals 17 Jahre alt und im ersten Lehrjahr an der Instrumentenbauschule in Mittenwald. "Als ich die ersten Wölbungen aus dem massiven Holz herausgestochen und -gehobelt habe, merkte ich, dass man die Holzfaser spüren und ihren Klang hören muss." Eine gute Wölbung könne nur entstehen, wenn beides miteinander vereint werde. Das krumme, unterschiedlich gewachsene Holz stehe dabei für das reale Leben, das auch nicht perfekt sei, während der gute Klang für die Idee, also ein gelingendes Leben stehe. Seinem Gleichnis zufolge brauche man darum Ehrfurcht vor dem, was im Leben gelingen kann und gleichzeitig Barmherzigkeit für das, was tatsächlich möglich ist.

"Das war das erste Gleichnis, da hat sich mir ein ganzer Kosmos eröffnet, als ich das Holz herausgestochen habe", sagt Schleske. Dass er seine Erkenntnisse viele Jahre später in Form eines über 300-seitigen Buches veröffentlichen würde, ahnte er damals nicht.

Bevor der gebürtige Schwabe mit dem Geigenbau begann, brach der Sohn einer Lehrerin und eines Professors das Gymnasium nach der zehnten Klasse ab. "Mir war das alles zu verkopft damals." Die Musik zählte zu seinen ständigen Begleitern. Schon als Siebenjähriger begann er, Geige zu spielen. Zusammen mit seiner Mutter am Klavier, dem Vater auf der Querflöte und der Schwester am Cello wurde eine Zeit lang jeden Sonntag nach dem Kaffee Hausmusik gemacht. "Das war so ein Familienritual." Als Jugendlicher spielte er außerdem E-Gitarre und machte Rockmusik.

Die Ausbildung zum Geigenbauer scheint darum wie eine logische Schlussfolgerung. "Mich hat von Anfang an gereizt, dass Handwerk, Musik, Kunst und Naturwissenschaft zusammenkommen. Das macht Geigenbauer zu einem tollen Beruf." Auf der Suche nach dem perfekten Klang holte er später sein Abitur nach, um im Physik-Studium seine Kenntnisse über Akustik zu vertiefen.

Heute wohnt Schleske mit seiner Frau und zwei Söhnen bei München. Ab 20 000 Euro kosten die Geigen, die er dort in seinem Atelier herstellt. Damit hat er auch für sein Buch "Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens" nicht pausiert. Statt Monate vor dem Schreibtisch zu verbringen, sammelte er seine Ideen bei der Arbeit. "Der Großteil ist an der Werkbank entstanden. Ich habe ein ganzes Regal voll kleiner Notizbüchlein", erzählt er. "Die hatte ich immer neben mir liegen, weil mir während der Arbeit erstaunliche Dinge klar wurden." Sieben Jahre dauerte es, bis genug Ideen gesammelt und besondere Momente aufgeschrieben waren.

Bei seinem ersten Besuch auf Sylt wird er sowohl vorlesen, als auch frei erzählen. "Ich kann nur einen ersten Eindruck vermitteln. Da Musik dabei ist, wird es aber auch sinnlich, so dass man in die Gedanken eintauchen kann." Diesen Teil übernimmt Alban Beikircher. Er spielt sieben Stücke quer durch die Musikgeschichte, von Bach und Beethoven, sowie Zeitgenössisches - natürlich auf einer Schleske-Geige.

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