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Sylter Sprache : „Die Spinnenweben müssen vom Sölring runter“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Wie kann das Sölring auf Sylt erhalten werden? Darüber spricht Maren Jessen, Vorsitzende der Söl’ring Foriining im Interview.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2014 | 06:00 Uhr

Maren Jessen aus Tinnum ist langjähriges Mitglied im Friesenrat Sektion Nord, im Kuratorium des C.-P.-Hansen-Preises und seit Anfang April 2014 die zweite stellvertretende Vorsitzende der Söl’ring Foriining. Im Gespräch mit der Sylter Rundschau erläutert sie Chancen und Risiken des Erhalts der friesischen Sprache.

Frau Jessen, vergangenen Dienstag fand der „Ofslütinj“, der traditionelle Abschlussabend der Sölring-Sprachkurse, statt – zum ersten Mal ohne Maike Ossenbrüggen, der im Januar verstorbenen Vorsitzenden der Söl’ring Foriining.
Ein großer, für uns alle noch immer unfassbarer Verlust. Im Frühjahr 2013 hat Maike ihren letzten Kurs noch mit einem Puppenspiel zum Ofslütinj beendet, im September sogar ein zusätzliches Stück zum Gitarrenseminar auf Sylt mit den Marionettenspielern eingeübt und aufgeführt. Doch gleich danach war ihre Kraft leider am Ende. Der so wichtige Erhalt der Sylter Sprache, des Sölring, wurde immer wesentlich durch einzelne Personen auf der Insel gefördert: Annemarie Winger, Brunhilde Hagge, Hans Hoeg, Anja Gantzel, Erk-Uwe Schrahé und besonders Maike Ossenbrüggen. Sylter Persönlichkeiten, die sich verdient gemacht haben, die sich darum gekümmert haben, dass wichtige friesische Texte erhalten, transkribiert, gedruckt und zum Beispiel auch als Theaterstücke aufgeführt werden.

Maike selbst stellte jedoch während der fast dreißig Jahre ihrer unermüdlichen Lehrtätigkeit fest: „Unsere Sprache stirbt an der Höflichkeit.“ Unterhielt man sich bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts noch ganz selbstverständlich unter Nachbarn auf Sölring, sah man im Laufe der Zeit mit Rücksicht auf Menschen, die der Sprache nicht mächtig waren, davon ab und sprach auch mit den eigenen Kindern deutsch um des vermeintlichen Vorteils in der Schule willen.

Wie geht es weiter mit den Sölringkursen, mit der Förderung der friesischen Sprache?

Jede Sprache, auch das Sylter Friesisch, kann nur aufrechterhalten werden, wenn sie gelehrt wird. Doch das ist zunehmend schwierig, weil wir immer weniger Muttersprachler haben – unter anderem eine Auswirkung des demografischen Wandels. Viele der Älteren, die noch auf Sylt leben, sind entweder nicht mehr in Lage, Sölring zu unterrichten, oder sie trauen es sich nicht mehr zu. Deshalb will der Vorstand der Söl’ring Foriining eine Art Versuchsballon starten, in dem wir einen Sylter Tisch gründen, den „Söl’ring Staal“ – ein zwangsloses Zusammentreffen, möglichst einmal im Monat in verschiedenen Inselorten. Daraus können wir hoffentlich eine kleine Schar Muttersprachler gewinnen, die im Winter die fortgeschrittenen Schüler unterrichten. Dafür wollen wir auch andere Formen der Sprachkurse etablieren, und damit denjenigen Syltern, die noch Sölring sprechen, die Angst nehmen, wie Schulmeister agieren und Grammatik lehren zu müssen. Hintergrund ist auch, dass viele Muttersprachler ihre Sprache nicht schreiben können, denn Söl’ring ist eine gesprochene Sprache. Wir müssen Leute finden, die einfach bei uns sind, uns begleiten, unsere Texte hören, uns berichtigen. Sehr wichtig ist dabei die Sprachmelodie, die korrekte Aussprache. All das gehört zu der neuen Form des Unterrichts, die wir jetzt konzipiert haben.

Wird es weiterhin auch Sölringkurse für Anfänger geben?
Seit dem Tod von Maike Ossenbrüggen ist Birgit Hussel unser einziges Juwel in Sachen friesische Sprachkurse für Neueinsteiger – wir müssen und wir werden sie deshalb sozusagen auf Händen tragen. Wie bisher wird sie alle Anfänger betreuen, ihr neuer Kurs startet im Oktober dieses Jahres.
Ein wichtiges motivierendes Element des Sprachunterrichts sind Theaterstücke und Puppenspiele …
Sehr richtig – nach der erfreulich positiven Resonanz bei unserem Abschlussabend bin ich sogar zuversichtlich, dass wir endlich mal wieder ein größeres Theaterstück auf die Beine stellen können. Friesisches Theater hat beispielsweise durch Erich Johannsen ja eine lange Tradition auf Sylt. Und unseren Sprachschülern ermöglicht das Rollenlernen, sehr viele Vokabeln zu behalten, die man ebenso im täglichen Leben gebrauchen kann. Das ist eine schöne spielerische Form des Lernens.

Auch unsere Marionetten werden nicht in der Versenkung verschwinden. Die von Maike Ossenbrüggen, von „Gewandmeisterin“ Ina Kamp, Karin Petersen und vielen anderen äußerst liebevoll gefertigten Figuren wurden dem Heimatmuseum übergeben, werden vielleicht auch ausgestellt, stehen aber immer für Aufführungen zur Verfügung.

Gerade für Sölring-Anfänger ist das „Popenspöl“ sehr wichtig, denn damit gelingt es ihnen einfacher, die neu erlernte Sprache ohne Hemmungen auf einer Bühne zu präsentieren.
Welche Rolle spielt die Pflege von Sylter Brauchtum und Sprache für den Tourismus?
Ich weiß aus eigener Erfahrung in der Appartementvermietung, dass Gäste hochinteressiert sind am Authentischen auf Sylt: an den Museen, am Erhalt der einzigartigen Landschaft, an der Geschichte des Hindenburgdamms, aber auch an unserer Sprache. Viele Besucher wollen wissen, wollen hören, wie Sölring klingt und haben dann ganz viel Spaß daran. Es ist doch sehr spannend, dass eine Insel ihre eigene Sprache hat – das ist etwas Einzigartiges!
Wir müssen uns allerdings auch verjüngen, wir müssen Brauchtum und Sprache in die heutige Zeit transportieren, wir müssen die Spinnweben runterkriegen. Das ist wichtig für die Gäste, vor allem jedoch für unsere Jugend. Denn eine Sprache lebt nur, solange man sie spricht oder auch singt. Es gibt ja einen reichen Fundus friesischen Liedguts, der nur darauf wartet, dass zum Beispiel junge Musiker der Insel die Texte neu mit modernen Rhythmen interpretieren. Aber trotz aller touristischer Prominenz und Bedeutung bleibt Sylt natürlich eine friesische Insel. Deshalb freuen wir uns sehr, dass der Friesenkongress 2015 auf Sylt stattfindet – damit erfüllt sich auch ein sehnlicher Wunsch von Maike Ossenbrüggen, um von der Insel ein Zeichen für die Insel zu setzen.

Interview: Pierre Boom
 

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