Kommentar : Die neue Macht der Sylter Bürger

Die elektronischen Medien verstärken den Druck auf Kommunalpolitiker. Eine Chance für mehr Basisdemokratie, die man nicht verspielen sollte.

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01. März 2014, 06:00 Uhr

Ist es wirklich so, wie es Bürgermeisterin Petra Reiber beschreibt? Dass die politische Macht der Bürger zunimmt, weil die Kommunalpolitik angesichts einer wachsenden „Aufregungskultur“ schneller bereit ist, Entscheidungen zu revidieren? Es scheint fast so. Die Parkgebühren in Wenningstedt wurden nach massiver Kritik örtlicher Vermieter teilweise wieder einkassiert. Kampen verzichtete nach heftigen Protesten von Naturschützern und Bürgern auf seinen Strandkiosk. Und in Westerland brachte die öffentliche Ablehnung das bereits genehmigte Nobel-Bordell zu Fall. Letzteres allerdings nicht durch Beschluss der Politik, sondern weil der Betreiber klein beigab.

Richtig ist auch, dass die schnellen elektronischen Medien und ihre sozialen Netzwerke den Bürgerprotest massiv verstärken, weil hier jeder alles sofort mitbekommt und im Internet nichts vergessen wird. Da kann niemand mehr im stillen Kämmerlein „umgestimmt“ oder Kritiker mundtot gemacht werden. Die Möglichkeiten, sich öffentlich eine Meinung zu bilden nehmen ebenso zu, wie die, die eigene Meinung kund zu tun. Eine Macht, die immer mehr Menschen für sich entdecken.

Wie jede Macht, gilt es allerdings auch diese verantwortungsvoll einzusetzen. Und da hapert es bisweilen leider. Allzu oft verwechseln die Wut-Bürger im Netz Kritik mit Verleumdung, Argumente mit Unterstellungen und Fakten mit Halbwissen. Auch wenn in der Netzgemeinde niemand einen Eid wie die Kommunalpolitiker schwören muss, sollte man sich auch hier an demokratische Spielregeln halten, wenn man ernst genommen werden will. Manchmal würde es schon reichen, den eigenen Kommentar vor Drücken der Enter-Taste noch einmal selbst durchzulesen. Je mehr sich daran halten, desto größer die Chance, durch das wohl demokratischste aller Medien den Bürgerwillen zu stärken.

Aus Sylter Sicht beschränkt sich die neue Macht der Bürger bislang leider auf Themen, die von der Kommunalpolitik entschieden werden. Sobald höhere politische Mächte in Kiel oder Berlin am Hebel sitzen, verpufft bislang selbst hartnäckiger Protest scheinbar wirkungslos. Ob Geburtshilfe, Hörnum Odde oder die Spezies der Sylter an sich – Facebook-Gruppen und Online-Petitionen mobilisieren zwar viele Menschen, aber kaum einen der weit entfernten Entscheidungsträger. Aus deren Sicht ist Sylt wahrscheinlich einfach nur eine kleine Insel, auf der es von Wahl zu Wahl weniger Wählerstimmen zu holen gibt.

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