Die Nationalmannschaft von gestern

Kunstturnerinnen und ihr Trainer: Ulrike Weyh, Ute Arend, Gaby Fischer, Karin Jens, Gunda Behm, Horst Gohr, Marlies Lehmann und Beate Zander (von links) bei ihrem Besuch auf Sylt.
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Kunstturnerinnen und ihr Trainer: Ulrike Weyh, Ute Arend, Gaby Fischer, Karin Jens, Gunda Behm, Horst Gohr, Marlies Lehmann und Beate Zander (von links) bei ihrem Besuch auf Sylt.

Horst Gohr trainierte von 1970 bis 1973 die Damen-Nationalmannschaft im Kunstturnen / Mit seiner ersten Turngruppe kam es zum Wiedersehen auf Sylt

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05. Februar 2020, 17:22 Uhr

Sylt/Itzehoe | Am vergangenen Sonntag gab es ein lang ersehntes Wiedersehen auf der Insel: Der ehemalige Trainer der Nationalmannschaft im Kunstturnen Horst Gohr traf die Turnerinnen seiner ersten Trainingsgruppe wieder.

Horst Gohr strahlt, sobald er anfängt, über die eine Sache zu sprechen, die er so sehr liebt: Den Sport – genauer das Kunstturnen.

Die Karriere des ehemaligen Olympiatrainers startete in Itzehoe: Als Vereinstrainer arbeitete er 1964 bis 1970 dort mit einer Mädchen-Turngruppe. Eine Gruppe „absoluter Anfänger“ im Alter von sieben Jahren – ein ungewöhnliches Unterfangen zur damaligen Zeit. Doch die Itzehoerinnen hatten Freude an der Bewegung: Täglich musste Horst Gohr sich neue Übungen für den Folgetag überlegen, so schnell lernten die jungen Turnerinnen. Oft hätten die Mädchen schon eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn vor der Tür gestanden, „weil sie unbedingt in die Halle wollten.“

Getreu dem Motto des Vereins Gut-Heil Itzehoe „Breitenarbeit fördern, Leistung fordern“ steckte er die Ziele für seine Turnerinnen hoch: „Ich habe damals schon gesagt: Mein Ziel ist es, euch in die Nationalmannschaft zu bringen“, erinnert sich Horst Gohr. „Und es hat hingehauen.“

1970 zog es den heute 81-Jährigen nach Frankfurt am Main, um sein Diplom als Sportlehrer zu machen. Vier seiner Turnerinnen gingen mit ihm nach Hessen – sie schafften es damals in die Nationalmannschaft. Die Hälfte der National-Turnerriege wurde in diesen Jahren mit Marlies Lehmann, Gabi Fischer, Beate Zander und Ulrike Weyh vom Itzehoer Verein gestellt.

Damit stieg Gohr von 1970 bis 1973 zum Nationalmannschaftstrainer der Kunstturnerinnen auf. Eine der vier, Ulrike Weyh, nahm außerdem 1972 an den Olympischen Spielen in München teil: Ein besonderes Erlebnis für die damals 15-Jährige und ihren Trainer.

Gohr blieb in Hessen: Bis 2003 war er als Dozent am Institut für Sportwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig, wo er sowohl für die Ausbildung im Geräteturnen als auch für die Windsurf-Kurse verantwortlich war.

Die Liebe zum Wassersport entdeckte der Pensionär auf Sylt: Unter der Aufsicht der Sylter Surflegende Calle Schmidt lernte Gohr in Munkmarsch das Windsurfen.

Rückblickend betrachtet, so Gohr, hätte er manchmal vielleicht mehr Rücksicht nehmen müssen. Was seine Turnerinnen dazu sagen? „Horst, es war in Ordnung.“

In 45 Jahren war der Diplom-Sportlehrer einen Tag krank. Verletzungen gab es unter seiner Aufsicht nicht. Auch laut war es nie, wenn er seine Mädchen trainierte. Blicke reichten, damit die jungen Sportlerinnen wussten, ob sie eine Übung wiederholen mussten. Horst Gohr forderte – doch vor allem förderte er seine Turnerinnen.

1989 traf der Trainer seine erste Itzehoer Gruppe beim 100-jährigen Jubiläum des Vereins wieder. Seitdem treffen sie sich jährlich, die sieben Turnerinnen und der Mann, dessen Ziel es war, sie in die Nationalmannschaft zu bringen. Seit etwa fünf Jahren finden die Treffen auf der Insel statt, wo die Eheleute Horst und Helga Gohr die Wintermonate verbringen. „Es war so schön“, freut sich der 81-Jährige über das Wiedersehen mit seinen Turnerinnen am vergangenen Sonntag. Die sieben Frauen waren angereist, um bei kalten Platten in Erinnerungen zu schwelgen. „Zum Glück waren alle kerngesund, bestimmt dank des Trainings“, gibt der pensionierte Trainer lachend zu Bedenken. Auch beim anschließenden Strandspaziergang war die Stimmung ausgelassen. „Ständig hieß es nur ,Weißt du noch als...?‘“, erzählt Helga Gohr. Stundenlang blätterte die Gruppe durch alte Zeitungsausschnitte, „Die Nationalmannschaft von morgen“ hieß es damals – wie wahr.

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