Ostholstein : Die Müllfischer der Ostsee

Angelandeter Abfall aus 'Big Bags':   Fischer Gunnar Gerth-Hansen (links) und Nabu-Meeresschutzreferent Dr. Kim Cornelius Detloff, Nabu-Referent für Meeresschutz, präsentieren in Burgstaaken auf Fehmarn   unerwünschten Beifang aus der Ostsee.  Foto: Daniela Nyfeler
Angelandeter Abfall aus "Big Bags": Fischer Gunnar Gerth-Hansen (links) und Nabu-Meeresschutzreferent Dr. Kim Cornelius Detloff, Nabu-Referent für Meeresschutz, präsentieren in Burgstaaken auf Fehmarn unerwünschten Beifang aus der Ostsee. Foto: Daniela Nyfeler

Es ist ein bundesweit einmaliges Umweltprojekt: Fischer in Ostholstein helfen mit, die Meere zu säubern.

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07. Mai 2011, 10:00 Uhr

Fehmarn | Was Schleppnetzfischer außer Fisch sonst noch alles aus der Ostsee an Deck holen, kann Gunnar Gerth-Hansen grob so umschreiben: "Sie können sich einen ganzen Haushalt zusammenfischen." Mehr noch: "Da ist auch mal ein Kühlschrank oder gar ein Auto dabei", sagt der 47-jährige Fischer, der auf der Insel Fehmarn zu Hause ist. Das Problem: Bislang fragten sich er und seine Kollegen stets, wohin mit dem unerwünschten Beifang? "Manches wurde einfach wieder über Bord geworfen", weiß Lorenz Marckwardt (67), Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein. Oft aus Angst vor bürokratischem Aufwand oder weil der Müll nicht kostenfrei entsorgt werden konnte, so Marckwardt.
Damit ist es jetzt vorbei. Von nun an landen die Ostseefischer nicht nur Fisch, sondern auch Meeresmüll an. "Fishing for Litter", heißt ein Pilotprojekt, das der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zusammen mit regionalen Partnern am Donnerstag offiziell gestartet hat. "Litter" ist das englische Wort für Abfall. Mit mehr als 15 Booten helfen die Fischer im ostholsteinischen Heiligenhafen und auf der Insel Fehmarn nun mit, die Ostsee von Abfällen zu befreien. Dafür erhalten sie vom Nabu kostenlos "Big Bags". Der angelandete Meeresmüll wird in speziellen Containern in den Häfen gesammelt und dann über die Entsorgungsfirma des Zweckverbandes Ostholstein sowie das Unternehmen "Duales System Deutschland" (Der Grüne Punkt) entweder verwertet - oder vernichtet.
Geschätzte 20.000 Tonnen Müll landen jährlich in der Nordsee
"Das Projekt ist einzigartig in Deutschland und im Ostseeraum", sagt Nabu-Meeresschutzreferent Dr. Kim Cornelius Detloff (39). Jedoch nicht ohne Vorbild: Die Idee des "Fishing for Litter" ist bereits vor elf Jahren in den Niederlanden entstanden. Und seit 2003 engagieren sich europäische Kommunen und Fischer gegen die zunehmende Müllbelastung der Meere. Inzwischen beteiligen sich laut Nabu europaweit 350 Fischereifahrzeuge und 35 Häfen daran. Der Müll wird aus der Nordsee vor Schottland, England und den Niederlanden gefischt.
Geschätzte 20.000 Tonnen Müll landen jährlich in der Nordsee, berichtet Detloff. Um ebenso die Müllmengen, die die Ostsee jährlich belasten, abschätzen zu können - auch dafür soll das gestern auf Fehmarn vorgezeigte Projekt als Instrument dienen, so der Meeresschutz-Experte.
"Fishing for Litter" ist eingebunden in das Nabu-Großprojekt "Meere ohne Plastik". Aus gutem Grund: Jedes Plastikteil zersetzt sich zwar im Meer, überdauert jedoch 450 Jahre lang in immer kleineren Partikeln. Mit fatalen Folgen: Die Plastikteilchen werden oft von Fischen und Vögeln mit Nahrung verwechselt. Viele Tiere sterben daran. Auch aus einem anderen Grund macht Plastik im Magen eines Fisches den Fischern Sorge: "Am Ende gelangt es über die Fische wieder in unseren Körper", sagt Fischer Gerth-Hansen. Verschiedene Chemikalien, die sich aus dem Kunststoff lösen, stehen laut Detloff im Verdacht, Hormon- und Fortpflanzungsstörungen beim Menschen auszulösen. Gerth-Hansen: "So schlägt die Natur beim Verursacher zurück."
(blu, shz)

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