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Interview : „Die Leute schätzen die Realität mehr, als man glaubt“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Fotograf Thomas Henning hat ein etwas anderes Fotobuch über Sylt herausgebracht. Im Interview spricht er über Sylter Alltag und tote Hasen.

Sylt kann schön, idyllisch und mondän sein, aber auch windzerzaust, kahl und mitunter bizarr. Während die üblichen Inselbilder vor allem auf spektakuläre Naturinszenierungen mit dramatischen Licht- und Farbeffekten setzen, bleibt das Hinterland der Insel mit seinen Zweckbauten und seiner weniger malerischen Landschaft fast immer unterbelichtet.

In seinem Fotoband „Sylt“ nähert sich der Hamburger Fotograf Thomas Henning der Insel von der Rückseite und ergänzt so das touristisch geprägte Bild. Sein fotografischer Inseltrip beginnt bei Regen mit einem Blick durch die Windschutzscheibe, erkundet erst den kargen Norden, dann den dichter bevölkerten Westen, schließlich den stillen Osten und den ungezähmten Süden. Mit viel Humor und im ständigen Wechsel der fotografischen Register zeigt er Minigolfplätze und Verlegergräber, leere Strände und schroffes Kliff, Reetdachgemütlichkeit und Plattenbauästhetik.

Im Interview mit der Sylter Rundschau spricht Thomas Henning über die kitschigen Seiten von Sylt, tote Hasen und die Realität.

 

Herr Henning, in ihrem Fotoband zeigen Sie Sylt von einer Seite, die selten veröffentlicht wird – schon gar nicht in einem ganzen Fotoband. Die Zeitung Die Welt schreibt über ihr Buch sogar: „Sylt hat auch hässliche Seiten – zum Glück“. Wollen Sie Sylt von seiner hässlichen Seite zeigen?
Nein, ganz und gar nicht. Ich zeige einfach die ganz normalen Seiten der Insel. Eben das, was man sieht, wenn man die L24, die Route 66 der Insel, entlangfährt. Das ist der normale Alltag, der nicht hässlich ist, sondern einfach ist, wie er ist.

Wollen die Menschen denn diese Seiten von Sylt sehen?
Ich glaube, dass die Leute die Realität mehr schätzen, als man das im Allgemeinen annimmt. Ich war vor Jahren mal auf Mallorca. Dort bin ich auch durch die Gegend gefahren und habe Stadtränder fotografiert oder tote Hasen, die auf einem Feld lagen. Damals fragten mich die Leute, warum ich Motive fotografieren würde, die doch keiner sehen will. Das glaube ich aber nicht, und meine Erfahrung zeigt das ja auch: Die Leute haben Spaß an anderen Sichtweisen. Denn das ist eben die Realität. Und ich möchte mit meinen Bildern nicht nur einen Teil dieser Realität zeigen, sondern ich versuche immer, den Alltag, den die Leute oft gar nicht mehr wahrnehmen, weil er so alltäglich ist, festzuhalten.

Eines der Lieblingsbilder von Thomas Henning: Sonnenuntergangsstimmung auf Sylt.
Eines der Lieblingsbilder von Thomas Henning: Sonnenuntergangsstimmung auf Sylt.


Wer ist wohl ein typischer Käufer des Buches?
Das ist sehr schwer zu sagen. Ich glaube aber, dass es viele Leute gibt, die das Buch aus ihrem Sylt-Urlaub mit nach Hause nehmen, weil sie die Insel eben auch mit Minigolfplätzen und den vielen alltäglichen Szenen kennen.

Wie lange waren Sie auf der Insel, bis Sie alle Bilder im Kasten hatten?

Insgesamt hat das alles nicht mal einen Monat gedauert. In dieser Zeit habe ich allerdings auch fast ausschließlich fotografiert. Ich bin unheimlich viel zu Fuß über die Insel, aber auch 1500 Kilometer mit dem Auto gefahren. Denn wenn man nicht ununterbrochen unterwegs ist, dann findet man auch die Motive nicht.
„Ich zeige einfach die ganz normalen Seiten der Insel. Eben das, was man sieht, wenn man die L24 entlangfährt“, sagt Henning.
„Ich zeige einfach die ganz normalen Seiten der Insel. Eben das, was man sieht, wenn man die L24 entlangfährt“, sagt Henning.


Neben Motiven wie Häusern, leeren Minigolfplätzen und Wäsche im Wind zeigen sie aber auch mal das so oft abgelichtete „typische“ Sylt, wie einen Sonnenuntergang am Strand...
Ja, aber auch Sonnenuntergangsstimmungen am Strand sind jeden Tag anders und ich achte explizit darauf, dass meine Bilder nicht kitschig werden. Ich wollte für den Band eine gute Situation finden, die das Leben dort so zeigt, wie es wirklich ist.

Aber genau diese Situationen sind doch einfach manchmal kitschig, da kann man gar nichts gegen tun?
Ich habe vielleicht eine Distanz zu bestimmten Bildern. Zum Beispiel zu bestimmten Sonnenuntergängen – und deshalb fotografiere ich sie einfach nicht (lacht).
Fotograf Thomas Henning lebt im Hamburger Schanzenviertel und ist studierter Kommunikationsdesigner.
Fotograf Thomas Henning lebt im Hamburger Schanzenviertel und ist studierter Kommunikationsdesigner.

Welche besonderen Motive hat Sylt in Ihren Augen zu bieten?
Der Weg auf der L24 durch die Dünen hat schon etwas vom Wilden Westen. Mit gefällt es dort unheimlich gut, weil die Landschaft so ursprünglich ist. Ich verstehe auch die Leute, die das immer wieder sehen wollen.

Welche Fotos aus Ihrem Band gehören zu Ihren Lieblingsbildern?

Ich mag das Bild von der Bambus-Bar sehr gerne, weil ich auch die Location super finde. Aber auch die leere Lister Bank mit den Liebesschlössern im Hintergrund, auf der sich Pärchen fotografieren lassen können oder das Foto vom Strand, wo der Surfer ins Meer geht und sich die Sonne auf seinem Surfboard spiegelt.
9783885067863
 

Thomas Hennings Fotoband „Sylt“ ist im Buchhandel und im Internet erhältlich. ISBN: 978-3-88506-786-3, 128 Seiten, 19,90 Euro.

 

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erstellt am 29.Jun.2017 | 05:10 Uhr

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