Kolumne Standgut : Die Kunst, Meerjungfrauen unschädlich zu machen

Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner.
Rundschau-Redakteurin Friederike Reußner.

In der Kolumne "Strandgut" setzt sich unsere Autorin mit Flossen-Traumata und anderen Märchen auseinander.

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30. Mai 2015, 05:41 Uhr

Meerjungfrauen sind für mich ein eher tragisch besetztes Thema: Während andere kleine Mädchen meiner Generation fröhlich Disneys Trickfilm Arielle nachspielten, las man mir das Märchen der kleinen Seejungfrau von Hans Christian Andersen vor. Da geht es deutlich düsterer zu als bei Arielle. Nix mit Prinz, nix mit Happy End: Die unglückliche kleine Seejungfrau muss am Ende sterben und zu Schaum auf dem Meer werden. Wer als Sechsjährige solchen Horror verdauen musste, den macht der Anblick von Fischschwänzen auch ein Vierteljahrhundert später fertig. Kleine und große Mädchen, die ohne dieses Sterbe-Schaum-Trauma aufgewachsen sind, können dagegen heutzutage ihren Meerjungfrauen-Traum ganz plastisch ausleben: Beim sogenannten Mermaiding, einem Trendsport, der es nun auch bis nach Sylt geschafft hat, zerren sie sich eine Silikonflosse über die Beine und planschen damit durch das örtliche Hallenbad (siehe Seite 11).

Warum das kleine Mädchen großartig finden, leuchtet mir ein. Was auch einige erwachsene Frauen dazu bewegt, unterleibsfrei mit einer Gummiflosse wackeln zu wollen – das hat sich mir bisher noch nicht erschlossen. Aber jedem das seine. Und irgendwie erinnert die versammelte Flossen-Meute auch an eine fröhliche Motto-Party. So eine kollektive Flucht aus der Realität findet ja auf Sylt auch sonst gelegentlich statt: Beim Beach-Clean-Up sind wir die Insel der Naturfreunde, Pfingsten die der Partymäuse. Und dieses Wochenende werden wir zu harten Motorrad-Mackern und -Bräuten, die PS und ordentlich Lärm lieben. Meerjungfrauen wirken da doch im Vergleich recht harmlos. Und sie haben einen Vorteil: Sie lassen sich extrem einfach außer Gefecht setzen, wenn sie zu nervig werden.

Mann kann ihnen einfach den Stöpsel ziehen. Dann sitzen sie auf dem Trockenen, können sich nicht mehr bewegen und sind somit unschädlich gemacht.Und das ist doch der perfekte Märchen-Traum: Wenn sich aus dem Ruder gelaufenes Partyvolk oder der Harley-Fahrer, der mit seinem Gefährt seit Tagen mit laufendem Motor vor unserer Redaktion rumlungert, genauso leicht stoppen ließe. Zu Schaum auf dem Meer, um das noch mal aufzugreifen, müssen sie ja nicht gleich werden.

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