Corona auf Sylt : Die Insel vor dem Besucheransturm

„So leer“ hat unser Autor die Insel noch nie gesehen.
„So leer“ hat unser Autor die Insel noch nie gesehen.

Unser Autor kennt Sylt seit 50 Jahren und freut sich über Freunde auf der Insel, die ihn auch in diesen Corona-Zeiten sehen wollen.

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19. Mai 2020, 17:27 Uhr

Hörnum | Der letzte Tag der Abriegelung der Insel. Der Autozug ist unglaublich leer. Sonntagmorgen kurz nach acht Uhr. Ankunft in Westerland. Was für surreale Szenen. So (leer) habe ich Sylt noch nie gesehen. Und ich kenne die Insel seit fünf Jahrzehnten. Auf der Fahrt nach Hörnum kommt mir kaum ein Auto entgegen. Gespenstisch. Gigantisch. Ich weiß gar nicht welche Worte passen.

Ich habe lange gezögert zu kommen. Ich hätte als Journalist schon Ende März anreisen dürfen oder im April. Ich habe kurz darüber nachgedacht – und den Gedanken dann schnell wieder verworfen. Die Abriegelung wird schon in Ordnung sein, dachte ich mir. Und war doch betrübt. Ich wollte die Insel aber unbedingt einmal im Shutdown erleben. Also die Anreise am Tag bevor die Massen wieder kommen dürfen.

Ich habe ein paar gute Freunde auf Sylt, mit manchen bin ich Anfang der 1970er-Jahre in Hörnum zur Schule gegangen. Wie werden sie mich diesmal empfangen? Wäre es ihnen lieber, ich bliebe vorerst weg? Das waren bange Fragen in meinem Kopf. Aber meine Kumpels und Bekannten sind cool. Sie freue sich auf ein Treffen, hat eine einstige Mitschülerin mir geschrieben. „Wir sind da und für Treffen zu begeistern“, sagt mein Sportsfreund Mario. Und Ingo Dehn, einst Mitschüler und heute Kommunalpolitiker im Inselsüden, sagt mit Blick auf einen Schnack: „Werden wir sicher hinbekommen, mit Abstand.“ Alex, der über den Winter unser Haus im Strandweg in Hörnum im Blick hat, will mich gleich treffen, auf ein Bier oder auf zwei.

Was für ein Privileg! Dass ich einst in Hörnum zur Schule gehen durfte. Dass wir immer noch unser Haus haben. Dass ich als Zweitwohnungsbesitzer vor allen anderen nach Sylt kommen darf. Dass ich tolle Freunde auf der Insel habe.

Gleich nach der Ankunft in Hörnum am Sonntagmorgen schnüre ich die Joggingschuhe und renne los: um die Odde und nach Hörnum-Nord, dann zurück und einmal mitten durch den Ort. Am Oststrand bei der Surfschule versichert mir ein Surflehrer, den ich ein bisschen kenne, dass ein Kanu für mich bereit liege. Vielen Dank.

Und der freundliche Verkäufer beim Fisch Matthiesen strahlt über das ganze Gesicht, als ich das leere Geschäft betrete. „Wie geht’s?“, fragt er und erkundigte sich nach meiner Bekannten, mit der ich diesen Januar mehrmals im Fischrestaurant war. Sein Kollege erzählt, dass es nun wirklich Zeit werde, dass die Touristen wieder kommen dürfen. Die Geschäftsleute auf Sylt könnten die Inselschließung nicht mehr lange durchhalten, sagt er.

Ingo Dehn, der gleich neben dem Fischgeschäft, den Supermarkt betreibt, sagt: „Sylt lebt vom Tourismus. Das merkte man in den letzen Wochen mehr denn je. Nun muss es gelingen, das Zusammenspiel von Gesundheitsschutz und Tourismuswirtschaft zu schaffen. Hierzu braucht es den Willen und die Disziplin aller.“ Er sei optimistisch, dass Sylt das gelingt.

Wie werden wohl die nächsten Tage werden? Wenn die Insel sich wieder füllt. Am Montagvormittag ist Hörnum noch leer. Während des Strandlaufes treffe ich niemanden. Im Radio heißt es aber, dass die Staus in Richtung Autozug lang seien, Wartezeit: mindestens zwei Stunden. Ich kann die Bedenken einiger Sylter nachvollziehen.

Aber welche Alternativen gibt es? Die Insel abriegeln, bis ein Corona-Impfstoff entwickelt ist? Keine gute Idee, würden Ingo Dehn und seine Kollegen sagen. Gäste und Einheimische müssen sich wohl arrangieren. Alle müssen sich einstellen auf die neuen Regeln. Auf Sylt heißt das auch: nicht meckern, wenn die Restaurants ausgebucht sind, wenn die Warteschlangen womöglich länger sind als im Hochsommer, wenn die Geschäfte nur mit Einlassbeschränkungen öffnen können.

Kommt nicht alle zum Hauptstrand in Westerland oder Wenningstedt. Verteilt Euch, Sylt ist groß genug. Und bitte bleibt gelassen. Freut Euch, dass Ihr wieder auf die Insel kommen dürft, dass die Touristen wieder da sind. Gebt in den Gaststätten vielleicht ein bisschen mehr Trinkgeld. Lächelt. Grüßt Euch.

Und kommt mal Mitte November oder Ende Januar nach Sylt – dann spürt man wahre Inselgeborgenheit. Sylt ist dann fast so leer und magisch wie während der Corona-Tage mit Inselsperrung, die nun (hoffentlich für immer) vorbei sind.

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