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Neue Hoffnung für Sylter Archiv : Die Gemeinde Sylt will dafür sorgen, dass das Inselarchiv bald wieder öffnet

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Das Sylter Archiv ist seit mehreren Monaten geschlossen. Der Bürgermeister will jetzt eine zusätzliche Fachkraft suchen.

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2016 | 04:53 Uhr

„Leitung des Sylter Archivs, Frau Andrea Jahn“ – so steht es auf der Homepage der Gemeinde Sylt. Formal ist das zwar korrekt, die Realität sieht allerdings anders aus. Seit Frühsommer 2016 ist die Dokumentensammlung im Obergeschoss der Alten Post gegenüber vom Rathaus geschlossen, weil die Archivarin krank ist (wir berichteten). Die Stelle muss die Gemeinde weiter für Jahn frei halten. Trotzdem wird jetzt eine weitere neue Fachkraft gesucht, damit die Türen des Stadt- und Inselarchivs bald wieder öffnen können.


„Die Verwaltung wird nun vorschlagen, eine auf zwei Jahre befristete weitere Archivarstelle einzurichten und auszuschreiben“, sagt Bürgermeister Nikolas Häckel. Solange die Planstelle durch Frau Jahn besetzt ist, könne kein permanenter Nachfolger für einen längeren Zeitraum gesucht werden. „Die Einstellung einer kurzfristigen Krankheitsvertretung sei in diesem Fachbereich aufgrund der Fachlichkeit und Komplexität nicht möglich – vor allem, wenn eine Krankschreibung nur über kurze Zeiträume erfolgt“, erläutert Häckel.

Doppelten Lohn muss die Gemeinde, die für die Einrichtung zuständig ist, nicht zahlen, wenn eine zweite Person eingestellt wird: Nach sechs Wochen Krankheit übernimmt die Krankenkasse für weitere 78 Wochen das Krankengeld, sofern die Betroffene bei einer Kasse versichert ist.

Sowohl Sylter als auch Menschen vom Festland, die im Archiv wissenschaftlich arbeiten wollen, spüren die Auswirkungen der geschlossenen Türen. Einige Anfragen könne die Verwaltung beantworten, „archivarische Fachfragen bleiben derzeit leider unbeantwortet“, sagt Häckel. Das sei „sehr schade und bedauerlich“, aber „gerade von Fachkräften sind wir hier auf der Insel sehr abhängig“.

Dass das Archiv als Einrichtung fehlt, spürt auch Frank Deppe: „In den vergangenen Monaten haben bei mir mehrmals Sylter ihren Unmut bekundet, weil sie Informationen benötigten und nicht das Archiv aufsuchen konnten“, sagt der Sylter Autor und Journalist, der das Archiv regelmäßig zu Recherchen für Zeitungsberichte und Buchprojekte nutzt. Zum Teil hätten er oder Silke von Bremen [Heimatforscherin und Autorin auf Sylt, Anm. d. Red.] den Betreffenden weiterhelfen können.

„Aber das kann natürlich den Archivbesuch nicht ersetzen.“ Die Sammlung sei ein reicher Schatz der Vergangenheit, den es zu bewahren gilt – und nicht nur zu verwalten, sondern möglichst vielen Menschen zu öffnen. Er ist optimistisch, dass bald eine Lösung gefunden wird und das Archiv im kommenden Jahr seinen 70. Geburtstag feiern kann, sagt Deppe. „Eine dauerhafte Schließung des Archivs wäre fatal.“

Mehrfach hatten Gemeindevertreter in der Vergangenheit darauf gedrängt, dass die Verwaltung eine konkrete Lösung findet und das Archiv wieder öffnet, bisher leider ohne Erfolg. Anfragen der Sylter beim Landesarchiv in Schleswig sowie beim Kreisarchiv in Husum nach personeller Hilfe waren bisher erfolglos. „Das ist nicht ganz einfach, heute jemanden zu finden“, sagt Bettina Dioum, Archivarin mit Schwerpunkt Nordfriesland am Landesarchiv.

Wie in vielen anderen Branchen gäbe es auch unter den Archivaren einen Fachkräftemangel. An den Archivschulen in Marburg und der Fachhochschule Potsdam würden heute nicht mehr so viele Anwärter ausgebildet. Auf den Homepages der Ausbildungsstätten gäbe es zahlreiche Stellenausschreibungen.

Bestimmte fachliche Qualitäten sind wichtig, um die Lücke im Sylter Archiv sinnvoll schließen zu können. „Es muss auf jeden Fall jemand sein, der die Gotische Kurrentschrift – den Vorgänger der Sütterlinschrift – lesen kann“, sagt der Leiter des Archivs der Ferring-Stiftung auf Föhr, Reinhard Jannen. Der 61-Jährige kennt sich aus, wenn es um die Strukturierung von Nachlässen, alten Akten und Fotos geht.

 Als er vor rund 20 Jahren die Leitung des Archivs auf der Nachbarinsel übernahm, eignete sich der Sprachwissenschaftler die Richtlinien des Archivwesens größtenteils selbst an. „Ohne ein konsequentes System läuft hier nichts“, sagt er. In speziellen Kursen sowie durch Erfahrung lernte er, wie die Materialien methodisch korrekt nach Zeitraum und Thema sortiert, sowie mit Schlagwort und Signaturen versehen eingeordnet werden.

Entscheidend sei, dass von Beginn an nach den gängigen Regeln gearbeitet werde. Auch charakterlich sieht Jannen Voraussetzungen, die ein Mensch erfüllen sollte, um den Beruf ausüben zu können: „Man muss Lust haben, Sachen zu ordnen, sonst bekommt man keinen Überblick über die Aktenbestände“, sagt der Archivar von Föhr.

Bevor die Archivaren-Stelle öffentlich ausgeschrieben werden kann, müssen zunächst Beschlüsse in den Sylter Gremien gefasst werden. Erst wenn das geschehen ist, soll auch bekannt gegeben werden, welche Anforderungen die Gemeinde an die neue Arbeitskraft stellt.

Andrea Jahn leitet das Sylter Archiv seit 2011. Viele Jahre war die Berlinerin zuvor verantwortlich für den Bestand im Stadtmuseum in Berlin-Mitte. Über Hintergründe zu Art und Schwere ihrer Krankheit schweigen die Beteiligten.

Die Möglichkeit, dass das Archiv gar nicht mehr öffnet und seine Pforten vollends dicht machen muss, schließt der Bürgermeister der Gemeinde Sylt derweil aus. Wie lange es dauert, bis auf der Internetseite des Archivs ein neuer Name auftaucht, kann derzeit niemand mit Gewissheit sagen.


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