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Sylter Familie : Die Gastronomen-Dynastie Meyerhoff

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Vom Herrenlokal bis zum „Blanken Hans“: An der Familiengeschichte der Meyerhoffs lässt sich auch eine Geschichte Westerlands erzählen

shz.de von
erstellt am 25.Dez.2013 | 08:00 Uhr

Wenn Walter Meyerhoff zu erzählen beginnt, dann möchte man ausrufen: Was waren das doch für Zeiten hier in Westerland! Welch interessante Gästeschar tummelte sich hier, welche beruflichen Karrieren begannen hier! Sylter Geschichten aus längst vergangenen Tagen werden da am Kamin im Meyerhoffschen Wohnzimmer lebendig, denn Walter weiß anschaulich und engagiert zu erzählen. Staunen und Schmunzeln wechseln sich ab, wenn er mit Worten ein Bild zeichnet aus Westerlands einst illustrer Gastronomenwelt. An der seine Meyerhoff-Sippe über Jahrzehnte und bis in die Gegenwart hinein Anteil hat. Bei unserer Zeitreise soll sich das Augenmerk zunächst auf die gastronomischen Anfänge der Familie auf Sylt richten, um sodann mit den Aktivitäten Walter Meyerhoffs zu enden.

Zu Kaisers Zeiten (1905) kam der 1885 im ostfriesischen Leer geborene Gerhard Meyerhoff auf die nordfriesische Insel. Er verdingte sich als Hausdiener im damaligen Westerländer Hotel „Seeburg“ (Friedrichstraße/Ecke Andreas-Dirks-Straße), das er jedoch bald seinem vor der Pleite stehenden Chef abkaufte. Das Hotel galt damals als „eine der besten Adressen“ auf Sylt. Hier spielte die Kapelle Barnabas von Gezy zum Tanz auf, während sich Marlene Dietrich, Hans Albers oder Max Schmeling an der Bar tummelten.

Im väterlichen Hotel arbeiteten Gerhards zwei Söhne, Hermann und Gert, als Oberkellner tatkräftig mit. Schon bald lernte Hermann die aus dem bayerischen Füssen stammende, in der legendären „Baumannshöhle“ als Serviererin tätige Kunigunde Socher kennen und lieben. Die junge Frau, von allen liebevoll nur Gundel genannt, gebar ihrem Hermann drei Kinder: Elfi, mit dem Dachdeckermeister Kurt Hirschberger verheiratet und Generationen von Sylter Schülern als Sportlehrerin vertraut; Wolfgang, der vielen als „Wacky“ bekannte, betrieb in Wenningstedt eine beliebte Pension; schließlich Walter, den es in die Gastronomie zog.

Als die Ehe mit Hermann in die Brüche ging, war Gundel ganz auf sich alleine gestellt. Aber sie entwickelte ungeheure Energien. In Eigenregie betrieb sie in der Bötticherstraße 3 eine Bar, die sie im wahrsten Sinne des Wortes „mit ihrer Hände Arbeit“ zu einem attraktiven Lokal umkrempelte. „Das war für unsere Mutter eine schwere und harte Arbeit,“ weiß Sohn Walter zu erzählen. „Per Hand vertiefte sie das Fundament und unterkellerte den Bau.“ So entstand eine verwinkelte Bar mit vielen Nebenräumen, von den Nachbarn spöttisch „Silberkeller“ getauft.

In den Jahren 1956 bis 1960 betrieb Gundel das Lokal nur in der Sommersaison: Sie spielte Klavier und sang populäre Schlager dazu. So zauberte sie die Atmosphäre eines Künstlerlokals herbei, in das sich rasch eine ganz besondere Klientel einfand: Eines Abends tanzten zwei Kellner miteinander – und da erst gingen der Wirtin die Augen auf. Gundel betrieb ein Herrenlokal! Empörung machte sich breit, gar von Schließung war die Rede. Aber prominente Gäste wie der Berliner Modeschöpfer Heinz Oestergaard, die Diseuse Ada Hecht oder die Filmlegende Gustav Gründgens redeten auf Gundi beruhigend ein und spendierten eine neue Eingangstür, die mit einem Guckloch und einer Klingel versehen wurde. Betätigte man sie, leuchtete im Lokal ein rotes Licht auf, der eine Gesichtskontrolle folgte, die über den Einlaß entschied. Der Laden brummte. An guten Abenden, so schmunzelt Walter versonnen, „verkaufte meine Mutter mehr Flaschen Sekt und Champagner als Bier.“

Als die Mutter erkrankte, übernahm ihr Sohn Walter 1961 das Lokal, taufte es zum Tanzlokal „Why not“ um – und bewies fortan seine äußerst geschickte Gastronomen-Hand. Wagemutig und ideenreich gestaltete er für die Sylter Jugend und alle Junggebliebenen ein Musik- und Tanzlokal, das sich „zum beliebtesten Jugendlokal auf Sylt“ mauserte.

Ausgestattet mit einer monumentalen Musikbox (für die damalige Zeit auf Sylt geradezu revolutionär) konnte dort jeder Gast für wenige Groschen seine Lieblingsmusik wählen, bei der „vor allem Twist und Rock'n Roll angesagt waren,“ wie sich Walter Meyerhoff erinnert. Nach kurzer Überlegung dann: „Des öfteren tauchte Peter Kraus als Gast auf. Gunter Sachs kam ebenfalls mehrmals mit seiner ganzen Clique, immer von tollen Frauen umschwärmt. Er besuchte auch deshalb gerne unser Lokal, weil er mich als Torwarttrainer anlässlich eines Fußball-Prominentenspiels engagiert und ein wenig besser kennen gelernt hatte.“

1975 gab es einen gravierenden Einschnitt: Walter und seine Ehefrau Inge übernahmen in der Strandstraße das legendäre Bier- und Speiselokal „Zum Blanken Hans“. Fast zwanzig lange und arbeitsreiche Jahre betrieben beide dieses bei ihren Gästen überaus beliebte Lokal, in dem man bis nachts um drei Uhr noch warme Speisen angeboten bekam. Welch ein Service für den einen oder anderen Nachtschwärmer! Vor allem aber für Sylter und Sylt-Besucher, die mit einem der letzten Züge die Insel erreichten und immer wussten, wo sie noch ihren Hunger stillen konnten.

Eine große Zahl von Stammgästen hielt über Jahre dem Lokal die Treue. Zu ihnen gehörten neben der Schauspielerin Eva-Maria Bauer, die des öfteren die Bar übernahm, auch Schlagerstar Heintje. Er gab bei seinen Sylt-Auftritten immer mehrere Lieder im „Blanken Hans“ für eine Gulaschsuppe zum Besten. Nicht zu vergessen: Roberto Blanco, der sogar einmal für zwei Stunden die Küche übernahm - zur vollen Zufriedenheit der Inhaber. Beinahe schon zum Inventar gehörend: Detmar Hauke, leitend im Funkhaus Kiel tätig und allseits beliebter, gerne gesehener Moderator des Schleswig-Holstein-Magazins. Er scharte oft eine große Schar von Fernseh- und Rundfunkleuten um sich. Aber auch viele Sylter Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gastronomie sah man in seiner Gegenwart.

Als der „Blanke Hans“ seine Türen für immer schloss, fand eine gastronomische Ära auf Sylt ihr Ende. Auch mancher Taxifahrer auf Sylt mag das bedauert haben, wurde er doch hin und wieder zu den unmöglichsten Tageszeiten wegen einer ganz speziellen Tour in die Strandstraße gebeten: Kiki, der Hund der Meyerhoffs (eine Promenadenmischung, wie man sie selten findet), litt das Alleinsein zu Hause nicht. Er war gewitzt genug, sich alleine die Tür zu öffnen, um sich dann von Alt-Westerland, vorbei am belebten Bahnhofsviertel, auf den Weg in die Westerländer Innenstadt zu machen. Gezielt steuerte er das vertraute Lokal an. Ob die ersehnten Begrüßung dann immer zu seiner Freude ausfiel, bleibt dahin gestellt. Eines aber war gewiss: Die prompte Heimfahrt Kikis per Taxi in den häuslichen Korb...


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