Interview mit Sabine Meyer : Die First Lady der Klarinette besucht Keitum

Sabine Meyer.
Sabine Meyer.

Im Interview spricht Sabine Meyer über Uraufführungen, unsingbare Mozart-Arien und den Reiz des gemeinsamen Spielens mit der Familie .

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25. Juli 2015, 05:15 Uhr

Der Kaffeetisch ist gedeckt, kleine süße Teilchen verführen zum Zugreifen, im Glas dampft frisch aufgebrühter grüner Tee – „den bringen mir immer meine chinesischen und japanischen Studenten mit“, erzählt Sabine Meyer, die mit ihrem Trio di Clarone am 5. August in Keitum gastiert. Zum Interview mit der First Lady der Klarinette gesellt sich noch Reiner Wehle hinzu, der mit seiner Frau nicht nur das Instrument teilt und gemeinsam mit ihrem Bruder das Trio di Clarone bildet und ihr Bläserensemble aufgebaut hat, sondern wie auch sie als Professor an der Lübecker Musikhochschule unterrichtet.


Sie standen mit mehr als 40 Uraufführungen auf der Bühne. Wie viele sind denn davon in Ihr Repertoire eingegangen?
Meyer: Natürlich versuche ich diese Werke öfter zu spielen und auch bei den Veranstaltern anzubringen, aber die wollen dann eben doch immer wieder die Konzerte von Mozart und Weber, vielleicht auch einmal von Nielsen oder Copland haben. Es ist einfach schwer, in Luzern oder Frankfurt zu sagen: Ich möchte gerne Hosokawa spielen – da kann ich mich noch so sehr bemühen, es wird nicht klappen.
Wehle: Bei ihrem Bläserensemble ist das hingegen kein Problem…
Meyer: …das war ja auch im Grunde unsere Idee, dass wir dort immer ein modernes Stück ins Abendprogramm einbetten – und da wird das Publikum dann hinterher immer mit einem Mozart oder Beethoven getröstet.
Wehle: Von den gut 40 Uraufführungen sind in etwa zehn ins Repertoire eingegangen – und die Werke von Denissow, Hosokawa und Castiglioni für das Bläserensemble sind auch in renommierten Verlagen verlegt und werden von anderen Musikern gespielt.

Eine Quote, die bedeutet, dass Sie drei von vier Stücken gerade mal für ein oder zwei Aufführungen erarbeitet haben – aber das scheint Sie nicht davon abzuhalten, sich immer wieder neuen zeitgenössischen Werken zu widmen?
Meyer: Nein. Für das diesjährige Lucerne Festival etwa hat Márton Illés ein Werk für mich geschrieben: Dafür hatte er mich letztes Jahr besucht, um sich sämtliche Griffe zeigen zu lassen und die Möglichkeiten der Klarinette wirklich vollständig ausschöpfen zu können und zu erfahren, was auf dem Instrument möglich ist und was nicht.


Ist das denn wirklich notwendig für eine Komposition?
Meyer: Man merkt als Instrumentalist einfach, wie ein Komponist mit der Klarinette umgeht und welche Vorstellungen er hat. Oder ob es ein wirklich Klarinettenkonzert ist: Bei manchem neuen Werk habe ich gedacht, das könnte genauso gut für Flöte geschrieben sein oder für Fagott – das hatte nichts mit meinem Instrument zu tun.


Dann also doch wieder lieber Mozart – aber mögen Sie dieses Konzert nach vier Jahrzehnten wirklich noch spielen?
Meyer (lacht): Ich finde nicht, dass es leichter wird, denn je öfter man die Werke spielt, desto höher werden auch die Ansprüche. Am Mozartkonzert kann man immer arbeiten, zumal das ja gerade auf der Bassettklarinette noch wieder ein ganz anderes Thema ist: Das bleibt einfach immer aufregend und spannend.


Nun sind Sie ja nicht nur als Solistin zu erleben, sondern haben stets auch das Spiel im Bläserensemble, im Trio di Clarone oder anderen Formationen gepflegt. Worin liegt für Sie der Reiz der Kammermusik gegenüber dem Solistentum?
Meyer: Es ist doch toll, mit meinem Bruder und meinem Mann zu spielen wie jetzt auf dieser Tour – das ist doch etwas ganz anderes, als wenn ich allein ein Solokonzert spielen muss. Und mit solch phantastischen Musikern wie etwa Gidon Kremer ist einfach jeder Abend ein Abenteuer, musikalisch wie auch von der Spannung durch diese unglaubliche Persönlichkeit.

In die Rubrik spannende Abenteuer fällt zweifellos auch ihr jüngstes Album mit Konzertarien Mozarts. Lässt sich auf der Klarinette so schön singen wie mit der menschlichen Stimme?
Meyer: Ich hoffe nicht, dass Sie die Sängerin vermissen. Ich glaube schon, dass die Möglichkeiten des Instruments der Stimme sehr nahe kommen, weil die Klarinette einfach auch in der Höhe sehr weich sein kann und die Tiefe mühelos anspricht – anders als etwa auf der Oboe ist es schon ein sehr großes Spektrum, das uns dies Instrument bietet.
Wehle: Natürlich kannst du das monieren – andererseits erreichst du mit der menschlichen Stimme auch manches nicht, das sich mit dem Instrument realisieren lässt.
Wehle: Diese Arien sind teilweise fast unsingbar und werden heute kaum noch aufgeführt, weil man sich im Prinzip damit nur blamieren kann – wer die singen will, muss schon sehr gute Nerven haben.


Was ja aber zweifellos auch für die Klarinette gilt, oder?
Wehle: Teilweise liegen sie auf der Klarinette besser als für die Stimme. Natürlich eignen sich viele auch nicht, doch haben wir die ausgewählt, die schon fast instrumental gedacht sind – wirklich großartige Musik und wahnsinnig schade, dass die so selten aufgeführt wird.

Keitum, 5. August, St. Severin, 20.15 Uhr, Karten (18-40 Euro): 04651/9980



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