zur Navigation springen
Sylter Rundschau

24. November 2017 | 03:16 Uhr

Die Bruchstellen des Lebens

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

„Mr. Lee“, das neue Album von Reinhard Mey sucht die Balance zwischen Unbeschwertheit und Trauer/ Booklet mit Syltbildern

Wer von Westerland mit dem Bus in Richtung List fährt und an der Haltestelle „Wenningstedt Mitte“ aussteigt, findet sich zwischen Fisch-, Blumen- und Bäckerladen wieder. Im Booklet der neuen CD von Reinhard Mey kann man ein Foto des Musikers sehen, wie er an dieser Haltestelle steht. Ein Lied mit gleichnamigem Titel „spielt“ in jenem Bäckerladen, nur hat es nichts mit „Vor-dem-Sylter-Bäckerladen-Schlange –stehen“ zu tun, sondern handelt vom Warten auf die Versöhnung mit der Partnerin. Er war mal wieder „gut im Dummheiten sagen gewesen“, sie „nicht schlecht im Türen schlagen“. So sitzt er nun im Bäcker-Café dieses freundlichen kleinen Ortes an der See und überlegt, wann und wie er die „1000 Schritte“ bis zu ihr und seiner Entschuldigung auf sich nimmt.

„Zähl’ nicht Deine Missgeschicke, zähl’ , womit dich das Leben segnet“, denn wer weiß schon, ob es noch „so viele Sommer“ geben mag. Letzteres fragt sich der Sänger im ersten Lied seines neuen Albums. Die eine Zeile bleibt als eine tiefgehende Botschaft im Gedächtnis: „Die Liebe überstrahlt alles im Leben (...) Die einzige Zuflucht liegt doch darin, einander Trost und Wärme zu geben.“

Ein leichtfüßigeres Lied handelt von der zugelaufenen Familienkatze, zunächst nur von den Kindern geliebt. Später, als sie ihre Ausflüge ausdehnt, wird sie schwer vermisst: „Lucky Laschinsky“ kommt zur Freude aller zurück. Die Vielschichtigkeit menschlichen Fühlens und Handelns kann Mey aus wacher Beobachtungsperspektive ans Licht bringen.

Ob ihm da der Sylter Wahlspruch, einstmals auch Titel einer CD von ihm, innere Richtschnur ist? „Rüm Hart, klaar Kiming“ (Weites Herz, klarer Horizont), der Freiheitsspruch seiner Insel schwingt in den Liedern und Bildern von Mr. Lee mit. Kurze Texte , die er, wie er erzählt, manchmal auf Servietten in Restaurants oder ins Smartphone beim Joggen mit Blick aufs Meer festgehalten hat, werden später ins „Ganze“ gegossen. In Meys Texten bekommen die unbeschwerten Zeiten ebenso wie das Lebensschwere ihren Platz.

Im Mai 2014 starb Reinhard Meys jüngerer Sohn, die Generationenreihenfolge wurde nicht eingehalten und „Trost und Wärme“ sind nötig, um weiter zu gehen. Wenn wir jemanden sehr vermissen, verbinden wir uns so stark mit ihm, dass er uns im Traum erscheint. Dieser Gedanke kommt, wenn man durch das sehr beachtenswerte Booklet blättert. So sieht man den jungen Mann mit dem roten Schal, von dem auf einer früheren CD die Rede war: damals, als sich der Sänger dem bunten Leben seines Sohnes Max in Liedertexten näherte, als er ihn nach Asien ziehen ließ und damals schon loslassen üben musste. Man schaut im Booklet auf eine schwarzweiße Skizze mit Szenen aus Kambodscha und entdeckt „Mr.Lee“.

Es ist das zentrale Lied, anders als alle anderen Lieder, die in der vermeintlichen Realität des Liedermachers verortet sind beziehungsweise sein könnten. In einer Traumszene versetzt es zurück in eine Zeit, als das Kind – so fern es auch reiste und weit weg zu sein schien – noch nicht hergegeben werden musste.

Mr. Lee, von der Schwester gezeichnet, vom Vater geträumt, ist der verlorene Sohn, der nicht zurückkehrt und dennoch von der Familie gefeiert wird („So lange schon“) . „Du sprichst aus jedem Satz“, „du lebst in unseren vier Wänden, an jedem Tisch, den wir decken, hast du deinen Platz, geborgen und in unserer Mitte...“ . Jahrzehnte zuvor wird dieses Kind getröstet – wohl auch am Sylter Strand, „wenn’s Wackersteine regnet“ statt Rosen. Ein Kind, das sich gefährdend durchs Leben läuft.

Das Album „Mr. Lee“ dreht sich in verschiedenen Liedern oft um das Thema Trost, das Abschiednehmen vom geliebten Sohn, das Abschiednehmen, das nur mit Liebe und Herzenswärme gelingen kann. „Es wird Zeit, ohne Angst zu leben“, so singt Mey ein Lied seines Sängerfreundes Klaus Hoffmann, im Booklet illustriert mit einem Foto Meys am Braderuper Ententeich, ein verwunschenes Ruheplätzchen zwischen Sylter Kornfeldern, ein Einkehrort unter freiem Himmel.

Im Jahr 2017 wird Reinhard Mey, allein mit seiner Gitarre auf der Bühne, seine Zuhörer in seine Mitte nehmen. Vielleicht wird seine Tochter Victoria zeitweise mit auf der Bühne stehen, die mit dem englischen Wiegenlied aus dem 17.Jahrhundert und Backing vocals auf der CD vertreten ist. Der Sänger wird mit seinen Liedern den Blick auf den weiten, klaren Horizont öffnen. Aber auch der Sehnsuchtsblick auf die Berliner Heimat fehlt nicht. Ein wunderbares Lied über eine von Bruchstellen gezeichnete Stadt. Letztlich aber sind Reinhard Meys Lieder der Blick auf eine innere Welt. Dazu dient auch ein unscheinbar daherkommendes Gedicht seiner Frau Hella in der Mitte des Booklets mit „H.M.“ unterzeichnet. Sie beschreibt in nur vier Zeilen die Wetterfronten des Lebens, die der Liedermacher Mey gern in seinem stillen (Sylter) Kämmerlein in Liedtexte verwandelt: lesenswert! Nicht immer nur guter Mensch, guter Junge, Vater, Eltern zu sein und die Bruchstellen zu würdigen, um später im Lebenslauf die Wandlung hin zu einem versöhnten Leben zuzulassen, das ist die Botschaft von „Mr.Lee“.  

www.reinhard-mey.de

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen