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Adventskalender : „Die Bibel ist ein Buch der Poesie“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Hinter unserem letzten Türchen des diesjährigen Adventskalenders spricht Pastor Ingo Pohl über das Buch der Bücher.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2016 | 05:12 Uhr

Für unseren Adventskalender öffnen wir gemeinsam mit unserem goldenen Hirschen für Sie die Türen von Insulanern und schauen auf Nachttische und in Bücherschränke: Bis Weihnachten stellen wir jeden Tag ein Lieblingsbuch eines Menschen dieser Insel und seine Geschichte dazu vor. Heute mit Ingo Pohl, 2. Pastor an St. Severin.

„Natürlich hatte ich ein bisschen Sorge, mit meinem Buch ein Klischee zu bedienen. Aber der Gerechtigkeit folgend muss ich einfach das Buch vorstellen, das mit weit über 140 Tausend verkauften Exemplaren die Bestsellerliste in diesem Jahr angeführt hat. Es ist die Neuübersetzung der Lutherbibel. Die erste Übersetzung war schon nach 14 Tagen vergriffen, mittlerweile in der zweiten Auflage erschienen.

Die Bibel ist für mich als Pastor natürlich erstmal ein Arbeitsmaterial. Aber zum zweiten, ist es ein Buch, das mir immer viel geholfen hat:

Die Welt, die mich umgibt, die schweigt. Der Baum schweigt, der Kosmos schweigt und der Nebel schweigt. Die Sprache der Bibel übersetzt dieses Schweigen, sie bringt mich in Kontakt mit der Welt.

Die Bibel ist ein Zeitdokument, entstanden 700 v. Chr. bis 120 n. Chr. im Mittleren Orient, wo die Menschen am Lagerfeuer saßen und sich Geschichten aus 1001 Nacht erzählten.

Und die Bibel ist in sich ein Buch der Poesie. Sie verarbeitet Traumbilder – um schließlich bei meinen eigenen Traumbildern anzudocken. Die Bibel will kein Geschichtsbuch sein und sie will auch kein Moral-Lexikon sein. Wer die Bibel so fundamentalistisch liest und versteht, der tut ihr unrecht. Paulus hat einmal gesagt: ‚Der Geist macht lebendig, der Buchstabe tötet.‘ Man kann die Bibel nicht nach Buchstaben lesen, man muss versuchen, ihre Traumbilder zu entziffern.

Man sagt, die Bibel sei das Buch der Bücher – nicht nur, weil es ein wichtiges Buch ist, sondern auch, weil es über 50 kleine Bücher enthält. Es gibt darin natürlich sehr viele Episoden, die mir persönlich wichtig sind. Eine Geschichte verdeutlicht vielleicht ein bisschen, was ich mit den Bildern meine: Jeder kennt die Geschichte von dem Sturm auf dem See Genezareth und Jesus, der übers Wasser läuft. Wenn ich den Anspruch habe, die Bibel wie die Zeitung zu lesen, kommt jedes fünfjährige Kind auf den Gedanken, dass das Quatsch ist. Niemand kann übers Wasser laufen. Wenn ich aber verstehe, dass der See, genau wie das Meer oder der Fluss, ein archetypisches Bild für das Leben ist, dann bekommt diese Geschichte seinen Sinn.

Seit Menschengedenken ist Wasser ein Bild für das Leben. Oft genug steht einem das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals. Oder wir haben Angst, unterzugehen. Dann möchten viele gerne in dem Boot ihrer Lebensgewohnheiten sitzen bleiben. Bloß nichts wagen – noch nicht einmal die Nase über den Bootsrand recken, weil man ja dabei nass werden könnte.

Jetzt sagt die heilige Schrift, jetzt sagt dieser auf Sandalen durch Israel laufende Jesus: ‚Nein! Es ist genau die falsche Art und Weise mit dieser Lebensangst umzugehen. Du musst das Boot verlassen. Du musst den Aufbruch wagen und wenn du daran glaubst, dass du diesen Aufbruch wagen kannst, dann schaffst du es. Dann kannst du nicht untergehen. Dann werden dich die Wellen des Lebens tragen und dann kannst auch du übers Wasser gehen.‘ Und diese tollen – ja fast schon therapeutichen Wahrheiten – kommen aus der Bibel.“


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