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Flüchtlinge auf Sylt : Die Angst vor den neuen Nachbarn

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Bei einer Anliegerversammlung beantwortete Bürgermeister Nikolas Häckel Fragen von Anwohnern, die Flüchtlinge als neue Nachbarn haben oder noch bekommen werden.

Werden neben mir bald mehrere Flüchtlinge in einer kleinen Wohnung hausen? Wie überwinde ich Sprachbarrieren? Muss ich Angst um mein Kind haben, wenn neben mir lauter ausländische Männer wohnen? Diesen und weiteren Fragen stellte sich am Freitag Bürgermeister Nikolas Häckel (parteilos) in einer Anliegerversammlung in Westerland, zu der die Gemeinde ins Forum des Westerländer Schulzentrums eingeladen hatte. Mehr als 40 Anwohner folgten dem Aufruf, um ihre Fragen zur Flüchtlingsunterbringung in einigen Gebäuden des Kommunalen Liegenschafts-Managements (KLM) auf der Insel zu stellen.

 


„Wie kann ich mich noch heimisch fühlen“

 

„Sylt muss pro Jahr rund 400 Flüchtlinge aufnehmen - derzeit leben 162 auf der Insel“, sagte Nicolas Häckel zu Beginn der Veranstaltung. Unterstützt wurde der Bürgermeister von KLM-Leiter Marcus Kopplin, Ordnungsamtsleiterin Gabriele Gotthardt sowie Flüchtlings-Koordinatorin Tina Haltermann. Demnächst müsse die Insel bis zu 40 Neuankömmlinge pro Woche aufnehmen, fasste Häckel die aktuelle Situation zusammen – bis Jahresende würden rund 200 Personen auf Sylt erwartet. „Es stellt sich aber nicht die Frage ob, sondern nur wie wir diese Menschen aufnehmen.“

Und bezüglich dieses „wie“ sind einige der Menschen, die in den Wohnblocks leben, in denen diese Woche auch Schutzsuchende aus anderen Ländern untergebracht werden, besorgt. „Ich weiß einfach nicht, ob ich mich noch heimisch fühlen kann, wenn bald diese neuen Menschen neben mir wohnen“, beschreibt Elke Hansen ihre Sorgen. Viele Jahre habe sie in dem Haus gelebt, jetzt ist sie angesichts der neuen Situation verunsichert.

„Wir begleiten die Neuankömmlinge und kennen diese, bevor sie in die Wohnungen ziehen“, betonte Häckel. „Die Insel ist super gut aufgestellt. Sie können sich darauf verlassen, dass wir uns kümmern“, fügte Gabriele Gotthardt hinzu. Die Dame schien beruhigt: „Der Abend hinterlässt ein gutes Gefühl bei mir: Es muss schwer sein für die Menschen, wir sollten uns um sie bemühen“, so die Seniorin. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass nicht die Sylter „mit den Neuen klarkommen müssen“, sondern andersherum.

Auch die Sorge, dass die Abfalltonnen überquellen, da die neuen Nachbarn keine Ahnung von der deutschen Mülltrennung hätten, konnte entkräftet werden. Jeder Flüchtling werde vorab in seiner Muttersprache über die Regeln und Gebräuche auf der Insel informiert, sagte Haltermann. Sollte es dennoch Schwierigkeiten geben, könnten sich die Sylter jederzeit an sie wenden.

 


„Die Flüchtlinge haben keine Putzfrauen“


 

Insgesamt war die Stimmung während der Veranstaltung angespannt bis aggressiv, die Verunsicherung der Menschen in der Flüchtlingsfrage scheint groß. „Wir können nur agieren, wenn sie uns mitteilen, was sie plagt“, betonte Kopplin.

Sichtlich überrascht und später beruhigt war eine Frau, als sie darüber aufgeklärt wurde, dass die Flüchtlinge ihre Zimmer selbst putzen müssen und dies keinesfalls von Reinigungspersonal übernommen wird.

Auch die Befürchtung, dass durch die zeitlich begrenzte Flüchtlingsunterbringung in den KLM-Häusern den Syltern Wohnraum weggenommen wird, konnte den Anwohnern genommen werden. „Es ist beschlossen worden, dass für die Unterbringung von Asylsuchenden und Flüchtlingen kein gemeindlicher Wohnraum genutzt werden darf“, sagte Häckel. Die Wohnungen seien zum Abriss vorgesehen, würden daher nicht dem allgemeinen Wohnungsmarkt entzogen. KLM-Leiter Marcus Kopplin ergänzt: „Wir haben ganz bewusst darauf geachtet, dass wir trotz der Flüchtlinge den Wohnungsbau weiterführen.“

Er werde alles dafür tun, damit die Menschen sich heimisch fühlen, sagte Häckel. „Unser Ziel ist es, den Menschen eine Chance zu geben sich wohlzufühlen, dafür brauchen diese aber Ihre Hilfe“, so der Bürgermeister an die Anwohner gewandt. In einem halben Jahr wolle er die Anwohner zu einem neuen Gespräch einladen.

So richtig zufrieden schienen jedoch nicht alle Besucher nach dem Treffen: „Ich gehe mit dem gleichen Gefühl, mit dem ich auch gekommen bin“, sagte ein junger Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er sei sich aber auch nicht sicher, ob Aufklärung bei diesem Thema überhaupt möglich sei. Er war einer der wenigen, die sich nach der Gesprächsrunde öffentlich äußern wollte.

Das Schlusswort der Veranstaltung übernahm zunächst nicht der Bürgermeister, sondern eine Zuhörerin, die bis dahin eher ruhig geblieben war: Es bringe nichts, den Flüchtlingen mit Vorurteilen zu begegnen und sie schon vorab zu kriminalisieren – das müsse man auf sich zukommen lassen“, sagte sie an ihre Nachbarn gewandt. Ganz ohne Pathos in der Stimme forderte sie die Sylter dazu auf, mehr Nächstenliebe zu zeigen.

 


Sylterin fordert ihre Nachbarn zu Nächstenliebe auf


 

Im September hatten alle Fraktionen der Gemeindevertretung beschlossen, dass die Gemeinde Sylt über das Kommunale Liegenschafts-Management (KLM) 31 Wohnungen, die eigentlich für den Abriss vorgesehen waren, wieder so weit herrichtet, dass dort die Flüchtlinge eine menschenwürdige Bleibe finden. Bis Ende des Jahres sollen – laut KLM – alle diese Wohnungen in Westerland bezugsfertig sein. Ein Großteil der Unterkünfte - darunter sechs Einzimmer-, fünf Zweizimmer- und 20 Dreizimmer-Wohnungen – liegen in der Wohnsiedlung Süd , weitere im Westhedig. Wie viele Flüchtlinge dort einziehen können, ließe sich jedoch nur schwer voraussagen, teilten sowohl Kopplin als auch die Verwaltung der Gemeinde mit.

Tina Haltermann, Flüchtlingskorrdinatorin der Gemeinde sylt: 04651 851540, oder tina.haltermann@gemeinde-sylt.de

 

 

 

 

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erstellt am 22.Nov.2015 | 17:30 Uhr

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