Die Angst, vergessen zu werden

Rund 35 Millionen Menschen sind weltweit an Demenz erkrankt und brauchen spezielle Pflege.
1 von 2
Rund 35 Millionen Menschen sind weltweit an Demenz erkrankt und brauchen spezielle Pflege.

Wenn die Angehörigen auf dem Festland leben und das demente Familienmitglied auf Sylt, bedeutet das viel Arbeit

Avatar_shz von
21. Mai 2019, 12:59 Uhr

In einer alternden Gesellschaft rückt das Thema Demenz immer mehr in den Vordergrund. In unserer neuen Serie zeigen wir, was ein Leben mit Demenz auf Sylt bedeutet. Heute aus Sicht der Angehörigen:

Demenz bedeutet, wenn man es aus dem Lateinischen übersetzt, „Weg vom Geist“ – diese Erfahrung muss auch Frau Dambrowsky, die ihren Vornamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, beinahe täglich machen. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie in der Nähe von Hamburg. Ihre Schwiegermutter lebt auf Sylt – mit der Diagnose Demenz. „Manchmal erschrecke ich mich: Ich kenne Mutti ja noch von früher als agile, toughe Frau – und das wird mittlerweile immer weniger“, erzählt Frau Dambrowsky. Die Wesensveränderung der Schwiegermutter macht ihr zu schaffen: „Man kennt den Menschen nicht mehr“, sagt sie.


Die Kommunikation nimmt ab

Normale Gespräche seien kaum mehr möglich. Ihre Schwiegermutter gehe zwar auf Fragen ein, von ihr selbst komme aber nichts mehr.

Gemerkt, dass etwas nicht stimmt, habe das Ehepaar an den typischen Anzeichen – alltägliches wurde zur Herausforderung. „Ständig vergaß sie zu duschen oder die Zähne zu putzen“, erinnert sich die Schwiegertochter. „Natürlich konnte man sie schlecht darauf hinweisen, denn sie selbst dachte ja, dass sie geduscht habe“, erklärt sie.

Alle vier bis fünf Wochen kommen beide oder einer der Ehepartner auf die Insel, um nach „Mutti“ zu gucken. Die ältere Dame lebt noch in ihren eigenen vier Wänden. Dann gibt es jeden Tag etwas zu tun; oftmals sind es „Kleinigkeiten“, wie Frau Dambrowsky sagt – Abwasch, Wäsche, Bett beziehen. Ihre Schwiegermutter könne all diese Dinge noch – vergisst nur sie zu tun oder den Sinn dahinter. „Wenn ich sie frage, ob sie abtrocknen möchte, dann tut sie das immer sehr gerne – nur von alleine kommt sie einfach nicht darauf“, erklärt sie.

Das Ehepaar hatte Glück im Unglück, mit der Pensionierung der beiden kam auch die Diagnose von „Mutti“. „Würden wir noch arbeiten, hätten wir sie nicht hier zuhause lassen können“, erzählt die Schwiegertochter. Es ist ihr Wunsch und der ihres Mannes, „Mutti“ in ihrer gewohnten Umgebung zu lassen, in ihrem Zuhause.

Wenn ihr Mann doch einmal das von seiner Mutter gefürchtete Pflegeheim anspricht, dann so Frau Dambrowsky, reagiere die sonst so liebe und friedliche Schwiegermutter verzweifelt und ungehalten. „Dann bringe ich mich um“, sage sie dann stets. „Das ist für mich und besonders für meinen Mann natürlich hart. Gerade als Sohn kann man sowas schwer ertragen“, sagt Frau Dambrowsky.


Auch die Angehörigen benötigen Hilfe

Um so glücklicher ist das Paar über die Angebote und Pflegedienstleistungen auf der Insel. Täglich kommt der Pflegedienst zum Sockenanziehen und Verabreichen der Medikamente. „Es ist toll organisiert mit den Johannitern, der Tagespflege und Tante Frieda“, freut sich Frau Dambrowsky . Und dennoch – die Frage, wie lange „Mutti“ noch allein bleiben kann, stellt sich das Ehepaar nahezu täglich.

„Es ist manchmal schwierig geduldig zu sein“, erklärt Frau Dambrowsky. Gerade am Anfang, sei es ihr schwer gefallen zu verstehen,dass ihre Schwiegermutter nichts für ihre zunehmende Vergesslichkeit kann. „Mein Mann hatte große Probleme sich damit auseinander zu setzten, was da gerade mit seiner Mutter passiert“, erzählt sie. Besonders mit den pflegerischen Tätigkeiten tue er sich schwer – das sei ihr Gebiet. Im Grunde sei es ein Vollzeitjob; ihr Mann kümmere sich um den Papierkram, sie um das Persönliche. Doch es lohnt sich für jeden Tag, den „Mutti“ zuhause bleiben kann. „Wir wünschen ihr, dass sie einfach irgendwann einschläft und nicht ihr zuhause verlassen muss.“ Bis zu dieser Erkenntnis war es ein schwerer Prozess. In manchen Momenten sei ihre Schwiegermutter ganz klar. Doch so schnell wie diese Momente kommen, gehen sie auch wieder und zurück sei die Frau die friedlich stundenlang aus dem Fenster schaut, gefangen in ihrer eigenen Welt.


Die Emotionen verschwinden zuletzt

Frau Dambrowsky versucht sich auf die positiven Dinge zu konzentrieren. „Sie erkennt uns noch“, sagt sie dann über ihre Schwiegermutter. „Das ist die größte Angst: Dass sie uns irgendwann nicht mehr erkennt.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen