Kongress auf Sylt : „Desinteresse ist der Feind der Sprache“

Traditionsreich: 1844 trafen sich die Nordfriesen zu einem Volksfest in Bredstedt
1 von 2
Traditionsreich: 1844 trafen sich die Nordfriesen zu einem Volksfest in Bredstedt

Am Wochenende tagt nach 36 Jahren der Interfriesische Kongress erstmals wieder auf Sylt. Rund 100 Teilnehmer werden erwartet.

Julia Lund von
04. Juni 2015, 05:24 Uhr

Am kommenden Wochenende wird auf Sylt viel Friesisch gesprochen. Jedenfalls unter den Teilnehmern des Interfriesischen Kongresses, der vom 4. bis zum 7. Juni nach 36 Jahren wieder auf der Insel tagt. Alle drei Jahre veranstaltet der Interfriesische Rat in einem der drei Frieslande (West-, Ost- und Nordfriesland) die Veranstaltung, an der alle interessierten Friesen eingeladen sind, teilzunehmen. Zuletzt war im Jahr 2012 Harlingen in den Niederlanden der Austragungsort.

Dass die Veranstaltung in diesem Jahr auf Sylt stattfindet, freut Maren Jessen besonders. „Ich erhoffe mir natürlich, dass so ein Kongress auch unter den Syltern, die sich bisher nicht so viel mit Sprache und Brauchtum beschäftigt haben, Interesse weckt“, so die Zweite Stellvertretende Vorsitzende der Söl’ring Foriining. „Denn der größte Feind des Friesischen ist das Desinteresse der Bevölkerung. Es wäre einfach sehr schön, wenn sich durch so eine Veranstaltung mehr Menschen für die Sprache interessieren und sich mit ihr auseinandersetzen würden.“

Der erste und zugleich letzte Interfriesische Kongress auf Sylt fand im Jahr 1979 statt. „Damals war das ein wirklich spektakuläres Ereignis“, erzählt Maren Jessen. „600 Menschen, davon 300 Besucher, und 300 Trachten kamen zusammen und haben unter anderem auch über das Thema Bebauung auf der Insel gesprochen.“ Als Resultat auf die Veranstaltung wurde ein Jahr später die Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland gegründet, die sich noch heute für den Denkmalschutz auf der Insel einsetzt.

Von dem diesjährigen Kongress verspricht sich Jessen hauptsächlich Aufmerksamkeit. „Dass diesmal als Resultat ein Meilenstein wie 1980 die Gründung der IG Baupflege passieren wird, davon ist eher nicht auszugehen“, so Jessen. „Aber ein gesteigertes Interesse am Friesischen wäre schon ein schönes Ergebnis.“

Die etwa 100 Teilnehmer der Veranstaltung, die zum Teil in der Volkshochschule Klappholttal und auch privat untergebracht werden, erwartet ein straffes dreitägiges Programm und interessante Workshops. Die „Konferenzsprache“ unter den Teilnehmern ist Friesisch, obwohl „es das eine Friesisch gar nicht gibt“, sagt Maren Jessen. Alleine in Nordfriesland gibt es neun unterschiedliche Dialekte, die untereinander teilweise kaum verständlich sind, hinzu kommen das West- und das Ostfriesische. „Mit manchen versteht man sich natürlich besser als mit anderen“, erklärt das Vorstandsmitglied der Söl’ring Foriining. „Sylter können sich zum Beispiel am Besten mit Amrumern und Helgoländern unterhalten. Im Interfriesischen Rat wird trotzdem grundsätzlich Friesisch gesprochen – natürlich jeder in seiner Mundart. Dennoch schaffen wir es immer, uns zu verstehen.“ Im Kongress selbst wird allerdings auf Hochdeutsch ausgewichen, falls es zu kompliziert werden sollte.

Offizieller Beginn des Kongresses ist am morgigen Freitag um 14 Uhr im Rathaus Westerland mit einer Mitgliederversammlung, anschließenden Reden von Bürgermeister Nikolas Häckel und Bürgervorsteher Peter Schnittgard sowie einer Festrede von Landtagspräsident Klaus Schlie. Die Workshops, die am Sonnabend ab 9 Uhr in der Volkshochschule Klappholttal stattfinden, haben unterschiedliche Themenschwerpunkte wie unter anderem Kindergarten, Ideenwerkstatt, Theater und Puppentheater sowie Trachten. Zum Abschluss gibt es einen Gottesdienst in der Keitumer Kirche St. Severin – genauso wie zum Abschluss des Kongresses 1979. Wer sich auf der Insel noch spontan entschließt, an dem Kongress teilzunehmen, ist laut Maren Jessen herzlich eingeladen.

Alles Wissenserte über Friesland

Der Interfriesische Rat, der in seiner Flagge (Bild oben) die Farben der drei Frieslanden vereint, ist die gemeinsame Organisation der drei friesischen Volksgruppen. Er vertritt die gesamtfriesischen Interessen nach außen. „Der größte Erfolg des Rates der letzten Jahre war der Eintrag des Biikebrennens in das nationale Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe der Unesco“, erklärt Historiker Hartmut Schiller. „Das war ein gigantischer Erfolg und eine  hohe Auszeichnung für die Insel, weil es sich dabei ganz klar um einen typischen Sylter Brauch handelt“, so der  Leiter der Akademie am Meer im Klappholttal.

Die  Mitglieder des Interfriesischen Rates sind die Mitglieder der jeweiligen Friesenräte der Sektionen „West“, „Ost“ und „Nord“. Das Gebiet der Friesen erstreckt sich  von der südlichen Nordsee zwischen dem Ijsselmeer bis hoch zur  deutsch-dänischen Grenze. Im Westen liegt das westerlauwers`sche Friesland, das häufig ungenau als Westfriesland bezeichnet wird. Es umfasst im wesentlichen die niederländische Provinz Fryslân mit den vorgelagerten Inseln. Das östliche Friesland liegt innerhalb  Niedersachsens und  zieht sich von der niederländischen Grenze bis jenseits der Wesermündung. Es umfasst auch die Ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog. Nordfriesland liegt an der Westküste Schleswigs  mit seinen vorgelagerten Inseln und Halligen inklusive der Insel Helgoland.

Die drei friesischen Sprachen  sind durch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt.

Quelle: Interfriesischer Rat

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen