Holocaust-Gedenken : „Des Menschen Tage sind wie Gras“

Die Mitglieder des Chors an St. Severin und des Deutsch-Russischen Chors beim Konzert in der Marktkirche Hannover
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Die Mitglieder des Chors an St. Severin und des Deutsch-Russischen Chors beim Konzert in der Marktkirche Hannover

Beim Gedenkkonzert für die Opfer des Nationalsozialismus trat der Chor an St. Severin in der Marktkirche Hannover auf / Eine Reportage von Maren Diedrichsen

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31. Januar 2018, 04:54 Uhr

Weil St. Severin von Grund auf saniert wird, ist auch für unseren Chor diesen Winter alles anders. Statt das Weihnachtsoratorium aufzuführen und dann bis Februar in die Chorpause zu gehen, proben wir intensiv den ganzen Januar.

Schon seit Monaten bereiten wir uns auf eine ganz besondere Aufführung vor: Andor Izsák hat uns eingeladen, das Konzert anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus in der Marktkirche Hannover am 27. Januar 2018 mitzugestalten. Es ist der Tag, an dem sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 73. Mal jährt.

Andor Izsák hat sein Leben der jüdischen Musik verschrieben. Der gebürtige Ungar lehrt, forscht, komponiert und bringt die Musik der Synagogen in aller Welt zur Aufführung. Dafür wurde er mit Titeln und Auszeichnungen überhäuft. Izsák ist für uns kein Unbekannter. Unser Kantor Alexander Ivanov und er sind seit langer Zeit freundschaftlich miteinander verbunden. Bereits vor Jahren haben wir unter Izsáks Leitung ein Konzert mit liturgischen Psalmen von Louis Lewandowski (1821-1894) in St. Severin gegeben.

Lewandowski prägte wie kein anderer Chorleiter und Komponist im 19. Jahrhundert die Musik in den Synagogen Deutschlands. Seine vertonten Psalmen gehören zum festen Repertoire unseres Chors. Eine Herausforderung sind jedoch zwei neue Stücke von Lewandowski mit hebräischem Text. Eins davon: der Psalm „Enosch“, zu Deutsch „Des Menschen Tage sind wie Gras“. „Andor arbeitet normalerweise mit Chören, die aus lauter ausgebildeten Opernsängern bestehen“, weist Alexander Ivanov uns auf eine weitere Herausforderung hin. „Diesen Klang hat er im Ohr, wenn Ihr vor ihm steht.“

Wettmachen könnten wir das nur, wenn wir unseren Blick von den Noten lösen und uns darauf einlassen würden, von Izsák geführt die Musik zu gestalten. „Bedenkt bitte auch, dass das romantische Musik ist, keine Barockmusik“, fordert Alexander Ivanov uns immer wieder auf, Emotionen einzubringen.

Sonnabend, 27. Januar, 11 Uhr, Villa Seligmann

In der Eingangstür steht ein freundlicher, älterer Herr, der jeden Chorsänger mit Handschlag zur ersten Probe begrüßt. Es ist der Hausherr Andor Izsák persönlich. Auch die Mitglieder des Deutsch-Russischen Chors sind pünktlich eingetroffen. Wir betreten die Villa, die einst von Siegmund Seligmann, der die Firma Continental zu Weltgeltung führte, im Jahr 1905 mit enormen finanziellen Mitteln erbaut wurde und die Izsák zu einem idealen Ort der Dokumentation, Erforschung und Vermittlung jüdischer Musik gemacht hat.

Die Probe beginnt. Andor Izsák fordert uns auf, „Enosch“ in dramatischem c-Moll mit viel Gewicht zu singen: „Denkt daran, Ihr singt das als Erinnerung an sechs Millionen ermordete Juden.“ An anderer Stelle macht Izsák uns darauf aufmerksam, dass zur Dramaturgie der Lewandowski-Psalmen unbedingt der feste Glaube gehöre: „Ihr dürft ‚Ewiger‘ nicht einfach singen, das muss wie ein Gebet klingen“. Andor Izsák ist am Ende zuversichtlich, dass wir das gemeinsam schaffen. Wir sind das auch – und sehr beeindruckt von seiner Persönlichkeit.

Nun führt uns Andor Izsák durch die Villa. Im Großen Saal bleiben wir vor einem besonderen Instrument stehen. Izsák streicht behutsam über die Tasten, während er zu erzählen beginnt: „Von allen Orgeln der deutschen Synagogen wurde nur diese Einzige nicht zerstört. Sie stammt aus einer Berliner Synagoge, war zum Tode verurteilt und hat doch die Shoa überlebt. Das fand ich unglaublich.“

Izsák will uns noch eine andere von ihm gesicherte Kostbarkeit zeigen. In seinem Büro hängt ein Bildnis von Siegmund Seligmann, porträtiert von keinem Geringeren als Max Liebermann. „Ich wusste aus der Literatur, dass Liebermann das Porträt 1910 in der Villa angefertigt hatte“, berichtet Izsák, „es galt aber als verschollen.“ Da habe er sich auf die Suche gemacht: „Ich fand es aufgerollt in einem Keller des Landesmuseums Niedersachsen.“ Doch bevor das Bild restauriert werden konnte, musste Izsák den Eigentümer ausfindig machen. Den, es war der Urenkel von Siegmund Seligmann, spürte er in Mexiko auf. Bei einer Flasche teuersten Cognacs wurden sich die beiden einig: Das Porträt wurde restauriert und hängt nun, gut gesichert, als Dauerleihgabe in der Villa Seligmann. „Das ist mein größter Schatz“, lächelt Andor Izsák.

16 Uhr, Marktkirche

Wir betreten die riesige Backsteinkirche und nehmen Aufstellung zur nächsten Probe. Schon nach ein paar Takten ist klar: Die Akustik ist fantastisch. Es scheint mühelos, den Raum zum Klingen zu bringen. Das macht es leichter, das Spiel mit wechselnden Tempi und Lautstärken mit Andor Izsák aufzunehmen.

18 Uhr, Marktkirche

Die Kirche ist voll besetzt, als das Konzert beginnt. Andor Izsáks dunkle Augen funkeln uns unternehmungslustig an und fordern erneut, uns voll auf ihn einzulassen. Die Sopranistin Elena Polasuhina aus Hamburg und „unser“ Countertenor Dmitry Egorov glänzen in ihren Solopartien. Dazwischen mahnende Worte der Redner, sich Menschenverachtung und Rassismus in den Weg zu stellen. Am Ende langer, dankbarer Applaus.

21.30 Uhr, Villa Seligmann

Der Empfang nach dem Konzert für Mitwirkende und geladene Gäste neigt sich dem Ende zu. Andor Izsák setzt sich an den Flügel im Großen Saal und beginnt, Opernmelodien zu spielen. Unter den Gästen ist tatsächlich ein Opernsänger, der nun eine Arie nach der anderen schmettert und alle in seinen Bann zieht. Aber der Höhepunkt kommt erst noch: Alexander Ivanov setzt sich an die Orgel, die den Holocaust überstand, und beginnt zu spielen. Er begleitet Dmitry Egorov, der die wunderschöne Händel-Arie „Ombra mai fu“ anstimmt. Der Opernsänger raunt anerkennend: „Ein Ausnahmetalent!“

Ein unvergesslicher, Gänsehaut erzeugender Moment, der uns ergreift. Andor Izsák spricht nun aus, was auch alle Anwesenden intensiv empfinden: „Das ist doch etwas ganz Besonderes, wenn an diesem 27. Januar die einzige Synagogen-Orgel, die es noch gibt, so schön erklingt.“

Unsere Autorin Maren Diedrichsen singt Sopran im Chor an St. Severin
 

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