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Öffentliche Telefone auf Sylt : Der vergessene Charme der Telefonzelle

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Auf Sylt finden sich nur noch 20 öffentliche Telefone: Wir erinnern an die Zeit, als die Telefonzelle lebensnotwendig war.

shz.de von
erstellt am 07.Mär.2016 | 05:51 Uhr

Beim Gedanken an eine Telefonzelle, ob in Postgelb, Telekom-Grau-Magenta oder Britisch-Rot, werden bei vielen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach: Die Tür ließ sich manchmal nur schwer öffnen, im Telefonbuch fehlte immer die Seite, die man gerade brauchte, der Geruch war oft unangenehm aber auch irgendwie vertraut, im Sommer war es fürchterlich heiß und ein wenig ekelte man sich vor der Sprechmuschel, in die schon so viele vor einem hineingesprochen haben. Trotzdem verbrachten viele Generationen Sylter und Sylt-Urlauber - vor der Zeit von Smartphone und Handy - etliche Stunden in insularen Telefonzellen und schickte ein Lebenszeichen an die Eltern Zuhause oder meldete sich beim Urlaubsflirt, der wieder heim in die Großstadt musste. Und nicht selten rief man sich nach einem feuchtfröhlichen Abend von der letzten Mark ein freies Taxi.


„Bitte hinten anstellen“


Diese Zeiten sind schon einige Jahre vorbei und Telefonzellen verschwinden immer mehr aus Blickfeld und Bewusstsein der Bevölkerung. Oder wissen Sie, wo das nächste Telefonhäuschen steht? Bundesweit sind nach Angaben der Telekom noch etwa 30  000 öffentliche Telefone in Betrieb, auf Sylt sind es lediglich 20, Tendenz fallend. „Als ich anfing, bei der Telekom zu arbeiten, hatten wir auf der Insel etwa 240“ erzählt Michael Buhmann, Telekomtechniker auf Sylt. Er erinnert sich noch gut an die Jahre, in denen die insularen Telefonzellen für viele Sylter und Gäste „lebensnotwendig“ waren - so wie für viele heute die Handys. „Auf Sylt hatten wir an vielen Apparaten sehr lange Schlangen“, weiß Buhmann, „der Satz, den man dort am meisten hörte, war eindeutig: ‚Stellen Sie sich bitte hinten an‘“.

Viele Jahre war eines der am meisten genutztes Telefonhäuschen nach Buhmanns Angaben an der Autoverladung. Aber nicht nur für Telefonate: „Besonders dort wurde die Telefonzelle gerne als Toilette genutzt, weil die Leute wohl zu faul waren, bis zum Bahnhof zu laufen“, sagt er. Im vergangenen Jahr hat die Telekom diese Zelle abgebaut.

Heute wird nicht mehr viel aus Telefonzellen telefoniert, „außer am Bahnhof und an den Kinderheimen, wie dem Jugendseeheim Kassel oder der Jugendherberge in List“. Dies liege aber nicht daran, dass die jungen Leute kein Handy hätten: „Dort ist einfach die Netzabdeckung so schlecht, dass nicht mit Smartphone oder Handy telefoniert werden kann - so müssen sie eben in die Telefonzelle“, sagt Buhmann lächelnd.

Dass sich die Zeiten der Telefonhäuschen mehr und mehr dem Ende neigen, bedauert der Telekomtechniker aber nicht. „Es war schön, dass man sie hatte, aber auf Sylt waren die klimatischen Verhältnisse ohnehin nicht optimal für die Häuschen“, sagt der Experte, „Wind, Salz, Wasser und Sand hat den Telefonzellen nicht gut getan, die Türen gingen schwer auf und sie fingen sehr schnell an zu rosten.“

Die extremen Wetterbedingungen sorgten allerdings auch dafür, dass Sylt eine besondere Rolle zugeteilt wurde: „Aufgrund der Bedingungen wurden auf der Insel immer wieder neue Telefonzellen getestet, vor allem neue Designs“, erzählt Buhmann, „die wurden dann über zwei Winter beobachtet, ob sie den klimatischen Verhältnissen trotzen können“. Darunter war unter anderem auch ein Modell, dass an die englische Telefonzelle angelehnt war oder eines, bei der die Tür über Eck aufging.


Wo steht Sylts letzte Telefonzelle?


Heute steht die einzig richtige Telefonzelle in Westerland in der Strandstraße, Ecke Bomhoffstraße, weitere gibt es in den Kinderheimen. Die meisten anderen wurden abgebaut oder durch sogenannte sogenannte Telestationen ausgetauscht: Edelstahlsäulen, an denen man mit Telefonkarte oder Münzen telefonieren kann.

Der Grund für den Rückgang ist der Telefonzellen ist klar: „In Deutschland kommen statistisch etwa 1,4 SIM-Karten auf jeden Einwohner “, sagt Halle, „grundsätzlich passen wir unseren Bestand an Telefonzellen fortlaufend dem Bedarf bei den Bürgern an. Folglich ist der Kunde die wesentliche Entscheidungsinstanz hinsichtlich des Angebots an öffentlichen Telefonen.“

Der Umsatz sei ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Sylter an vielen Stellen auf der Insel offensichtlich nicht mehr besteht, so Halle. „Wenn die Gemeinde trotzdem an einem Standort festhalten möchte, sprechen wir über eine kostengünstige Alternative wie etwa dem Basistelefon“, erklärt sie. Für die Telekom entscheide daher allein der Kunde durch sein Nutzungsverhalten darüber, wo und in welcher Anzahl öffentliche Telefone zur Verfügung stehen. Und da die Handys eher mehr werden als weniger, werden wohl nach und nach die letzten Telefonzellen verschwinden. „Dort, wo es auch wirtschaftlich Sinn macht, so wie am Bahnhof, bleiben öffentliche Telefone aber in Betrieb“, verspricht sie.


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