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Sylter Zeitgeschichte : Der Tote unter dem Kanaldeckel

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im Juli 1961 sorgte der Tod eines 17-Jährigen für Aufregung – ein Jahr später kommt es zum Prozess.

shz.de von
erstellt am 28.Aug.2013 | 14:20 Uhr

Dass auf Sylt ein Mord geschieht, hat glücklicherweise Seltenheitswert. Umso mehr schreckt ein solches Gewaltverbrechen die Bevölkerung auf und sorgt für dauerhaften Gesprächsstoff. So war es auch im Jahre 1961, als ein Leichenfund die unbeschwerte Sommerlaune auf der Urlaubsinsel trübt. Während sich am nahen Strand die Touristen in der prallen Sonne aalen, macht ein städtischer Arbeiter am Nachmittag des 25. Juli 1961 einen grausamen Fund: Als er auf dem schmalen Fußweg, der am Fuße der Westerländer Dünen von der Käpt'n-Christiansen-Straße zum Gaadt verläuft, einen verstopften Gully reinigen will, weicht er erschrocken zurück: Unter dem Kanaldeckel steckt ein Toter kopfüber im Abfluss.

Die Todesursache ist offenkundig: Um den Hals ist ein Lederriemen geknüpft, mit dem der junge Mann erwürgt wurde. Bereits am nächsten Tag hat die Kripo ermittelt, um wen es sich bei der Leiche handelt. Es ist der 17-jährige Lehrling Gerrit Dagowski* (alle Namen geändert, d. Red.) aus Hamburg. Vom 3. bis 11. Juli hatte er auf dem nahe gelegenen Campingplatz gezeltet und war dann spurlos verschwunden. Auch einen Tatverdächtigen gibt es schnell: Winfried Wohlfromm*, 18 Jahre alt, ebenfalls Lehrling aus Hamburg. Er hatte den Urlaub gemeinsam mit Dagowski verbracht, sei dann aber vorzeitig abgereist. Den Mord weist Wohlfromm entschieden von sich – nach ausgiebigen Verhören wird er wieder auf freien Fuß gesetzt.

Im März 1962 werden die Ermittlungen ohne weitere konkrete Ergebnisse abgeschlossen, obwohl unter anderem bundesweit rund 800 Personen befragt wurden, die zum Zeitpunkt des Verschwindens von Gerrit Dagowski auf dem Campingplatz weilten. Nun wendet sich die Staatsanwaltschaft wieder dem ursprünglichen Tatverdächtigen zu: Gegen Winfried Wohlfromm wird vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts Flensburg Anklage wegen Mordes erhoben. Die Ermittler haben sich inzwischen intensiver mit Wohlfromm beschäftigt, und sein Leumund ist nicht der beste: Drei Mal bereits wechselte er die Lehrstelle, mehrfach war er in Schlägereien verwickelt und hatte mit Gaspistolen hantiert. Da Wohlfromm die Tat weiterhin abstreitet und es keine Augenzeugen gibt, läuft alles auf einen Indizienprozess hinaus.

Am ersten Prozesstag im September 1962 berichtet Wohlfromm, wie er mit seinem Freund am Morgen des 3. Juli 1961 die Reise nach Sylt antrat, auf zwei Mopeds mit 160 Mark als Urlaubskasse für zwei Wochen Ferien. Doch schon am nächsten Morgen kam es auf dem Campingplatz wegen des Abspülens von Geschirr zu ersten Reibereien. Auch am Abend gab es Misstöne: „Wir gingen in ein Tanzlokal, aber Gerrit hat mich vor den Mädchen lächerlich gemacht und mir alles versaut.“ Die Zwistigkeiten setzten sich fort, bis Wohlfromm schließlich vorzeitig abgereist sei.

Der als Zeuge geladene Leiter des Campingplatzes sagt dazu allerdings aus, dass Wohlfromm das Zwei-Mann-Zelt erst am 11. Juli abgemeldet habe; zwei weitere Zeugen, die ihr Zelt vis-a-vis von Wohlfromm und Dagowski aufgeschlagen hatten, erklären dem Richter, dass sie Dagowski nicht ein einziges Mal gesehen hätten. Auch ein anderer Zeuge belastet den Angeklagten. In einem Verhör, so versichert der Kriminalbeamte, habe Wohlfromm ausgesagt: „Ich würde es wohl sagen. Aber ich habe Familie und Freunde, da kann ich nicht nur an mich denken.“ Der Vernehmer: „Ich hatte den Eindruck, dass Herr Wohlfromm in diesem Moment stark mit sich rang.“ Am sechsten Prozesstag beendet der Staatsanwalt sein zweistündiges Plädoyer mit dem Antrag, gegen Wohlfromm gemäß Jugendstrafrecht die Höchststrafe von zehn Jahren wegen Mordes zu verhängen. „Verblüffend“ nennt der Verteidiger die Beweisführung der Ankläger. Die Indizienkette sei brüchig – ein Freispruch logische Konsequenz. Das letzte Wort hat der Angeklagte: „Ich kann nur wiederholen: Ich bin unschuldig!“ Sieben Jahre wegen Totschlags. So der Urteilsspruch am siebten und letzten Verhandlungstag. Wohlfromm nimmt das Urteil ohne sichtbare Regung auf.

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