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Ärzte auf Sylt : Der spezielle Beruf der Insel-Ärzte

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nirgends im Land gibt es auf die Einwohnerzahl gerechnet so viele Hausärzte wie auf Sylt. Wir haben uns mit den Insel-Docs über eine vermeintliche Ärzteschwemme und andere Besonderheiten ihres Berufs unterhalten.

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erstellt am 24.Okt.2015 | 05:44 Uhr

Als Hausarzt auf Sylt zu arbeiten - bei Festländern mag diese Vorstellung eine romantische Bildermischung irgendwo zwischen „Der Landarzt“ und „Gegen den Wind“ hervorrufen. Wir haben uns mit vier Sylter Hausärzten über ihren Arbeitsalltag unterhalten: Darüber, ob ihre Wartezimmer nach der Saison leer bleiben, über die vermeintliche „Ärzteschwemme“ auf Sylt, die Suche nach einem Praxis-Nachfolger und darüber, dass Sylter Ärzte auch mal dazu genutzt werden, sich den Jahresvorrat Viagra verschreiben zu lassen.

Knapp 40 niedergelassene Ärzte arbeiten auf der Insel, laut Kassenärztlicher Vereinigung praktizieren hier im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Hausärzte in Schleswig-Holstein. Doch eines stellen die befragten Ärzte klar: Die Überversorgung an Hausärzten auf Sylt sei eher eine theoretische. Denn die Kassenärztliche Vereinigung berechnet den Versorgungswert anhand der Anzahl der Ärzte je Einwohner. Demnach hätte Sylt eine Versorgungsquote von 208 Prozent - in Kiel sind es beispielsweise nur 116 Prozent (wir berichteten). Das Problem: Touristen – von denen sich im Sommer ja gern mal 150  000 auf der Insel befinden – zählen in dieser Rechnung nicht mit.

Trotzdem: Die hausärztliche Versorgung, auch da sind sich die vier Doktoren einig, ist auf Sylt recht gut. „Ein Arzt auf dem flachen Land hat wahrscheinlich viel höhere Patientenzahlen als ich“, vermutet Jessica Johannsen-Wrana. Die 39-Jährige hat vor drei Jahren ihre Praxis in Westerland übernommen und sieht die relativ hohe Anzahl an Sylter Hausärzten eher positiv: „Wir tun uns alle nicht weh. Ich würde sagen, dass wir alle unser Auskommen finden - ohne dass ich den Kollegen ins Portemonnaie gucken kann.“ Für den Patienten sei die Arztdichte ohnehin ein Vorteil. Im Gegensatz zum Festland käme es auf Sylt nicht vor, dass Hausarzt-Praxen keine neuen Patienten mehr annehmen.

Theoretisch könnte es allerdings passieren, dass die Kassenärztliche Vereinigung irgendwann einmal einschreitet, und aufgrund der Überversorgung Praxen nicht wieder neu vergibt, wenn der bisherige Arzt in den Ruhestand geht. Bislang ist das nicht geschehen, Johannsen-Wrana würde es aber für die Zukunft nicht ausschließen. „Wenn auf der Insel ein Sitz nicht mehr nachbesetzt würde, wäre das nicht dramatisch“, findet der Keitumer Hausarzt Stefan Köhn, „sollte aufgrund der theoretischen Überversorgung die Hälfte der Sitze wegfallen, wäre es aber eine Katastrophe.“ Dass es dazu kommen könnte, hält der 53-Jährige allerdings für extrem unwahrscheinlich.

Ohnehin: Was passiert, wenn Sylter Ärzte in den Ruhestand gehen? Jemanden zu finden, der die Praxis übernehmen will, ist generell nicht leicht. Achim Goldhahn, der seit 25 Jahren in Westerland praktiziert, glaubt, dass auf Sylt die hohen Miet- und Immobilienpreise ihr Übriges tun, um junge Ärzte davon abzuhalten, sich ein Leben auf der Insel aufzubauen. Das sieht sein Kollege Thomas Blanck ähnlich. Gleichzeitig aber ist Blanck (53) überzeugt, dass die Insel mit ihrem hohen Freizeitwert für den medizinischen Nachwuchs weiterhin attraktiv ist.

Zudem schätzen die vier Sylter Ärzte den speziellen Patientenmix, den eine Tourismusdestination zu bieten hat. „Wir haben hier den Landarzt-Aspekt, der Spaß macht: Wir betreuen Menschen, ganze Familien, von der Wiege bis zur Bahre. Dazu kommen die Touristen, die man vielleicht nur einmal sieht“, erklärt Blanck. Wie sehr der Tourismus den Praxisbetrieb bestimmt, das bewerten die Vier unterschiedlich: Bei dem einen sind die Quartalszahlen nach der Saison schon merklich niedriger als in der Hochsaison, bei anderen ist der Prozentsatz der Gäste unter den Patienten niedriger - das Wartezimmer also gleichmäßiger gefüllt. In beiden Fällen nimmt die Zahl der kranken Insulaner im Winter zu: „Das habe ich bei den Syltern als Charakteristik erkannt - im Sommer darf wegen der Arbeit keiner krank sein, im Winter kommen sie dann“, fasst Goldhahn zusammen.

Auch der Keitumer Köhn schätzt „die reizvolle Mischung der Patienten“, spricht aber gleichzeitig ein Phänomen an, dass seine Insel-Kollegen auch kennen werden: „Die Leute gehen gern davon aus, dass wir auf Sylt sehr viele Privatpatienten betreuen. Der Anteil ist hier aber nicht viel höher als anderswo.“ Es gäbe Gäste, die zwar mit dem Privatflieger anreisen, aber gesetzlich versichert sind. „Für die Kassen ist das ja gut“, so Köhn, „nur ist es gelegentlich so, dass diese wohlhabenden Patienten selbst den Anspruch eines Privatpatienten haben und sehr viel Zeit einfordern – gleichzeitig erhalten wir aber für sie auch die üblichen 53 Euro pro Quartal. Mit dieser Anspruchshaltung umzugehen, das ist für mein Praxisteam und mich schon eine Herausforderung.“

Auf eines dürfen die Sylter Ärzte und ihre Sprechstundenhilfen ohnehin nicht immer setzen: Auf urlaubsgemäße Entspanntheit, wenn’s um Wartezeiten geht. „Es gibt gelegentlich schon eine gewisse Anspruchshaltung, die nicht immer adäquat ist“, berichtet Blanck, „da wollen die Leute vor der nächsten Seehundfahrt schnell dran kommen und verlieren die Geduld.“ Andere Urlauber besuchen die Sylter Hausärzte, weil sie glauben, ihr Anliegen hier entspannter vortragen zu können als beim Doktor zu Hause. „Da kommen auch Patienten, die sich hier mit ihrem Jahresbedarf Viagra eindecken wollen“, so Blanck. Bei intimeren Angelegenheiten bestehe bei Gästen gelegentlich auch die Vorstellung, auf Sylt gebe es weniger Ressentiments, sie könnten sie hier also schamfreier vortragen.

Abgesehen davon berichten die Ärzte auch von Touristen, die den Arzttermin extra für ihren Syltbesuch ausgemacht haben, weil sie im Alltag dafür keine Zeit finden. Zudem haben sich viele Zweitwohnungsbesitzer, die viel Zeit auf der Insel verbringen, ihren Hausarzt auf Sylt gesucht, zu dem sie genau wie die Insulaner ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Auch wenn die Praxismieten höher sind, die Patientenzahl eher niedriger und der Patientenmix auch mal eine Herausforderung ist: Alle der Vier sind auf Sylt wirklich gerne Hausärzte.

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