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Sylter Köpfe : Der letzte Krabbenfischer von Sylt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der 72-jährige Paul Walter aus List ist seit 1978 regelmäßig mit seinem Krabbenkutter „Tümmler“ auf der Nordsee unterwegs.

Es ist 7 Uhr. Noch liegt eine meditative Ruhe über dem sonst so trubeligen Geschehen am Hafen in List. Ein kräftiges „Moin!“ durchbricht die Stille. Es folgt ein fester Händedruck, begleitet von einem ansteckenden, schelmischen Lachen. Die kräftigen Hände und das Lachen gehören zu Paul Walter. Geschmeidig schiebt er sich an der engen Reling seines Krabbenkutters „Tümmler“ entlang zur Fahrerkabine, schlüpft in orangefarbenes Ölzeug und gelbe Gummistiefel. Paul Walter ist 72 Jahre alt. Er ist der letzte Krabbenfischer von Sylt. Ein, zwei Mal die Woche fährt er zum Fischen raus.

Paul Walter startet den Motor. Das Boot ist 28 Fuß lang, der Motor 60 PS stark. Seit 1978 ist Paul Walter mit seinem Kutter unterwegs. Mit vier Jahren fährt der Junge das erste Mal mit seinem Vater zur See. Anfang der 1960er Jahre erwirbt Paul Walter das Steuermannspatent in Großer Hochseefischerei und das Kapitänspatent in Kleiner und Hochseefischerei.

Unterdessen tuckert der Kutter aus dem Hafen. Wenig später tauchen auf einer Sandbank in der Ferne an die hundert Seehunde auf. Paul Walter ist tief beeindruckt, immer wieder, auch nach 50 Jahren noch. „Die Freiheit hier draußen, die Bewegung des Bootes, die Wellen, das ist einmalig.“ Der Kutter steuert Richtung Hoyer Tief. Zeit, über die Fischerei nachzudenken. „Es gab viele Unfälle früher. Die Kojen waren nass. Es gab keine Heizung an Bord, kein GPS, keinen Radar. Heute ist vieles leichter. Doch das waren bessere Seeleute damals.“

1965 wird Paul Walter mit 22 Jahren hauptberuflich Fischer. Er erzählt von seinen Fahrten nach Island, von einem gebrochenen Bein im Orkan, von einer 18 Meter hohen Monsterwelle, die sein Schiff unter Wasser drückt. Und von seinem besten Krabbenfang: „60 Kisten à 70 Pfund in 45 Minuten“, sagt Paul Walter und lacht sein ansteckendes Lachen. „15 Kisten musste ich sogar wieder gehen lassen, weil sie nicht an Deck passten.“ Nur zwei Jahre später jedoch verpflichtet er sich für zehn Jahre bei der Marine. 1977 bietet man ihm einen Bürojob in der Marineversorgungsschule in List an. Nebenbei darf er Krabben fischen.

Die Krabbenfischerei hat im Norden Tradition. Unumstritten ist sie nicht. Umweltminister Robert Habeck (Grüne) bekennt: „Die Krabbenfischerei gehört ohne Frage zu Schleswig-Holstein. Aber sie findet eben im sensiblen Gebiet des Nationalparks statt, das nach Bundesnaturschutzgesetz eigentlich überwiegend frei von Nutzung sein soll. Vor diesem Hintergrund geht es darum, gemeinsam mit Fischerei und Naturschutz einen möglichst naturverträglichen Weg zu finden, damit die Krabbenfischerei eine gute Zukunft hat.“ Man sei in einem Arbeitsprozess mit den Krabbenfischern, die sich um das Nachhaltigkeitssiegel MSC bemühen. Allerdings sei es schwierig zu definieren, wann die Krabbenfischerei als nachhaltig einzustufen sei.

Im Schnitt werden von der schleswig-holsteinischen Flotte jährlich etwa 6  000 Tonnen Krabben angelandet, heißt es aus dem Ministerium. Im Jahr 1990 waren es nur 2  286 Tonnen.

Paul Walter sieht den Krabbenfang selbst kritisch. „Das geht zu Lasten des Fischbestands. Vor 15, 20 Jahren, da haben wir noch bis zu drei Zentner Schollen und Seezungen gefangen. Das ist vorbei.“

Damals hätte man bei fünf, sechs Windstärken mit dem Fischen aufgehört oder sich abgewechselt, wenn viel zu fangen war. Damals, da gab es noch fünf, sechs Krabbenfischer auf Sylt. Übrig geblieben ist nur Paul Walter. Die anderen sind gestorben oder haben aus Altersgründen aufgegeben. Die Zahl der Krabbenkutter insgesamt ist ebenfalls zurückgegangen. Waren es in Schleswig-Holstein 1970 noch 186, sind heute nur noch 74 Kutter im Einsatz. „Ende der 1950er Jahre, da lagen alleine hier in List 70 Kutter. Aus Tönning, Büsum und Husum“, erinnert sich Paul Walter.

Mittlerweile hat die „Tümmler“ das Hoyer Tief erreicht. Der Fischer lässt ein sechs Meter breites und zehn Meter langes Netz ins Wasser. Immer wieder springt er zwischen Reling und Steuerrad hin und her: Das Netz darf sich nicht in der Schiffsschraube verfangen. Als es im Wasser ist, tuckert der Kutter mit gemächlichen 2,7 Knoten weiter. Spaziergeschwindigkeit.

Das Fangnetz rollt indes über den Meeresboden. Zeit für eine Tasse Tee aus Plastikbechern. Es schmeckt salzig. Paul Walter erzählt von prominenten Besuchern auf seinem Kutter. „Peter Lustig war schon an Bord. Ein Teil des Films Peter und das Seehundbaby wurde hier gedreht.“ Mit dem „Pusteblume“-Moderator robbt sich Walter an Seehunde auf einer Sandbank heran. Auch Sängerin Ina Müller ist schon mit Paul rausgefahren. „Wir hatten Windstärke neun, mussten ihren Kameramann samt seiner Ausrüstung anbinden. Und Ina sagte, Paul, du schuldest mir eine Frisur!“, erinnert sich der Krabbenfischer lachend. Dann holt er das Netz ein. Doch statt der ersehnten Krabben: nur Quallen, Krebse, Mini-Schollen. Paul Walter wirft alles wieder ins Meer. Die Möwen machen sich kreischend über die Leckerbissen her.

Seit dem 2. August schon hat Paul Walter nichts mehr gefangen. Normalerweise hat er im Herbst 20, 30 Kilo im Netz, auch mal 100 Kilo. Doch dieses Jahr sei die Rippenqualle da und dann gebe es wenig Krabben. „Wir versuchen es jetzt mal Richtung Ellenbogen.“ Hoffnung hat er kaum. „Das Wasser ist zu klar. Dann sehen die Krabben das Netz und springen darüber.“ Dennoch lässt er das Netz ein zweites Mal ins Wasser, holt es nach einer Stunde wieder ein. Wieder nichts. Und gerade mal eine Handvoll Krabben. Zu klein für die Jahreszeit. Der Fischer ist enttäuscht.„Normalerweise würde ich auf der Rückfahrt die Krabben kochen.“ Und später am Hafen würde er seinen Fang verkaufen. Echt fangfrisch, für sechs Euro pro 500 Gramm.

Doch Walter muss seine „Tümmler“ leer in den Hafen steuern. Dennoch will er die Fahrten mit seinem Kutter nicht missen. Dieses Jahr wird er den Kutter Mitte Oktober aus dem Wasser holen. Dann wird er sehnsüchtig auf das Frühjahr warten, bis er wieder rausfahren kann. „Ich bin mit Leib und Seele Fischer, das ist wie eine Manie“, sagt der letzte Krabbenfischer von Sylt. Und er lacht sein schelmisches Lachen.

 

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