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Sylter Geschichte : Der letzte Kapitän der „Wilhelm Gustloff“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Keitumer Friedrich Petersen überlebte 1945 als Kapitän den wohl verlustreichsten Schiffsuntergang der Geschichte.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2015 | 05:22 Uhr

Am vergangenen Wochenende jährte sich der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ zum 70sten Male. Als das Flüchtlingsschiff am 30. Januar 1945, von russischen Torpedos getroffen, in der Ostsee sinkt, ist dies mit möglicherweise mehr als 9000 Opfern der verlustreichste Schiffsuntergang der Menschheitsgeschichte

Wer in den zurückliegenden Tagen die Berichterstattung in den Printmedien und im Fernsehen verfolgt hat, in denen auch Zeitzeugen zu Wort kommen, kann nur erschüttert sein über die Erlebnisse, die Überlebende von ihrer Flucht vom sinkenden Schiff berichten. Einer dieser Überlebenden ist der Kapitän der „Gustloff“.

Kapitän Friedrich Petersen Grabstelle liegt auf dem Keitumer Friedhof, denn in Keitum auf Sylt hat der tragische Schiffsführer seine Kindheit verbracht.
Er wurde im März 1882 im heutigen Geschäftshaus mit der Hausnr. 17, heute eine Bogner-Filiale, geboren und entschied sich –wie viele seiner Vorfahren- für die Seefahrt. Nachdem er lange für die Reederei Hamburg-Süd fuhr, wurde er 1938 berufen, das Flaggschiff der KdF-Fahrten und das größte Kreuzfahrtschiff der damaligen Zeit, die „Wilhelm Gustloff“, zu übernehmen. Wenn ihn seine Reisen nordwärts führten und das Wetter es zuließ, versäumte er nie, so nah wie möglich an Sylt vorbeizufahren. Und während die Familie und Freunde ihm vom Strand aus zujubelten, ließ er seine Mannschaft durch Signale und Pfeifen die Insel grüßen. So kann man es der Sylter Zeitung jener Jahre entnehmen.

Als Petersen im Januar 1945 das Kommando bekam, Flüchtlinge vor Gotenhafen zu übernehmen, war sein einst stolzes weißes Schiff schon seit Jahren eine grau gestrichene schwimmende Kaserne. Er hatte lange keinen solchen Koloss mehr gesteuert, dessen Maschinen vernachlässigt waren und dessen geschweißten Nähten nach Bombentreffern er nicht traute.

Die Lage auf der Brücke war angespannt und es herrschte Uneinigkeit. Man hatte Friedrich Petersen den Korvettenkapitän der U-Boot-Einheit, die seit den letzten vier Jahren auf dem Schiff beherbergt war, Wilhelm Zahn, zu Seite gestellt und zwei weitere Hauptoffiziere. Sie sollten das Schiff gemeinsam kommandieren, aber sie konnten sich, wie man heute weiß, nicht einig werden, wie man der drohenden Gefahr durch russische U-Boote begegnen sollte. Schließlich setzte sich Petersen durch und seine Entscheidung zur Route über das offene Meer mit einem beleuchtetem Schiff, wird Tausenden zum Verhängnis

Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes nimmt nach den Torpedotreffern ihren Lauf, weil unter anderem nicht genügend Rettungsmittel zur Verfügung stehen. Wenn der erste Offizier beim Anblick der auf das Schiff strömenden Flüchtlinge nicht noch Korkflöße und Marinekutter organisiert hätte, um mehr Rettungsboote zu haben, hätten Friedrich Petersen und andere vermutlich nicht überlebt.

Der Kapitän Hering des Flottentorpedobootes T 36, das viele Schiffsbrüchige aufnahm, erinnerte sich später: „Wie durch ein Wunder erschien bei mir auf der Brücke der Kapitän der Gustloff. Da staunt man: der Mann war trocken! Und dann kam auch noch der Kommandant der ULD!“

Petersen hat angeblich über diese Schiffskatastrophe nicht reden können. Und es ist auch nie geklärt worden, woher er die Information hatte, ein Minensuchverband, für den er das Schiff beleuchten ließ, um eine Kollision zu verhindern, wäre auf Gegenkurs. Dieser Minensuchverband hat überhaupt nicht existiert.

Als sein Tod im Frühjahr 1960 bekannt wird, berichtet die Sylter Rundschau über den Kapitän von der Insel. Man erfährt, dass er in Krieg Blockadebrecher war, mit seinen Passagieren gerne friesisch sprach und seine letzten Jahre als Wachkapitän auf Hamburg-Süd Schiffen im Hamburger Hafen verbrachte. Ein Hinweis auf die „Wilhelm Gustloff“ sucht man vergebens.

Erst die 2002 erschiene Novelle „Im Krebsgang“ von Günter Grass greift das Tabuthema – Leid und Verlust der deutschen Zivilbevölkerung während des zweiten Weltkrieges – auf und endlich wird dieses Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und auch in Schleswig-Holstein und auf Sylt beginnt man langsam, über die Schatten der Vergangenheit zu reden.

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