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Sylter Rundschau

20. August 2017 | 17:11 Uhr

Der Langeweile-Killer

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Spazierengehen doof, Radfahren doof, Fernsehen gucken doof, Lesen doof? Falls Sie heute Langeweile haben und unbedingt etwas erleben möchten, habe ich den ultimativen Tipp für Sie. Düsen Sie einfach in einen der zahlreichen Supermärkte auf der Insel: Famila oder Sky in Westerland, Lidl in Tinnum, Feinkost Meyer in Wenningstedt, egal, wo sie auf der Insel am Samstag einkaufen gehen, überall ist schwer was los. Man trifft Gott und die Welt. Eigentlich ist das gar nicht mein Ding. Ich gehe normalerweise nie samstags einkaufen, denn ich mag beim Einkaufen eigentlich kein Halligalli. Es sei denn, mir ist langweilig. So wie am vergangenen Samstag.

Noch vor dem Betreten des Marktes der erste nette Schnack. Mitten aufm Parkplatz, direkt nach dem Aussteigen aus dem Auto. „Na, auch noch schnell was fürs Wochenende einholen? Also wir wollen... bei uns gibt’s...“ Höhe Eingang kenne ich das komplette Wochenendprogramm samt Essensplänen meiner Bekannten. Sie sind übrigens angezogen, als wären sie eben aus der Modezeitschrift „Instyle“ gesprungen. Offenkundig macht man sich für den samstäglichen Einkauf noch richtig flott hier auf Sylt. Überhaupt: der Sommerdaunenjacken-Trend aus dem vergangenen Jahr ist 2014 endlich auch bei den Männern angekommen. Die Kerle brauchen ja gerne ein bisschen länger, Motto: „kenn ich nicht, brauche ich nicht.“ Ich konnte Carsten schlussendlich mit drei gezielten Argumenten überzeugen. Die Jacke ist a.) federleicht, b.) warm und c.)praktisch. Und was soll ich sagen?! Nach einem Jahr (!) reichlicher Überlegung sagte er eines Morgens tatsächlich mit festem, überzeugtem Ton: „Ich brauche sofort eine Sommerdaune.“

An diesem Morgen sind viele Männer unterwegs. Fast nur Männer. Man trifft sich am Tresen. Am Fleischtresen natürlich. Hier wird in der Warteschlange gefachsimpelt. Den Gesprächen nach gibt’s niemanden, der heute nicht grillt. „Das Bauchfleisch ist hier einmalig...schön dünn...das muss nur kurz drauf, dann ist es irre kross“ „Ja, das ist super, aber haste den eingelegten Nacken schon mal probiert? Ich nehm’ mal gleich sechs Scheiben. Schön dick“. Ich mag’s kaum aussprechen und flüstere hektisch „Ich hätte gerne zwei Scheiben magere Pute. Bitte dünn geschnitten.“ Die Köpfe der Männer vor mir schnellen nach hinten. Ich rechtfertige mich:„Ja was denn??? Ich bin ´ne Frau!“ Draußen sind übrigens 12 Grad. Tendenz sinkend. Dazu weht ein strammer Ostwind. Das heißt auf Sylt: es wird gegrillt.

Mein Einkaufswagen hat irgendwann Oberflächenspannung, der, der meisten Männer nicht. Der Getränkehandel befindet sich schließlich nebenan. Höhe Kühlabteilung treffe ich die nächsten Bekannten. Themen zwischen Tiefkühlpizza und Käse: der HSV-Abstiegskampf („ist das nicht bitter?“), das Wetter („kalt ist es geworden, aber wir grillen trotzdem“), Tagesaktivitäten („gleich geht’s erstmal aufs Sofa“). Ups, ich bin mittlerweile geschlagene 55 Minuten im Supermarkt. Ab zur Kasse. Anhand der Förderbänder kann man übrigens prima erkennen, was es wo zu essen gibt. Mein Resümee: wer dieses Wochenende nicht grillt, der isst Spargel mit Katenschinken, Kartoffeln und Sauce Hollandaise. Oder es gibt „Miracoli“. Habe ich auch immer im Küchenschrank. Wenn es mal schnell gehen muss.

Aufm Rückweg zum Parkplatz treffe ich eine Freundin. Wir stellen fest, dass der neuste Insel-Trend offenkundig Strafzettel sammeln lautet. Kaum ein SUV ohne tomatenroten Strafzettel hinter der Windschutzscheibe. Wer aber so richtig was auf sich hält, fährt gleich mit zwei oder drei davon vom Hof der heimischen Reetdachkate. Wir schieben unsere Wagen beide lachend Richtung Leergutannahme. Was ist denn hier los? An allen drei Automaten stehen Schlangen, wie vorm Classic Club an den Wochenenden während des Windsurfworldcups. Zudem scheint es tatsächlich Menschen zu geben, die ein komplettes Jahr lang Leergut sammeln, um dann alles feinsäuberlich verstaut in mehreren blauen Müllsäcken an EINEM Samstag zu Geld zu machen.

Nach guten anderthalb Stunden bin ich wieder zu Hause. Carsten steht fragend in der Tür: „Wo warst du denn so lange? Ich will etwas erleben. Mir ist langweilig“.

Jeden Sonnabend beschreibt Miriam Köthe exklusiv für die Sylter Rundschau, was ihr auf Sylt so auffällt und gefällt. Die Kieler Journalistin besucht mit ihrem Mann, dem R.SH-Morningman Carsten Köthe, in jeder freien Minute die Insel.

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erstellt am 08.Mai.2014 | 11:16 Uhr

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