Der K(r)ampf um das Kind

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Fehlplanung - das Land und die Kommunen machen Fehler im Umgang mit dem demografischen Wandel

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21. Dezember 2012, 12:01 Uhr

Der Wissenschaftler Ulf Hahne hat bereits 1991 in einer Untersuchung festgestellt, dass in ländlichen Gebieten Schleswig - Holsteins " …die Bevölkerung von unter 6 Jahren … zwischen 1970 und 1987 um fast 45 Prozent zurückgegangen ist und sich der Bevölkerungsanteil der noch nicht schulpflichtigen Kinder fast halbiert hat." 2005 hat die Landesregierung in Zusammenarbeit mit dem Städteverband und dem Gemeindetag eine Broschüre heraus gegeben, die sich mit den Folgen des demographischen Wandels beschäftigt. Ausführlich geht das Papier auch auf Möglichkeiten ein, Schulschließungen zu vermeiden, weil diese die Identität einer Gemeinde zerstören könnten.

Die prognostizierten rückläufigen Kinderzahlen sind in peripheren ländlichen Gebieten durch den Truppen abbau noch dramatischer ausgefallen. Da die geburtenschwachen Jahrgänge nicht plötzlich mehr Kinder bekommen werden, wird sich die Problematik der rückläufigen Schülerzahlen verstärken. Sämtliche Programme der Bundesregierung, das regenerative Verhalten zu verändern, sind bisher nicht erfolgreich gewesen.

Die Politik hat sich geweigert, diese Erkenntnisse zu akzeptieren und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Obwohl landesweit die Bevölkerung abnimmt, vor allem aber im nördlichen Landesteil, wurden neue Einfamilienhaus gebiete ausgewiesen, während gleichzeitig der Leerstand zunahm. Obwohl in den Entwicklungsplänen in den Dörfern nur Baugebiete für die ansässige Bevölkerung ausgewiesen werden sollen, hat die Landesplanung ständig gegen ihre eigenen Grundsätze verstoßen und neue Baugebiete genehmigt. Um diese zu füllen, begann ein teilweise grotesker Wettkampf zwischen den Gemeinden um junge Familien und deren Kinder. Bauwillige wurden mit Prämien, die nach Kinderzahlen gestaffelt waren, angelockt. Dies war nicht einmal ein Null-Summen-Spiel, denn die Bauwilligen kamen nicht aus anderen Bundesländern, sondern aus den Nach bargemeinden. Über die Folgen dieser Politik wurde wenig nachgedacht.

Was kann jetzt noch unternommen werden, um das Kindeswohl und nicht den politischen Ehrgeiz einzelner Bürgermeister in den Mittelpunkt zu stellen? Schul- und Landesplanung müssen endlich Hand in Hand arbeiten und für die Durchsetzung der beschlossenen Planungsziele sorgen. Diese sehen seit Jahrzehnten eine "Konzentration in der Fläche" vor. Das bedeutet, dass die Bevölkerung auch in schwach besiedelten Räumen in zumutbarer Entfernung eine soziale, kulturelle und ökonomische Infrastruktur vorfinden soll. Das bisher angewandte Gießkannenprinzip hat das verhindert. Geradezu aberwitzig ist der Versuch von Gemeinden, das Problem rückläufiger Schülerzahlen dadurch lösen zu wollen, die vorhandenen Schulen durch gymnasiale Oberstufen aufzuwerten. Auch hier würden auf der einen Seite Leerstände entstehen, während auf der anderen Seite Steuergelder investiert werden müssten, um wenig attraktive Oberstufen mit einem begrenzten Angebot zu schaffen.

Schulschließungen werden sich nicht vermeiden lassen, aber der Mangel kann besser verwaltet werden. Die Schulen in den zentralen Orten müssen ihr Angebot zu Ganztagsschulen erweitern, damit die Kinder die in vielen Dörfern nicht mehr möglichen sozialen Kontakte finden und nicht nur auf Face-Book angewiesen sind. Gleichzeitig muss die Schülerbeförderung deutlich optimiert und kostengünstiger werden. Auch diese Maßnahmen kosten Geld, sie sind aber allemal billiger als das krampfhafte Festhalten an Zwergschulen, die sicherlich für die Entwicklung der Kinder nicht förderlich wären.

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