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RDC versus DB : Der irre Kampf auf dem Hindenburgdamm

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Anlässlich des Fahrplanwechsels am Sonntag blickt die Sylter Rundschau auf die Geschichte des Konkurrenzkampfs der beiden Eisenbahnunternehmen zurück.

von
erstellt am 11.Dez.2015 | 18:32 Uhr

Nun gilt ab dem morgigen Sonntag der neue Fahrplan für den Autozug, argwöhnisch beäugt von den Insulanern und ihren Gästen. So viel scheint sich auf den Schienen aber nicht zu ändern – fährt das eine Eisenbahnunternehmen doch noch nicht, und das andere deutlich seltener als geplant. Railroad Developement Corporation (RDC) gibt als Grund für seinen auf Februar verschobenen Betriebsstart an, noch keinen Nutzungsvertrag für die Verladeterminals der Deutschen Bahn erhalten zu haben. Die Deutsche Bahn begründet die Tatsache, dass am Sonntag deutlich weniger als angekündigt ihrer neuen gekuppelten Personen-Auto-Züge fahren werden, damit, dass sie nicht genügend ausgebildete Lokführer habe (siehe Text unten). Heißt: Sollte es zum Chaos auf den Schienen kommen, dann wahrscheinlich erst, wenn beide Unternehmen so viele Züge fahren lassen wie ursprünglich geplant.

Ein Anlass für die Sylter Rundschau, noch einmal auf die Geschichte des Kampfes um den Hindenburgdamm zurück zu blicken.


Der Anfang


Nachdem die Deutsche Bahn die lukrative Strecke zwischen Niebüll und Westerland bisher alleine bestellen konnte, sorgte ein Gerichtsurteil 2011 dafür, dass sich nun auch andere Anbieter um Fahrten über den Damm bewerben können. Im Oktober 2014 trat RDC auf den Plan: Das deutsche Tochterunternehmen einer US-Eisenbahngesellschaft hoffte zu diesem Zeitpunkt, viele Fahrten ab 2016 gewinnen zu können, weil ihr Angebot deutlich höhere Zahlungen an die DB Netz AG enthielt als das der Deutschen Bahn. Dritter in der Runde der Bieter um die Bahntrassen war zu diesem Zeitpunkt das Land Schleswig-Holstein. Anders als RDC versuchte das Kieler Verkehrsministerium beim Vergabeverfahren nicht mit hohen Zahlungen zu punkten, sondern griff zu einem anderen Trick: Dort wollte man die Züge künftig nicht nur bis Niebüll, sondern bis Risum-Lindholm fahren lassen. Durch die längere Strecke erhoffte man sich von Ministeriumsseite höhere Gewinnchancen. Zu Unrecht: Weil es in Risum-Lindholm gar keine Verladeeinrichtungen gibt, flog Schleswig-Holstein aus dem Vergabeverfahren.

Es folgten Monate des Schacherns um Fahrten, die aus Sicht der Öffentlichkeit weder RDC noch die DB gut aussehen ließen. Beispielsweise verkündete RDC öffentlich, das Unternehmen werde die beliebten Vergünstigungen für Insulaner auf ihren Autozügen nicht anbieten, da sie gegen das europäische Wettbewerbsrecht verstoßen würden. Nach öffentlichen Protesten rückten die Amerikaner von dieser Rechtsauffassung später wieder ab. Welches Unternehmen wie viele Autozüge fahren lassen darf, darüber stritten sich die Vergabeinstanz DB Netz, die zuständige Behörde Bundesnetzagentur und die beiden Eisenbahnunternehmen weiter – immer wieder auch vor Gericht.


Die DB gewinnt


Selbst wenn letzte Konflikte bis heute nicht geklärt sind: Nach derzeitigem Stand der Dinge wird die Deutsche Bahn die meisten Autozug-Fahrten anbieten, RDC darf vor allem am frühen Morgen und abends fahren. Insgesamt erhöht sich die Zahl der Autozug-Verbindungen, Reisende sollen künftig ganzjährig im Halb-Stunden-Takt auf die Insel kommen. Einer der Haken daran: Die beiden Eisenbahnunternehmen erkennen ihre Tickets gegenseitig nicht an. Sylturlauber müssen sich also vorab genau überlegen, welchen Autozug sie nutzen wollen. Zumindest ab dem Zeitpunkt, ab dem RDC wirklich Autozüge über den Damm rollen lässt. Das kann das Unternehmen allerdings erst, wenn es mit der DB einen Nutzungsvertrag über die Verladeterminals abgeschlossen hat. Wann das soweit ist, ist derzeit noch unklar.


Tricks und Verärgerung


Eine Probefahrt von RDC hat allerdings schon im Mai dieses Jahres stattgefunden und sorgte für geschockte Gesichter auf der Insel. Das Unternehmen präsentierte provisorische Autozug-Anhänger, die Kommentatoren eher an Viehwaggons erinnern. Sylts Bürgermeister Nikolas Häckel wählte deutliche Worte: „Ich bin irritiert, verärgert, traurig – und das ist noch lieb ausgedrückt.“ RDC konnte die Aufregung der Sylter nicht verstehen: Die Wagen sollen noch ein wenig umgebaut und aufgehübscht werden, ansonsten würden sich die Waggons von der Bauart gar nicht so stark von denen unterscheiden, die der DB-Syltshuttle nutze, hieß es vom Unternehmen.

Doch nicht nur RDC kam mit der Präsentation seiner Autozüge nicht gut an: Um sich den Löwenanteil an den Autozug-Trassen zu sichern, hat auch die Deutsche Bahn in die Trickkiste gegriffen. Und versuchte erfolgreich das, womit das Land Schleswig-Holstein zuvor gescheitert ist: Das Unternehmen bietet längere Fahrten an, die bei der Trassenvergabe Vorrang genießen. Zwar soll der Autozug weiterhin nur bis Niebüll fahren. Doch künftig soll an jeden DB-Autozug ein Personenzug gekuppelt werden, der in Niebüll wieder abgenommen wird.

Eigentlich sollten die Personenzüge dann weiter bis nach Hamburg-Altona fahren. Da dies aus logistischen Gründen nicht möglich ist, sollen die Wagen nun bis zum 5  000-Seelen-Ort Bredstedt in Nordfriesland fahren. Da die DB diese Personen-Autozüge im Halbstundentakt fahren lassen will, und auch der Nahverkehr nach Bredstedt fährt, könnte es sich zur am besten angebundenen Kleinstadt im Land entwickeln.


Gegenseitige Blockade


Für die Fahrgäste allerdings hat der Personen-Autozug kaum Vorteile: Weil das Konstrukt zu lang für den Keitumer Bahnhof ist, kann die DB künftig keinen Motorradwagen mitnehmen. Die Nutzer des Personenteils brauchen aufgrund des An- und Abkuppelns gut 15 Minuten länger aufs Festland als mit dem Nahverkehr. Und sie müssen mehr zahlen: Weil der Autozug als Fernverkehr eingestuft ist, gelten auch im Personenteil Fernverkehrstarife. Damit Fahrgäste in die Personenwagen des so genannten Sylt Shuttle Plus steigen können, muss in Westerland ein neuer Bahnsteig gebaut werden. Außerdem muss der Keitumer Bahnhof umgebaut und modernisiert werden. All dies soll im kommenden Jahr geschehen. Vergangene Woche meldete sich nun das Verkehrsministerium des Landes in einem Brandbrief zu Wort: Wenn sowohl RDC als auch die Deutsche Bahn wirklich so viele Züge über die Schienen schicken wie geplant, würden diese sich bis zu sieben Mal am Tag gegenseitig blockieren. Ob dieses Problem so eintrifft, oder sich die Unternehmen vorher noch einigen, werden die kommenden Wochen zeigen.

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