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Serie "Inselköpfe" : Der Herr der Sylter Perserteppiche

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit 46 Jahren dreht sich im Leben von Abbas Saber fast alles um Teppiche, die für ihn vielmehr Kunstwerke sind als Fußabtreter.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2017 | 04:54 Uhr

„Wollen Sie einen persischen Tee?“ Abbas Saber steht in seinem kleinen Teppich-Geschäft in Westerland, das im Erdgeschoss vom „Haus am Meer“ gleich neben der Friedrichstraße liegt. Von außen ist der Laden eher unauffällig, einmal durch die Tür getreten eröffnet sich dem Besucher auf wenigen Quadratmetern aber die ganze Welt der Perserteppiche. „Viele von meinen Teppichen sind weltweit einmalig, so wie ein Gemälde“, sagt Saber freundlich mit seinem unverkennbaren persischen Akzent. Wenn er auf das Gewebe der wertvollen Teppiche blickt, sieht er keinen Fußabtreter, sondern Kunstwerke, tausende Arbeitsstunden und hochwertige Materialien.

„Sehen Sie sich den an!“, ruft er plötzlich begeistert und zieht aus einem der vielen hohen Stapel einen kleinen türkis-leuchtenden Teppich, gerade mal 70x50 Zentimeter groß, mit der detailgetreuen Darstellung einer Jagdszene. „Das ist Seide, handgeknüpft, über eine Million Knoten, das ist doch ein echtes Kunstwerk!“

Seit vier Monaten betreibt er sein Geschäft auf Sylt. „Ich habe noch nie einen so kleinen Laden gehabt – hier auf Sylt ist es aber einfach so teuer.“ In Bremen war er viele Jahre Inhaber eines wesentlich größeren Geschäfts, allerdings hat Abbas Saber Asthma und kann in Bremen, wie er selbst sagt, „nur wie ein Fisch an der Luft atmen.“ Seine Ärzte empfahlen ihm deshalb das Meer und so kam er nach Sylt – um hier seine teilweise antiken Teppiche an Liebhaber zu bringen.

Und eines hat der 66-Jährige: Erfahrung. „Das ist das Einzige, was ich in meinem Leben kann – aber wenn es um Teppiche geht, dann kann ich alles“, sagt er stolz. Seit 46 Jahren ist er selbstständiger Groß- und Einzelhändler, außerdem übernimmt er Teppichreparaturen aller Art in der eigenen Werkstatt, bietet Bio-Teppichwäschen von Hand an und ist Teppich-Gutachter, unter anderem für die Kriminalpolizei.

Dabei hatte er als junger Mann nie geplant, in das Familienunternehmen einzusteigen. „Nach dem Abitur in Teheran bin ich nach Deutschland gekommen, um Chemie zu studieren“, erzählt Saber. Über einen Bekannten landete er in Bremen – und weil sein Vater, Inhaber einer Knüpferei im Iran, Teppiche aus Persien nach Deutschland lieferte, machte er dem jungen Abbas einen Vorschlag: „Er sagte: ‚Wenn du dich dort wohlfühlst, mach dich doch selbstständig und wir können dir die Ware schicken‘“,, erinnert er sich. „Ich war 21 Jahre alt, ein junger Mann, und habe zugestimmt“. Und so wurde er ein wichtiger Teil des Geschäfts, das sein Großvater viele Jahre zuvor aufgebaut hatte.

Sein Vater schickte ihm die Teppiche regelmäßig in den Hamburger Freihafen, traditionell die zentrale Drehscheibe des deutschen und auch europäischen Teppichhandels. Schon vor über hundert Jahren wurden in der Speicherstadt Teppichballen von den Hafenbarkassen direkt in die Rotklinkerbauten des Zollfreilagers verladen. Und auch wenn er viel in Hamburg war, seinen Lebensmittelpunkt hatte Abbas Saber weiterhin in Bremen. Er heiratete eine Ärztin und sie bekamen zwei Töchter. Beide studieren heute und sehen ihre Zukunft nicht im Teppichhandel „Ich habe keinen Nachfolger, deshalb möchte ich die wertvollen Stücke, die ich habe, jetzt in gute Hände bringen“.

In Teheran ist der Betrieb weiterhin in Familienhand: Die beiden Brüder von Abbas Saber betreiben die Knüpferei. Allerdings erschwert die politische Situation im Iran das Teppichgeschäft. „Für die Leute, die diese wertvollen Kunstwerke machen, lohnt sich die Arbeit nicht mehr. Sie sind einfach immer unterbezahlt.“ Und so gibt es immer weniger originale Perserteppiche auf dem Markt, auch wenn das Knüpfwerk ein Grundbestandteil persischer Kunst und Kultur ist. Hinter jedem Stück steckt enorm viel Arbeit, nicht selten sind 1,4 Millionen Knoten auf einem Quadratmeter verknüpft. Kein Vergleich mit den maschinell gewebten Teppichen in Möbelhäusern: Das Knüpfen eines Perserteppichs in traditioneller Handarbeit, so wie Abbas Saber sie verkauft, ist ein zeitaufwändiger Prozess, der je nach Größe und Qualität Monate bis Jahre dauern kann. Die Teppiche werden auf einem Webstuhl hergestellt, auf dem Kettfäden aufgespannt werden, in die im Verlauf abwechselnd Knotenreihen eingeknüpft und Schussfäden eingewoben werden. „Es sind reine Kunstwerke, ich handle nicht mit Massenware, sondern nur mit Unikaten“, betont Abbas Saber immer wieder.

Dass das seinen Preis hat, weiß er. „Es ist sehr teuer. Aber ein echter Perserteppich ist eine Kapitalanlage. Der Wert steigt, da Handarbeit immer weniger wird.“ Man könne ja auch nicht echten Schmuck mit Modeschmuck vergleichen. Und auch, wenn nicht jeder seine Begeisterung verstehen kann, sei seine Faszination ungebrochen. „Meine Familie ist seit über 120 Jahren im Teppichgeschäft und auch ich kann mir in meinem Leben nichts anderes vorstellen.“

Abbas Sabers Orient-Teppichladen in der Andreas-Dirks-Straße 14 ist montags bis sonnabends von 10 bis 18 Uhr und Sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Termine gibt es auch nach Vereinbarung unter 0160-1671895

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