zur Navigation springen

Der „Fall Reinefarth“ minutiös aufgerollt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In „Der Fall Reinefarth“ wird untersucht, wie Heinz Reinefarth solch eine Nachkriegskarriere machen konnte

von
erstellt am 07.Mai.2014 | 12:42 Uhr

Auf diesen Fall trifft das Wort von der „zweiten Schuld“ der Deutschen, geprägt von dem Holocaustüberlebenden und Publizisten Ralph Giordano, auf besondere Weise zu: Der Jurist und NS-Protagonist Heinz Reinefarth war als SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei maßgeblich an der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 gegen das deutsche Besatzungssystem beteiligt, konnte aber nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes im Wesentlichen unbehelligt von der Justiz eine zweite bemerkenswerte Karriere in Politik und Verwaltung starten. Das war nach Nazi-Diktatur und Angriffskrieg die zweite Schuld der Deutschen, von der Giordano sprach.

Heinz Reinefarth (1903-1979) wurde Mitglied der Stadtvertretung und des Magistrats von Westerland und 1951 zum Bürgermeister der Stadt gewählt. 1957 wurde er für weitere zwölf Jahre in diesem Amt bestätigt, aber 1963 von der Stadtvertretung aufgrund des öffentlichen Drucks vorzeitig abgewählt. Von 1958 bis 1962 saß er für den von vielen einstigen NSDAP-Mitgliedern durchsetzten Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) im Kieler Landesparlament. Damit war er der einzige ehemalige SS-General, der nach 1945 auf Länderebene ein politisches Mandat innehatte. Und was aus heutiger Sicht noch sehr viel mehr Unverständnis hervorruft, ist die Tatsache, dass Reinefarth für seine Verbrechen, denen Tausende von Menschen zum Opfer fielen, nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Wie generell die Gesellschaft schnell ihren Frieden mit Nazi-Verbrechern machte, blieben auch seine (Un-)Taten ungesühnt.

Der „Fall Reinefarth“, der vor allem in den 1960-er Jahren für Schlagzeilen sorgte und zum Thema eines propagandistischen Anti-BRD-Films der DDR wurde, ist jetzt erstmals minutiös aufgerollt worden. Der Schweizer Zeithistoriker Philipp Marti, der bereits 2011 in dem Jahrbuch „Demokratische Geschichte“ in einem Aufsatz mit dem Untertitel „Vom ,Henker von Warschau‘ zum Bürgermeister von Westerland“ erste Einblicke in seine Rechercheergebnisse und Analyseansätze gab, hat soeben seine umfang- und materialreiche biografische Studie zu Reinefarth und seinen zwei Karrieren vorgelegt. Damit hat der 35 Jahre alte Historiker einen bedeutsamen Beitrag zur Täterforschung und zur Fragestellung geliefert, wie Gesellschaft, Politik und Justiz in der frühen Bundesrepublik Deutschland mit den personellen schweren „Altlasten“ aus der NS-Zeit umgingen.

Allein schon, dass das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte der Universität Flensburg seine neue Schriftenreihe „Beiträge zur Zeit- und Regionalgeschichte“ mit der Herausgabe der Reinefarth-Studie beginnt, kann als eine Auszeichnung für den Verfasser und die Qualität der Arbeit gewertet werden. Bei dieser in der Tat inhaltlich exzellenten Buchveröffentlichung handelt es sich um die geringfügig überarbeitete Fassung von Philipp Martis Dissertation, die Anfang 2013 von der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern angenommen wurde.

Der Autor untersucht in seiner gründlichen, verdienstvollen Studie nicht nur Rolle und Verhalten Reinefarths in der Kriegszeit, sondern beleuchtet exemplarisch schwerpunktmäßig die gesellschaftlichen Bedingungen in der Bundesrepublik, die es einem NS-Belasteten ermöglichten, seine Vergangenheit abzustreifen, rasch ein neues bürgerliches Leben zu beginnen und eine Laufbahn als Politiker einzuschlagen. In diesem besonderen Klima des Wegschauens, Verschweigens und Leugnens, das stark an die Symbolik der „drei weisen Affen“ (nichts sehen, nichts hören, nichts sagen) erinnert, konnte ein Mann wie Reinefarth zum lange Zeit von der örtlichen Bürgergesellschaft gestützten und respektierten Bürgermeister avancieren. Insofern wirft der von Philipp Marti umfassend dargestellte und gut lesbar präsentierte Fall Heinz Reinefarth über dessen Doppelkarriere hinaus auch ein bezeichnendes Licht auf gesellschaftliche Strukturen, die das Denken und Handeln für viele Jahre stark bestimmten.

Philipp Marti: Der Fall Reinefarth. Eine biografische Studie zum öffentlichen und juristischen Umgang mit der NS-Vergangenheit. 498 Seiten, 24 Euro. Wachholtz Verlag

.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen