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„Der Fall Reinefarth“ erscheint als Buch

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Schweizer Historiker hat sich mit dem Leben des SS-Offiziers und Westerländer Bürgermeisters beschäftigt

von
erstellt am 31.Dez.2013 | 00:33 Uhr

Ein junger Zeithistoriker aus der Schweiz hat einen norddeutschen Skandal aufgearbeitet und am Beispiel des hochdekorierten SS-Brigadeführers und Generalmajors der Polizei und späteren Westerländer Bürgermeisters Heinz Reinefarth, der für den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) im schleswig-holsteinischen Landtag saß, die öffentliche und juristische „Vergangenheitsbewältigung“ von NS-Kriegsverbrechen und den beginnenden Wandel der Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet. Der 35 Jahre alte Philipp Marti aus Bern hat nach mehrjähriger Recherche seine Doktorarbeit mit Erfolg abgeschlossen und anschließend als Buchveröffentlichung vorbereitet.

Mit seinem 400 Seiten umfassenden, faktenreichen und mit einem Bildteil versehenen Werk „Der Fall Reinefarth“ wird das Institut für Zeit- und Regionalgeschichte mit Sitz in Schleswig seine neue Schriftenreihe „Beiträge zur Zeit- und Regionalgeschichte“ eröffnen. Der Band wird im März 2014 im Wachholtz Verlag, Neumünster, erscheinen. Er trägt den Untertitel „Eine biografisch Studie zum öffentlichen und juristischen Umgang mit der NS-Vergangenheit“.

Einen Einblick in seine Studie hatte Philipp Marti, der bei seinen Recherchen vom Institut für Zeit- und Regionalgeschichte und vom Sylt-Archiv in Westerland sowie von konsultierten Zeitzeugen unterstützt worden war, der Öffentlichkeit bereits in einem Aufsatz gegeben, der unter dem Titel „Die zwei Karrieren des Heinz Reinefarth - Vom ,Henker von Warschau‘ zum Bürgermeister von Westerland“ in dem Jahrbuch „Demokratische Geschichte“ für 2011 erschienen war (wir berichteten).

Reinefahrth war maßgeblich an der brutalen Niederschlagung des 63-tägigen Warschauer Aufstandes 1944 gegen das deutsche Besatzungssystem beteiligt, der mehr als 150 000 Menschen das Leben kostete. Philipp Marti zu Reinefarths Rolle: „In den ersten Tagen des Einsatzes verübten Angehörige der ihm unterstellten ,Kampfgruppe Reinefarth‘ in den Stadtteilen Wola und Ochota schlimmste Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Obwohl das Massaker mehrere zehntausend Zivilisten das Leben kostete, war Reinefarth nicht ganz zufrieden. Telefonisch meldete er dem Oberkommando der vor Warschau stationierten 9. Armee, dass seine Truppen nur langsam vorankämen und er zu wenig Munition habe, um alle Gefangenen zu liquidieren.“ Der Historiker aus der Schweiz bezeichnet Reinefarth als „Exzesstäter“.

Nach dem Kriege startete Reinefarth auf Sylt seine zweite Karriere: Er wurde Mitglied der Stadtvertretung und des Magistrats von Westerland und 1951 zum Bürgermeister der Stadt gewählt. 1957 wurde er für weitere zwölf Jahre in diesem Amt bestätigt. Zudem saß er von 1958 bis 1962 als BHE-Abgeordneter im Kieler Landtag. Damit war er der einzige SS-General, der nach 1945 auf Länderebene ein politisches Mandat inne hatte. Mehrere Auslieferungsersuchen Polens wies die Bundesrepublik zurück. Reinefarth starb 1979 auf Sylt, ohne sich jemals für seine Verbrechen in Warschau verantworten zu müssen. Und Westerland widmete ihm einen ehrenden Nachruf, in dem hervorgehoben wird: „Sein erfolgreiches Wirken für die Stadt Westerland wird unvergessen bleiben.“


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